Interview

„Du kannst nicht mehr mithalten“

Werner Sarbok im Gespräch mit Simone Peters
|    Ausgabe vom 30. November 2018
Die Parallelgesellschaft steht an: Schlange an einer deutschen Tafel (Foto: ©Diakonie)
Die Parallelgesellschaft steht an: Schlange an einer deutschen Tafel (Foto: ©Diakonie)

Simone Peters* lebt im Ruhrgebiet. Die UZ sprach mit ihr über ihr Leben mit Hartz IV.

 

UZ: Du bist auf Hartz IV angewiesen. Wie sieht deine finanzielle Situation aus?

Simone Peters: Ich lebe in einer „Bedarfsgemeinschaft“ mit meinem Mann. Monatlich erhalte ich 374 Euro, mein Mann auch. Ich arbeite in Teilzeit, da kommen netto etwa 126 Euro hinzu, die aber fast für die Fahrkosten draufgehen. Das macht unser Monatseinkommen aus, von dem wir leben und bis auf die Miete alles bezahlen müssen.

UZ: Reicht das?

Simone Peters: Vorn und hinten nicht. Die Hartz-IV-Sätze führen dazu, dass im Bundesgebiet mittlerweile Zehntausende ohne Strom leben müssen. Im Regelsatz sind für Wohnungsinstandhaltung und Energie 36,89 Euro berechnet. Das reicht natürlich für die realen Stromkosten nicht.
Für die Bildung ist der Betrag von 1,06 Euro monatlich vorgesehen. Das muss nicht weiter kommentiert werden. Du verkümmerst damit, Weiterbildung oder ein VHS-Kurs ist da natürlich nicht drin. Für Zeitungen, Bücher etc. muss man sich das Geld schon von woanders abknapsen – und das ist eigentlich nicht möglich.
Den Besuch von Veranstaltungen oder die Teilnahme an Demonstrationen muss ich langfristig planen oder dafür Mitfahrgelegenheiten organisieren. Im Hartz-IV-Satz sind für Fahrkosten 34,66 Euro vorgesehen, ein Sozialticket kostet bei uns einiges mehr. Das Ticket brauche ich wegen meiner Teilzeitstelle, aber ebenso noch Zusatztickets, weil ich mit dem Sozialticket meinen Arbeitsplatz nicht erreiche.

UZ: Wie geht ihr damit um, dauerhaft zu wenig zu haben?

Simone Peters: Man schiebt offene Rechnungen ständig vor sich her, viele machen sie erst gar nicht auf. Wenn unplanmäßig notwendige Anschaffungen gemacht werden müssen, haut es dich erstmal aus den Socken. Viele Menschen sind daher hoch verschuldet ohne die Chance, da jemals herauszukommen, der Gerichtsvollzieher geht ein und aus. Wir sehen ja auf unseren Straßen, wie in den Städten die Obdachlosigkeit steigt.
Du lebst in einer Parallelgesellschaft und kannst mit anderen Menschen nicht mehr mithalten. Du kannst dich nicht mehr über Urlaub unterhalten, das kennst du nicht mehr, genauso wenig wie das Kinoprogramm. Viele Freizeitbeschäftigungen, die du früher mit Freunden gemeinsam ausgeführt hast, kannst du dir schlichtweg nicht mehr leisten. Daher leben viele Betroffene isoliert in ihren Wohnungen.

UZ: Wie seid ihr in Hartz IV gelandet?

Simone Peters: Bei mit war es eine Betriebsschließung. Mein Mann ist durch Krankheit dauerarbeitslos geworden. Wir hatten beide vorher Vollzeitbeschäftigungen, mit denen wir recht gut leben konnten.

UZ: Welche Erfahrungen hast du im Jobcenter gemacht?

Simone Peters: Ich sehe weinende Menschen im Aufzug, Wut und Ohnmacht. Statt Hilfe erleben viele Betroffene Schikanen und Sanktionen. Sie werden nicht ausreichend über ihre Rechte aufgeklärt und sind häufig damit überfordert, die Anträge richtig auszufüllen.
Das hat wohl System, denn viele Aufstocker, die eigentlich Anspruch auf Leistungen hätten, verzichten vor diesem Hintergrund darauf, Leistungen zu beantragen.

UZ: Du versuchst mit einer Teilzeitstelle, deine Situation zu verbessern …

Simone Peters: Das ist alles ziemlich skurril. Der Arbeitgeber muss Formulare ausfüllen, ob ich Frühstück auf der Arbeit bekomme oder ob ich Fahrkosten erhalte. Falls ja, würde das von meinem Regelsatz abgezogen werden. Eine finanziell wirkliche Verbesserung ist dieser Job nicht.
Die Grünen bringen aktuell eine Erhöhung des Freibetrages in die Diskussion, er soll um 30 Prozent erhöht werden. Kostenloser Ökostrom für Arme kommt ihnen aber nicht in den Sinn.
Der Chef der Minijobzentrale bringt die Erhöhung der Obergrenze für Minijobs von heute 450 Euro monatlich ins Rennen. Da steckt allerdings nur hinter, dass mehr Stunden im Rahmen des Minijobs abgeleistet werden können. Es ist sogar zu befürchten, dass damit noch mehr Teilzeitstellen in Minijobs umgewandelt werden können.

UZ: Neuerdings tönt es aus der SPD: Hartz IV muss weg! Was empfindest du bei solchen Verlautbarungen?

Simone Peters: Zorn. Ich bin ziemlich sicher, dass sich nichts ändern wird. Die SPD hätte ja schon lange den Mindestlohn auf 12 Euro erhöhen können. Es war ja das Ziel der Agendapolitik, einen Niedriglohnsektor zu schaffen, und den erleben wir jetzt. Das sogenannte Bürgergeld würde für die Menschen auch finanziell nicht mehr bringen. Wir hören nichts davon, dass Leiharbeit und Ein-Euro-Jobs verschwinden sollen.
Der Hartz-IV-Regelsatz muss dringend der Realität angepasst und dementsprechend erhöht werden. Der Mindestlohn muss umgehend auf mindestens 12 Euro erhöht werden, es darf doch nicht sein, dass man trotz Arbeit aufstocken muss.

*Der Name wurde von der Redaktion geändert



Im aktuellen Hartz-IV-Regelsatz sind vorgesehen für     Euro

Nahrung, alkoholfreie Getränke    145,04
Freizeit, Unterhaltung, Kultur      39,91
Nachrichtenübermittlung      37,20
Bekleidung, Schuhe      36,45
Wohnen, Energie, Wohninstandhaltung      36,89
Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände      25,64
andere Waren und Dienstleistungen      32,99
Verkehr      34,66
Gesundheitspflege      15,80
Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen      10,35
Bildung        1,06


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Leserbrief zu Artikel »„Du kannst nicht mehr mithalten“«, UZ vom 30. November 2018





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