Testikel auf Papier

Aus Traurigkeit: David Foster Wallaces Essays jetzt in einem Band
Von Ken Merten
|    Ausgabe vom 30. November 2018

David Foster Wallace
„Der Spaß an der Sache“
Kiepenheuer & Witsch
Köln 2018, 1088 Seiten
36 Euro, als eBook 29,99 Euro

Es gibt Fehlentscheidungen im Werdegang anderer, die sind offensichtlich: fragwürdige Politiker, die lieber bei ihrem vorigen Beruf hätten bleiben sollen, sagen wir, Liedermacher. Musiker, die als zum Beispiel Unterwäschemodels oder Fußballer im Fortgang vielleicht bewiesen hätten, dass ihre Skill-Palette doch etwas breiter ist und nicht durch eine grüne Maske und Helium-Hochpitchen künstlich ausgedehnt werden muss.
Nicht bei David Foster Wallace (ab hier: DFW). Auch wenn der Akademikersohn aus dem kleinstädtischen Mittleren Westen der USA jung zeigte, dass sich sein Talent nicht auf abstrakten Kram wie Literatur, Mathe und Philosophie beschränkt. Einzig der zahme Ausbruch seiner Pubertät verhinderte, dass, statt einem der meistrezipierten Autoren um das zweite Millennium herum, aus ihm ein Tennisprofi wurde, der laut Selbstaussage die (allein nicht hinreichenden) Vorteile genoss, durch hyperfunktionale Schweißdrüsen immer gut klimatisiert zu sein und sich in der Geometrie des Courts so wohl fühlte, wie es nur ein Streber kann.
Aus der Sportkarriere wurde nichts und darum sind wir nicht böse, haben wir doch damit einen genialen Schreiber gewonnen, an dessen Verlust vor zehn Jahren man wiederum oftmals erinnert wie an den Tod eines Halbgotts. Am 12. September 2008 nahm sich DFW mit 46 Jahren das Leben.
Grund für den Verlag Kiepen­heuer & Witsch, DFW ein von ihm selbst geschaffenes, nun ins Deutsche versetztes Monument zu errichten: „Der Spaß an der Sache“ umfasst alle Essays, ungekürzt und übersetzt von Ulrich Blumenbach und Marcus Ingendaay. Ersterem hat man bereits zu verdanken, dass DFWs Hauptwerk, der Romangodzilla „Infinite Jest“ (1996), seit 2009 auch auf Deutsch lesbar ist. Ingendaays Übersetzungen (neben wunderschönen Storys des wandelnden Oxford English Dictionary mit dem obligatorischen weißen Kopftuch gegen Angstschweiß im Auge), kennt man aus bereits vereinzelt veröffentlichten DFW-Essays.
Jetzt wurden sie alle in einen Band gebunden. Und mit alle sind zu viele gemeint. Zumindest, wenn man den Klotz für unterwegs mitnimmt und nicht die eBook-Variante wählt. Denn in der Tasche zerquetscht „Der Spaß an der Sache“ alles andere, auch wenn man in der Tram nur „Neues Feuerspeien“ lesen will, 1996 geschrieben, als auch den heterosexuellsten aller sexuell Aktiven klar wurde, dass HIV für alle eine Sache ist. Mit fünf Seiten eines der kürzesten Essays.
Weil DFW aber ein Essayist hohen Ranges ist, der die Gattung, wie sie seit Michel de Montaigne gepflegt wird, mit Information, Haltung und Unterhaltung sättigt, wird der Band selbst auch mit der Zeit zerschlissen. Man liest nicht nur ein DFW-Essay, wenn man erst mal eines gelesen hat.
„Die Zeit hat die Ewigkeit verändert“, heißt es in „Fiktionale Zukünfte und die dezidiert Jungen“ über die Popliteratur Ende der 80er. Sprich: Darum, was klassisch ist, wird immer wieder neu verhandelt.
Ein zeitgenössischer Klassiker ist sicher sein im Sammelband enthaltener Nichtessay „Das hier ist Wasser“, eine Rede vor College-AbsolventInnen, mit der simplen Aufforderung, auch andere Menschen mitzudenken und ihre Interessen zu achten, egal ob nun obengenannte Unterwäschemodels und ihr potenzielles Bedürfnis zu rappen oder die Supermarktangestellte, die einen noch schlechteren Tag haben könnte als man selbst.
Doch nicht nur in dieser Rede geht DFW ins Wesentlichere, als die Oberflächen populärer Phänomene sie im ersten Moment versprechen.
Er ist Ethnograf in seinem eigenen Land, seiner eigenen Kultur und seinem System. Ob als journalistischer Wahlkampfbegleiter des unlängst verstorbenen John McCain oder auf einer State Fair (ein riesiges Rhizom aus Volksfest, Rummel, Messe und bäuerlicher Wettkampfarena). Dadurch gewinnt sein Blick eine ungemeine Schärfe, auch für die Makroebene.
Klar, seine Brille ist die eines Bürgerlichen. Doch fehlt seiner doch der allzu gerne mit so einem Sehwerkzeug mitgelieferte moralinsaure Filter. DFW zum Parlamentarismus: „In Wirklichkeit gibt es kein Nichtwählen“. Den des Vergnügungshedonismus auf Luxusdampfern diagnositiziert er als gescheiterten, frustrierenden Versuch, für teuer Geld zurück in den Mutterleib zu kriechen. Er kritisiert linksliberale Sprachhygiene als dogmatischen Kampf auf der Erscheinungsebene ohne Willen zum sozialen Wandel, und nennt sie eine „leninistisch-stalinistische Ironie“ (sowas von sic!). Wenn DFW dann doch eingesteht, dass Sprache hegemonial in den USA besitzend, weiß, männlich und hetero bedeutet, dann tut er das lieber nebenbei in einer Fußnote.
Fußnoten überhaupt dominieren die Mehrzahl der bibeldünnen Seiten, die wie Testikel von den Essays baumeln und DFWs Kastrationsangst durchscheinen lassen. Wiederholt taucht dort der Hinweis auf, dass sie der Redakteur vor Erstveröffentlichung eh wegkürzen wird. Was seit „Unendlicher Spaß“ mitschwimmt, wenn man DFW liest, bleibt auch hier an seinen brillanten Essays und Reportagen haften: Dass er die von ihm wahrgenommene all-inclusive Traurigkeit, die er opulent zu Literatur macht, nur durch intellektuelle Angeberei erträgt, die man unter Jungs Schwanzvergleich nennt.
In sechs Abschnitte sind die Essays arrangiert, darunter Politik, Unterhaltungsindustrie – und Tennis.
Auch wenn David Foster Wallace ein Angeber schlimmster (heißt: sich selbst merkender) Sorte ist, die Schilderungen von Roger Federers Spiel („Dass der Ball kooperiert und für ihn ein bisschen länger in der Luft hängt und verlangsamt, als wäre er dem Schweizer zu Willen – das hat eine metaphysische Wahrheit.“), bis ins Kleinste fein beobachtet und mit Verve beschrieben, sind Beispiele fesselnder Anteilnahme an der Welt samt des Versuchs, diese im Kern zu erkennen. Ästhetische Versuche, die einem dann trotzdem gern das Pausenbrot in der Tasche zerquetschen mögen. Man will eh lieber lesen.

David Foster Wallace
„Der Spaß an der Sache“
Kiepenheuer & Witsch
Köln 2018, 1088 Seiten
36 Euro, als eBook 29,99 Euro


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Leserbrief zu Artikel »Testikel auf Papier«, UZ vom 30. November 2018





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