100 Jahre Novemberrevolution

Lernen, nicht seinen Frieden zu machen

Aus der Rede von Florian Hainrich, SDAJ
|    Ausgabe vom 9. November 2018
DKP und SDAJ erinnern gemeinsam an die Novemberrevolution (Foto: Ulf Stephan / r-mediabase.eu)
DKP und SDAJ erinnern gemeinsam an die Novemberrevolution (Foto: Ulf Stephan / r-mediabase.eu)

Wenn wir heute im Gedenken an den 100. Jahrestag des Beginns der Novemberevolution auf die Straße gehen, darf auch ein kritischer Blick zurück nicht fehlen. Schließlich erreichte die Revolution nicht alle ihre Ziele.
Der Krieg und die Monarchie wurden beendet. Aber die Gesellschaftsordnung, die zu Krieg führte und auch heute noch führt – der Kapitalismus – wurde gerettet.
Gerettet von der Mehrheitssozialdemokratie, die schon damals offen auf die Seite des Gegners übergelaufen war. Sie war es, die mit Hilfe rechtsradikaler Freikorps Revolutionäre wie Luxemburg und Liebknecht ermorden ließ, sie war es, die, um endlich anerkannt zu werden, Abkommen mit den Kapitalisten schloss und die eigene Regierungsbeteiligung der Macht der Arbeiter-und-Soldaten-Räte vorzog.
Nun ist es ja aber immer ein wenig einfach, sich hinzustellen und zu rufen: „Die sind schuld.“
Denn ihnen war das ja nur möglich, weil revolutionäre Kräfte zu schwach, zu schlecht organisiert waren. Weil viele Arbeiter und Matrosen nicht erkannten, welches falsche Spiel Menschen wie Noske, Legien und Co. spielten.
Und genau hieraus sollten alle jene, die sich nicht abfinden wollen mit dieser Ordnung, in der die Profite der Großkonzerne alles, aber die Interessen der übergroßen Mehrheit nichts sind, lernen.
Lernen, dass es ohne revolutionäre Organisation nicht geht und ihr Fehlen in Momenten wie denen der Novemberrevolution fatale Auswirkungen hat, sie aber auch nicht ausreicht, sondern ebenso entscheidend die Selbstorganisation der ArbeiterInnen ist, in der Novemberrevolution verwirklicht durch die Arbeiter-und-Soldaten-Räte.
Lernen, dass es ohne Bruch mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln niemals eine befreite Gesellschaft geben wird und sich die Kapitalisten auch Erkämpftes zurückholen werden, so wie es auch nach der Novemberrevolution geschehen ist: der Acht-Stunden-Tag hielt nur wenige Jahre, die parlamentarische Demokratie bis 1933.
Lernen, dass Liebknechts Ausspruch auch heute noch zutrifft: „Der Hauptfeind des deutschen Volkes steht in Deutschland: der deutsche Imperialismus, die deutsche Kriegspartei, die deutsche Geheimdiplomatie. Diesen Feind im eigenen Lande gilt’s für das deutsche Volk zu bekämpfen, zu bekämpfen im politischen Kampf, zusammenwirkend mit dem Proletariat der anderen Länder, dessen Kampf gegen seine heimischen Imperialisten geht.“ Dass es unsere Aufgabe ist, uns den Herrschenden in den Weg zu stellen und ihren weltweiten Angriffskriegen etwas entgegenzusetzen, ihre Rekrutierungen zu behindern, ihre Scheinheiligkeit zu entlarven, ihre Aufrüstung zu stoppen und ganz klar und deutlich auszusprechen: Keinen Menschen, keinen Cent der Bundeswehr. Nein zu deutscher Großmachtpolitik!
Wer stattdessen seinen Frieden mit den eigenen Herrschenden macht und meint, mit ihnen zusammen gegen ausländische Despoten anzugehen, der folgt dem Weg der SPD, der Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter in Tod, Not und Elend führte.
Versuchen wir aus der Novemberevolution zu lernen, denn das Tucholsky-Zitat stimmt ebenfalls immer noch: Die deutsche Revolution steht noch aus.

Besetzung des Rathausbalkons durch die SDAJ.

Besetzung des Rathausbalkons durch die SDAJ.

( Ulf Stephan / r-mediabase.eu)


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Leserbrief zu Artikel »Lernen, nicht seinen Frieden zu machen«, UZ vom 9. November 2018





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