Interview

Weil wir Kommunisten sind

Melina Deymann im Gespräch mit Alex Homich
|    Ausgabe vom 30. November 2018
Alex Homich im Wohnzimmer der Connolly Baracks. (Foto: CYM)
Alex Homich im Wohnzimmer der Connolly Baracks. (Foto: CYM)

Alex Homich ist Vorsitzender der irischen kommunistischen Jugendorganisation „Connolly Youth Movement“ und einer der Besetzer des nach dem irischen Revolutionsführer James Connolly benannten Hauses in Cork, den „Connolly Baracks“.


UZ: Vor 15 Monaten besetzten Mitglieder der „Connolly Youth Movement“ (CYM) ein Haus in Cork, die Besatzung dauert immer noch an. Warum habt ihr euch für diesen Schritt entschieden?

Alex Homich: Wir waren frustriert, weil andere politische Organisationen nicht zu direkten Maßnahmen und zivilem Ungehorsam gegriffen haben. Tatsächlich ist die Prämisse für praktisch jede andere linke Gruppe, Boden bei Wahlen gut zu machen und die Wohnungsfrage in lokalen oder nationalen Regierungen zu platzieren.
Aber mal im Ernst, wie können wir als Kommunisten dies als Lösung präsentieren? Wir suchen nicht einfach nur nach Reformen, wir bauen eine revolutionäre Bewegung auf, die in der Lage ist, den Kapitalismus zu stürzen. Ein Teil dieser Besetzung ist auch ein Wandel des Bewusstseins, wie Menschen mit Autoritätspersonen umgehen, wie sie mit der Polizei sprechen und wie sie sich behandeln lassen.

UZ: Wer wohnt in den Connolly Baracks?

Alex Homich: Im Moment leben fünf Menschen in den Connolly Baracks. Drei dieser Bewohner haben aus verschiedenen Gründen keine Möglichkeit, woanders zu wohnen. Ich kann zum Beispiel nicht bei einem meiner Elternteile leben, die haben einfach keinen Platz für mich, und das schon seit einiger Zeit nicht mehr. Ich weiß es zu schätzen, dass sie meine politische Arbeit voll unterstützen, aber die Kosten für Wohnraum sind einfach zu hoch.
Ein Genosse ist völlig von seiner Familie entfremdet und hat außerhalb dieses Hauses oder dem Sofa anderer Leute keinen Ort, an den er gehen könnte. Die dritte Person ist ein älterer Genosse, der in den 70er Jahren Mitglied der Connolly Youth Movement war und kürzlich von einem Heuschreckenfond aus seinem Zuhause vertrieben wurde. Er hat Kontakt zu jemandem aufgenommen, von dem er wusste, dass er noch in der Kommunistischen Partei Irlands (CPI) ist und hat dadurch auch Kontakt zu uns bekommen. Seit April lebt er mit uns zusammen.

UZ: Was für Reaktionen habt ihr vom Hauseigentümer, der Stadt und der Polizei bekommen?

Alex Homich: Der vermeintliche Eigentümer kam eines Morgens und hat versucht, die Tür einzutreten. Ich war nicht da, aber ein anderer Genosse schlief im ersten Stock. Nach einem Anruf kam ich sofort zurück, knallte dem Vermieter die Tür vor der Nase zu und gratulierte ihm dazu, die Polizei gerufen zu haben – wir würden uns dann mit ihnen beschäftigen, wenn sie da wären. Wir haben sofort Nachrichten an unsere politischen Freunde und Bündnispartner in Cork gesendet und innerhalb einer halben Stunde standen 20 Menschen vor der Tür.
Um es kurz zu machen: der vermeintliche Eigentümer ist abgehauen. Nach irischem Recht ist so etwas eine zivilrechtliche Angelegenheit, die zwischen dem Hauseigentümer und den Besetzern zu lösen ist. Der Eigentümer muss vor Gericht gehen und dort erst mal beweisen, dass das Haus sein Eigentum ist.

UZ: Welche Reaktionen habt ihr aus der Bevölkerung bekommen? Wie ist euer Verhältnis zu den Nachbarn?

