Wieder bewusster geworden

Wera Richter: 2018 war kein schlechtes Jahr für die DKP
|    Ausgabe vom 21. Dezember 2018

Ich neige dazu, unsere kleine Partei und ihre Fähigkeiten vor Ort zu überschätzen. Keine Neigung habe ich, sie schönzureden. Aber 2018? Da waren wir gut. Nicht für unser Seelenleben, sondern durchaus eingreifend in laufende Auseinandersetzungen und, ja, auch in Klassenkämpfe.
Im März durfte ich auf dem 22. Parteitag das Ziel ausgeben, 30000 Unterschriften unter den Appell „abrüsten statt aufrüsten“ zu sammeln. Ich war skeptisch, ob wir das schaffen. Aber wir haben es geschafft. In tausenden Gesprächen auf der Straße haben wir mehr als 34000 Unterschriften unter diesen wichtigen Appell der Friedensbewegung gesammelt und die Kampagne, wo wir konnten, in gewerkschaftliche Gremien getragen. Wir haben auf die wachsende Kriegsgefahr und die NATO als Hauptverursacher aufmerksam gemacht und für Frieden mit Russland geworben. Wir haben über die Dimensionen der Rüstungsausgaben in diesem Land und den Drang der Bundeswehr gen Osten aufgeklärt und gesagt, wo das Geld hingehört, das dort verpulvert wird. Das war und ist wichtige Aufklärung in Zeiten brennender Kriegsgefahr.
Am 19. Juli um sechs Uhr morgens die SMS: Alle Tore dicht. Zum zweiten Mal hatten wir als DKP gemeinsam mit unseren Genossinnen und Genossen aus den Beneluxländern und der SDAJ die Tore des Atomwaffenstützpunktes Büchel dicht gemacht.
Dann die Jubiläen der kommunistischen Bewegung: 200 Jahre Karl Marx, 100 Jahre Novemberrevolution und KPD, 50 Jahre DKP und SDAJ. In vielen großen und kleinen Veranstaltungen haben unsere DKP-Gruppen und unsere Künstlerinnen und Künstler die Geschichte der kommunistischen Bewegung lebendig gemacht.
Und wir waren draußen. Am 200. Geburtstag von Karl Marx in Trier, zum 100. Jahrestag der Novemberrevolution in Kiel – beides keine Orte, wo wir vor Stärke strotzen. Aber die Fahnen von DKP und SDAJ waren nicht zu übersehen, unsere Stimmen nicht zu überhören. Wer dabei war, ist ein bisschen stolz und mit neuer Kraft nach Hause gefahren.
Begeistert hat nicht nur uns, sondern auch die vielen Gäste und Unterstützer das 20. UZ-Pressefest. Mutig, die Losung „Frieden mit Russland“ auf der Hauptbühne, erhebend darunter die Begrüßung der vielen internationalen Gäste und der Solidaritätsakt mit den Streikenden der Uni-Kliniken aus Essen und Düsseldorf. Ihre Präsenz kam nicht von ungefähr. Vorausgegangen waren Solidaritätsaktionen unserer Partei mit den streikenden Kolleginnen und Kollegen und die Begleitung ihres Kampfes um mehr Personal durch unsere Zeitung. Wir waren unter den Streikenden und an ihrer Seite und haben den Kolleginnen und Kollegen den Rücken gestärkt.
Unsere Möglichkeiten sind uns in diesem Jahr wieder bewusster geworden. Auch das nicht von ungefähr. Vorausgegangen ist eine längere Debatte um die Notwendigkeit der Stärkung der kommunistischen Partei und ihre Ausrichtung als Partei der Arbeiterklasse. Der Beschluss des 22. Parteitags „Die DKP stärken – Für Frieden, Arbeit, Solidarität“ hat sie zusammengefasst und Schlussfolgerungen gezogen. Darunter die notwendige Wiederverankerung in der Arbeiterklasse in Betrieb, Gewerkschaft und Kommune, das Lernen und Anwenden unserer Weltanschauung in der Breite der Partei, das Ringen um organisiertes Herangehen. Da sind wir dran und das macht sich bemerkbar.
Nein, die Talfahrt in der Mitgliedergewinnung ist nicht beendet, unsere Existenz nicht gesichert, vielerorts sind wir alt geworden. Aber wenn wir den Weg lernend weitergehen, wieder verlässlichere Partner im Kampf um gemeinsame Interessen werden, wieder selbstbewusster unsere Positionen in die Diskussionen einbringen und Antworten auf die wesentlichen Fragen geben, dann wachsen die Chancen und eine entscheidende Frage geht uns wieder leichter von den Lippen: „Warum bist du eigentlich nicht in unserer Partei?“


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