Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 23. November 2018

Ein deutscher Jude
Erinnert sei an den Schriftsteller Arnold Zweig, der am 26. November 1968 in Berlin, Hauptstadt der DDR, sechzehn Tage nach seinem 81. Geburtstag starb. Seine bekannten und heute noch lohnenswert zu lesenden Bücher seien ebenfalls erinnert: „Der Streit um den Sergeanten Grischa“, erstmalig erschienen 1927, die „Junge Frau von 1914“ (1931) und das „Beil von Wandsbek“, zuerst 1943 auf Hebräisch und 1947 auf Deutsch. Zweig war ein bekannter, vielgelesener Autor, bis das ihn die Faschisten aus dem Land trieben und seine Bücher auf den Scheiterhaufen landeten. Er floh nach Palästina, weil er glaubte, als jüdischer Mensch sei dort sein Platz und er fände die Anerkennung, die er verdiene. Zweig kehrte 1948 aber zurück und lebte voller Überzeugung in dem antifaschistischen und demokratischen Deutschland. 1957 wurde er als Nachfolger seines verstorbenen Kollegen Bertolt Brecht Präsident des „Deutschen PEN-Zentrums Ost und West“ (ab 1967: „P. E. N.-Zentrum DDR“). Betroffen machte ihn das Verbot des nach seinem Roman „Das Beil von Wandsbek“ gedrehten DEFA-Films 1951, dank einer kurzsichtigen Kulturpolitik Anfang der 50er Jahre. An seine schriftstellerischen Erfolge konnte er nicht mehr anknüpfen, er starb am 26. November 1968, sechzehn Tage nach seinem 81. Geburtstag. Seinem Wunsch, begraben zu werden nach jüdischem Ritus, wurde leider nicht entsprochen, er bekam ein Staatsbegräbnis.

Schwierig
Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, wirft Deutschland vor, seiner Verantwortung bei der Identifizierung und Rückgabe von NS-Raubkunst nicht nachzukommen. Die unrühmliche Rolle dieser Institution in ihrer Unterstützung der herrschenden Politik israelischer Regierungen bleibt leider oft unterbelichtet. Lieber lässt man den US-amerikanischen Mäzen und Kunstsammler Klage führen, „Deutschland habe eine historische Verantwortung, das Richtige zu tun“, auch die öffentlichen Institutionen seien ihrer Verantwortung nicht nachgekommen. Kritik übte er auch an der Arbeit der Limbach-Kommission, die Institutionen bei der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter berät. Die Kommission, benannt nach ihrer ersten Vorsitzenden Jutta Limbach, wird nur tätig, wenn beide Streitparteien sie gemeinsam anrufen. Dass nur 15 Entscheidungen in 15 Jahren vorgelegt wurden, ist sicherlich kein Ruhmesblatt, aber wie oft der Jüdische Weltkongress die Arbeit der Kommission blockierte, wird von Mr. Lauder nicht erwähnt.

Sehenswert
Richtig eingeschossen haben sich reaktionäre und faschistische Gruppen auf die Band „Feine Sahne Fischfilet“. Nun ist ein Dokumentarfilm ins Fadenkreuz geraten: Charly Hübner, eher bekannt als Rostocker Kommissar in der TV-Reihe „Polizeiruf“, hat einen beeindruckenden Film abgedreht, der die Band aus Meck-Pomm bei ihrer Tournee, ihren Proben und Auftritten sowie den Diskussionen mit dem Publikum einfängt. Hübner selbst sagt, „das ist mein eigener Anspruch an jede Art von Dokumentation, dass es eher ein Zeitdokument ist, das einen Eindruck vermittelt von der Epoche, in der es spielt, von Menschen, die in einem bestimmten historischen Zusammenhang leben“. Beim Dok-Film Festival in Leipzig räumte der Film gleich vier Preise ab, die AfD im Schweriner Landtag regte sich über die Förderung durch das Land auf, dann kam es heftig mit Drohungen gegen Kinobetreiber inklusive zerschlagener Schaufenster. Der Film sollte im Rahmen der Schulkinowoche Ende November auch in Bad Schwartau gezeigt werden. Nach massiven Drohungen gegen das Kino und Schulverantwortliche wurde die Vorstellung aus Sicherheitsgründen abgesagt. Das Ministerium will nun eine Ersatzvorführung mit Diskussion organisieren, die Staatsanwaltschaft ermittelt „gegen Unbekannt“, obwohl sich die Figuren offen in ihren Medien damit brüsten.
Herbert Becker


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