Alex Homich: Zunächst negative, aber wir haben unseren Standpunkt klarmachen können. Wir konnten vermitteln, dass die Immobilienkrise eine so krasses Ausmaß erreicht hat, dass sie jeden betrifft und dass es die Verantwortung sozial und politisch bewusster junger Menschen ist, sich auf die ein oder andere Weise dagegen zu engagieren. Wir haben angesprochen, dass das Recht auf ein Dach über dem Kopf wichtiger ist als das Recht auf Privateigentum. Wir haben dies in allen Medien, auf allen Radiosendern und überall sonst, wo wir sprechen durften, getan und ich denke, wir haben eine Menge Menschen für unsere Sache gewonnen. Ein Nachbar vermietet bei „Air bnb“ und mag uns nicht, er hat uns in der Vergangenheit aggressiv behandelt, aber uns nicht wirklich etwas getan. Ein anderer Nachbar war dagegen charmant und respektvoll und bot uns sogar Hilfe an, es kommt also immer darauf an.

UZ: Wie habt ihr es geschafft, solange durchzuhalten?

Alex Homich: Zuerst einmal: Wir sind Kommunisten. Wir wissen, dass unsere Sache gerecht und das, was wir tun, richtig ist.Unabhängig von der Not, den Schwierigkeiten, dem Schmerz und dem Hunger werden wir triumphieren, denn unsere Sache und unser Durst nach einer neuen Welt sind unser Leitstern.
Wir sind organisiert und verlassen uns auf den Demokratischen Zentralismus als Methode zur Lösung unserer Probleme. Ich glaube, das ist es, was uns von anderen Besetzungen und Besetzern unterscheidet. Wir glauben nicht, dass die Methode „Alles Verneinen, was der Kapitalismus hervorgebracht hat“, die von anarchistischen oder anderen ultralinken Gruppierungen angewendet wird, richtig oder angemessen ist.Wenn die Kapitalistenklasse organisiert, diszipliniert und zielgerichtet ist, dann sollte es die Arbeiterklasse auch sein. Diese Logik und diesen Sinn haben wir auch für unsere Art angenommen, Connolly Baracks zu führen.

UZ: Seid ihr im Moment die einzigen Hausbesetzer in Irland oder gibt es eine Bewegung?

Alex Homich: Wir sind nicht die einzigen, andere Besetzungen kommen und gehen, Dublin hat zum Beispiel eine sehr aktive Hausbesetzerszene. Den Sommer über gab es eine Serie von Veranstaltungen unter dem Titel „Holt euch die Stadt zurück – Dublin“, bei der auch mehrere leerstehende Häuser in Dublin besetzt wurden, um auf die Wohnungskrise aufmerksam zu machen. Ich denke, unsere Besetzung hat ein klareres und schärferes Profil und ist an unseren Jugendverband angebunden, eigentlich wird sie von unserem Jugendverband durchgeführt.

UZ: Gibt es irgendwelche Versuche der irischen Regierung, die Wohnungskrise zu lösen?

Alex Homich: Die ehrliche Antwort ist Nein. Die Regierung der 26 Grafschaften hat nur eine Absicht: die fortgesetzte Bereicherung ihrer Klasse. Hotels erzielen Rekordgewinne, weil sie als „Notunterkünfte“ dienen, was bedeutet, dass der Staat sie dafür bezahlt, Obdachlose unterzubringen. Das mag als kurzfristige Lösung gut klingen, aber es gibt Leute, die das ganze Jahr an diesen Orten verbringen und es kostet Millionen. Man könnte denken, dass die Lösung darin besteht, universell zugängliche öffentliche Wohnungen zu bauen und dort Menschen zu beherbergen, anstatt Marktpreise für Hotelzimmer zu zahlen, oder? Dies ist jedoch nicht im Interesse der besitzenden Klasse. Mit ihren Maßnahmen will die irische Regierung nichts an dem grundlegenden Problem der Bereitstellung von erschwinglichem Wohnraum ändern. Würde sie das tun, würden die Mieten und die Immobilienpreise sinken, und dies würde ihrem Klasseninteresse und dem ihrer Verbündeten schaden.


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Leserbrief zu Artikel »Weil wir Kommunisten sind«, UZ vom 30. November 2018





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