100 Jahre Novemberrevolution

Die Stunde ist gekommen

Die Revolution erreicht Berlin, der Kaiser muss abdanken
Von Nina Hager
|    Ausgabe vom 9. November 2018
Unter den Linden am 10. November 1918: Bewaffnete Arbeiter und Soldaten (Foto: Archiv)
Unter den Linden am 10. November 1918: Bewaffnete Arbeiter und Soldaten (Foto: Archiv)

Am 9. November erreichte die Revolution Berlin. Am 8. November folgten die revolutionären Obleute (Vertrauensleute vor allem des freigewerkschaftlichen Metallarbeiterverbandes) einem Vorschlag der Spartakusgruppe und riefen angesichts der Entwicklungen im ganzen deutschen Reich für den nächsten Tag in Berlin zum Generalstreik und zu bewaffneten Demonstrationen auf. Die Spartakusgruppe orientierte in dieser Situation gleichfalls auf den Kampf. „Nun ist eure Stunde gekommen“, hieß es im von Karl Liebknecht und Ernst Meyer unterzeichneten Flugblatt der Gruppe Internationale (Spartakusgruppe) vom 8. November. Als nächste Ziele des Aufstandes bezeichnete die Spartakusgruppe
• die Befreiung aller politischen und militärischen Gefangenen;
• die Aufhebung aller Einzelstaaten und Beseitigung aller Dynastien;
• die Wahl von Arbeiter- und Soldatenräten in allen Fabriken und Truppenteilen;
• die Übernahme der Regierung durch Beauftragte der Arbeiter-und-Soldaten-Räte;
• die sofortige Verbindung mit dem internationalen Proletariat, insbesondere mit der russischen Arbeiterrepublik.

Revolutionäre vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Revolutionäre vor dem Brandenburger Tor in Berlin

( Archiv)

Einen Tag später erlebte die Hauptstadt einen umfassenden Generalstreik und bewaffnete Demonstrationen. Hunderttausende gingen auf die Straße. Den ersten Demonstrationszug bildeten die Arbeiter der Berliner Maschinenfabrik und der AEG Brunnenstraße. Viele andere schlossen sich an. Auch in anderen Stadtbezirken streikten Arbeiterinnen und Arbeiter, gingen auf die Straße. Riesige Demons­trationszüge mit bewaffneten Arbeitern und Soldaten zogen in die Innenstadt. Soldaten aus Kasernen schlossen sich an oder verweigerten den Befehl, auf die Demonstrierenden zu schießen. In der Chausseestraße gab es drei Tote an der Maikäfer-Kaserne (bis 1918 die Kaserne des Garde-Füsilier-Regiments der Preußischen Armee), als Offiziere mit Maschinengewehren in die Menge schossen. Auch am Marstall und an der Universität gab es Tote. Das Rathaus, das Haupttelegrafenamt, Kasernen und Polizeiwachen, Druckereien reaktionärer Zeitungen, gegen 13 Uhr auch das Polizeipräsidium, wurden gestürmt und besetzt. „Die Rote Fahne“, später das Zentralorgan der KPD, erschien am Abend dieses Tages das erste Mal. Die Zeitung überschrieb ihre Ausgabe: „Berlin unter der roten Fahne“ und berichtete unter anderem davon, dass 650 politische Gefangene befreit werden konnten. Unter ihnen befand sich auch Leo Jogiches. Bereits gegen Mittag befand sich Berlin weitgehend in der Hand der Revolutionäre. Selbst die politische Linke war vom Umfang und von der Wucht der revolutionären Entwicklung überrascht.
Reichskanzler Max von Baden verkündete gegen 13 Uhr des selben Tages die Abdankung des Kaisers und übertrug sein Amt dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Der hatte nichts Eiligeres zu tun als zu „Ruhe und Ordnung“ und zum Verlassen der Straße aufzurufen. Ebert kündigte zudem die Bildung einer neuen „Volksregierung“ im Einvernehmen mit den Parteien an. Doch er hatte keinen Erfolg. Der Generalstreik und die Demonstrationen gingen weiter.
Als die revolutionäre Bewegung bereits weitgehend die Übermacht gewonnen hatte, schloss sich dann auch die SPD-Führung dem Generalstreik und den riesigen Demonstrationen an. Sie versuchte sich an die Spitze zu drängen. In einer Extraausgabe des „Vorwärts“ hieß es, dass ein Arbeiter-und-Soldaten-Rat Groß-Berlin den Generalstreik beschlossen habe. Für diesen Rat zeichneten die SPD-Abgeordneten Ebert, Wels, Braun, Ernst und zwölf Fabrikvertrauensleute verantwortlich, berichtete die „Vossische Zeitung“ in ihrer Abendausgabe. Diesen Arbeiter-und-Soldaten-Rat hatte die SPD-Führung in ihrer Zentrale in der Lindenstraße gegründet. Philipp Scheidemann (SPD) war um 10 Uhr als Staatssekretär der Regierung Max von Baden zurückgetreten. Um 14 Uhr rief er, Karl Liebknecht zuvorkommend, aber wohl nicht abgestimmt mit dem SPD-Vorsitzenden Ebert, vom Balkon des Reichstags die Republik aus.
Karl Liebknecht sprach gegen 16 Uhr vor dem Schloss, später vom Balkon des Schlosses aus zu den Massen: „Der Tag der Revolution ist gekommen. Wir haben den Frieden erzwungen. Der Friede ist in diesem Augenblick geschlossen. Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem Schloss Jahrhunderte lang gewohnt haben, ist vorüber. In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik Deutschland.“ Und er erklärte den Anwesenden vor dem Stadtschloss: „Wir wollen an der Stelle, wo die Kaiserstandarte wehte, die rote Fahne der freien Republik Deutschland hissen!“
An diesem 9. November trafen sich in einem verschwiegenen Zimmer des Hotel Continental in der Neustädtischen Kirchstraße maßgebliche Großindustrielle. Unter dem Vorsitz von Hugo Stinnes und Karl Freiherr von Siemens handelten sie mit Carl Legien und einigen anderen Gewerkschaftsführern eine „Arbeitsgemeinschaft“ zwischen Finanzkapital und Gewerkschaften aus. Karl Friedrich von Siemens berichtet später: „Im Geknatter der von draußen hereintönenden Gewehrschüsse bietet Hugo Stinnes als Sprecher der Großindustriellen den Gewerkschaftsführern den ohnehin unvermeidlich gewordenen Achtstundentag und Arbeitsgemeinschaft zwischen Unternehmern und Gewerkschaftsführern an.“ Mit dem Pakt über diese „Arbeitsgemeinschaft“ wurde die politische Linie von SPD und rechten Gewerkschaftsführern gegenüber dem Großkapital nicht nur für die folgenden Jahre der Weimarer Republik festgelegt.

