Wie der Sponsor zum Zensor wurde

Eine Posse zur Kulturpolitik des Goethe-Instituts Minsk
Von Hans-Günter Dicks
|    Ausgabe vom 9. November 2018
Zentrale des Goethe-Instituts in München. In die Minsker Dependance dieses Instituts durfte der Leibhaftige nicht rein. (Foto: Henning Schlotmann)
Zentrale des Goethe-Instituts in München. In die Minsker Dependance dieses Instituts durfte der Leibhaftige nicht rein. (Foto: Henning Schlotmann / Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Über allen Gipfeln war Ruh, und die Sonne des großen Dichterfürsten schien über den Büros des Goethe-Instituts in der belorussischen Hauptstadt Minsk. Igor Kuksin, Manager der Kulturprogramme des Instituts, überflog noch einmal die für die nächste Zeit geplanten Aktivitäten im Reiche des Landesfürsten Lukaschenko. Er hatte vor ein paar Tagen großzügig in sein Budget gegriffen und dafür gesorgt, dass das Pressebüro des 25. Internationalen Filmfestivals „Listapad“ (2.–9. November 2018 in Minsk) deutsche Journalisten zur Berichterstattung über das Festival einladen konnte – eine der üblichen Formen des Sponsoring, mit denen die weltweit agierende Firma Goethe im Auftrag des Auswärtigen Amtes deutsche Kulturpolitik im Ausland betreibt.
Kuksin überflog noch einmal die Akten und sonnte sich gerade im Wohlgefühl des großzügigen Sponsors. Plötzlich fiel sein Blick auf eine E-Mail aus dem Listapad-Büro, die so ungeheuerlich war, dass er sie zweimal las. Panik befiel ihn. Was da geschrieben stand, verhieß nichts Geringeres als den Besuch des Gottseibeiuns, Mephisto persönlich. Denn einer der Journalisten, die das Festival dank Goethe eingeladen hatte – sein Name ist der Redaktion bekannt – wollte seinen Bericht über das Festival nicht nur in „cinearte“ publizieren, laut Selbstbeschreibung „die größte Fachzeitschrift der deutschen Filmbranche“, sondern auch in einem veritablen Kommunistenblatt, nämlich in „Unsere Zeit – Zeitung der DKP“! Das also war des Pudels Kern!
Kaum von seinem grausigen Schock erholt, begann der tapfere Goethe-Kämpfer, sich die Folgen auszumalen – für sich selbst, aber auch für seinen Dienstherrn. Lorbeeren würde er sich mit seiner Einladung an Mephisto sicher nicht erwerben, das stand für ihn fest. Zwar konnte er hoffen, dass die besagte Teufelspostille dank ihrer geringen Auflage gar nicht in das Radar seines ständig durch die Welt reisenden Chefs Heiko Maas fiele, aber den stets wachsamen Schützern der Verfassung würde sie kaum entgehen. Vielleicht, so überlegte Kuksin, lagen in Maas‘ Schubladen schon Pläne für den „Regime Change“ in Minsk, der ohnehin längst überfällig war und den er, Kuksin, mit einer „Listapad-Revolution“ nach bekannten Mustern so karrierefördernd hätte fördern können. Statt Anerkennung und Orden würde ihm nun sein Lapsus nur Schande einbringen, wenn nicht gar die Verbannung aus dem schönen Minsk an den Werderschen Markt in Berlin.
Das durfte nicht sein! Er musste die Geister, die er rief, schnellstens wieder loswerden und die Zusage an das Festival zumindest für Mephisto widerrufen, und zwar sofort. Aber mit welcher Begründung, wenn der wahre Grund nicht aktenkundig werden sollte? Also schrieb er an Listapad-Pressechefin Irena Kotelovich, dass „es für uns leider sehr schwierig (wird), seine Anreise vorzufinanzieren“ – den Namen des Unerwünschten brachte er einfach nicht in die Tastatur. Als Grund nannte er vor allem die Kosten der Listapad-Filmparty des Instituts am 6. November und den Auftritt von Mark Reeder, laut Programmankündigung „eine der coolsten Figuren auf der Berliner Musikszene“, dessen Film „B-Movie – Lust & Sound in West-Berlin“ Kernstück der Party werden soll. Dieses und „noch mehr so Sachen“ seien „unvorhergesehene Ausgaben“. Für Reeder selbst waren „so Sachen“ offenbar weniger unvorhergesehen, denn er hat, wie Kuksin bemerkt, „schon seinen Koffer für die Reise gepackt.“ (Unter https://www.imdb.com/name/nm0715784/videoplayer/vi1721282585? profiliert sich Reeder zweifelsfrei als Verkünder des Goethe-amtlichen Deutschlandbilds.) Und für Kuksins weitere Laufbahn dürfte mangelhafte Planung weit weniger schädigend sein als „falsche“ Festivalgäste. Also bittet er Pressechefin Kotelovich um „Verständnis für uns“ – und überlässt ihr die Peinlichkeit, Mephisto wieder ausladen zu müssen. Da steht sie nun als armer Tor, hat aber immerhin etwas dazugelernt über deutsche Kulturpolitik in ihrem Land.


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Leserbrief zu Artikel »Wie der Sponsor zum Zensor wurde«, UZ vom 9. November 2018





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