Demonstration am Marstall in Berlin

Demonstration am Marstall in Berlin

( Archiv)

Als einen Tag später in Berlin auf einer Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte ein „Vollzugsrat der Sozialistischen Deutschen Republik“ und ein Rat der Volksbeauftragten (in Anlehnung an den sowjetischen Rat der Volkskommissare) gewählt werden sollte, gelang es den Vertretern der SPD bereits, von den entscheidenden politischen Fragen abzulenken und die „Einigkeit“ in den Vordergrund zu schieben. Der sozialdemokratische „Vorwärts“ war an diesem Tag mit der Schlagzeile „Kein Bruderkampf!“ erschienen und hatte die Mitteilung über eine gemeinsame Regierungsbildung von SPD und USPD verbreitet. Der SPD gelang es, Teile der Vollversammlung auf ihre Seite zu ziehen und so den Grundsatz der Parität durchzusetzen: Im Vollzugsrat sollte die gleiche Anzahl Arbeiter- und Soldatenvertreter sitzen (obwohl die Arbeitervertreter eine um das Mehrfache größere Zahl vertraten als die Soldatenräte), zum anderen sollten bei den Arbeitervertretern im Vollzugsrat und beim Rat der Volksbeauftragten die gleiche Anzahl SPD- und USPD-Vertreter gewählt werden. Diese „Parität“ verschaffte der SPD – durch die Soldatenräte – ein Übergewicht. Die Vollversammlung bestätigt zudem mit dem Rat der Volksbeauftragten die provisorische Regierung aus SPD (Ebert, Scheidemann, Landsberg) und USPD (Haase, Dittmann, Barth). Die Vollversammlung beschloss zudem den „Aufruf an das werktätige Volk“. Darin wurde Deutschland zur sozialistischen Republik erklärt, in der Arbeiter-und-Soldaten-Räte die Träger der politischen Macht seien. Der Rat der Volksbeauftragten wurde beauftragt, schnell einen Waffenstillstand zu vereinbaren und mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu beginnen. Keine Beschlüsse wurden zur Sicherung der gerade erst erkämpften Macht und zur Zerschlagung des alten und der Schaffung eines neuen Staatsapparates gefasst.
Im Rat der Volksbeauftragten waren nun Friedrich Ebert (SPD) und Hugo Haase (USPD) formell gleichberechtigte Vorsitzende, jedoch war Ebert für die Ressorts Militärwesen und Sicherheitswesen, Haase für Außenpolitik und Kolonien zuständig. Das hatte Folgen, denn noch am späten Abend des 10. November (und dann täglich) nutzte Ebert sein neues Amt, um sich über eine geheime Leitung mit der Obersten Heeresleitung (OHL) abzustimmen, wie man mit den revolutionären Arbeitern und Soldaten in Berlin „fertig werden“ könne. Gemeinsam ging man so einen erster Schritt zur – „arbeitsteiligen“ – Formierung der militärischen Konterrevolution. General Groener (OHL) sagte im „Dolchstoßprozess“ 1925 aus: „Zunächst handelte es sich darum, in Berlin den Arbeiter-und-Soldaten-Räten die Gewalt zu entreißen. Zu diesem Zwecke wurde ein Unternehmen geplant, zehn Divisionen sollten in Berlin einmarschieren.“


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Leserbrief zu Artikel »Die Stunde ist gekommen«, UZ vom 9. November 2018





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