Kultur
Themen: Filme

Die erstickte Story

Zu Nadine Labakis (Fast-)Meisterwerk „Capharnaüm“
Von Hans-Günther Dicks
|    Ausgabe vom 18. Januar 2019

Ob die libanesische Regisseurin Nadine Labaki weiß, dass der hiesige Verleih dem Originaltitel ihres Films „Capharnaüm“ ein „Stadt der Hoffnung“ angehängt hat? Wie sollte ein Ort der Not und des Chaos, dem schon die Bibel jede Hoffnung auf Erlösung abspricht – hier ein Elends- und Flüchtlingsviertel irgendwo im Libanon – eine Stadt der Hoffnung sein? In großen Totalen zeigt uns Christopher Aouns Kamera den Ort der Handlung als Flickenteppich-Mosaik, als ein Gewirr von Hüttendächern und verwinkelten Gassen, in dem Menschen unsichtbar werden. Schon in der ersten Szene erleben wir eine Welt, die auf dem Kopf zu stehen scheint: Ein Arzt prüft das Gebiss eines unterernährten, zerschunden aussehenden Jungen, um sein Alter zu klären und damit seine Strafmündigkeit. Denn dieser 12-jährige Zain verbüßt schon eine Haftstrafe wegen einer Messerattacke, als er nun vors Gericht geführt wird – diesmal jedoch nicht als Angeklagter, sondern als Kläger gegen seine eigenen Eltern! Sein Vorwurf: dass sie ihn in die Welt gesetzt haben, ohne ihn ernähren und erziehen zu können.
Zains Tat, so erfahren wir, galt dem Gemüsehändler, in dessen Haus Zains vielköpfige Familie kostenlos wohnt und der Zains Schwester Zahar heiraten möchte – ein Anspruch, dem die Eltern in ihrer täglichen Not schließlich nachgeben, obwohl Zahar erst elf ist. In hilfloser Wut über diese Entscheidung reißt Zain aus und treibt sich zwischen Jahrmarktbuden und den Hütten und Zelten des Slums herum. Dort trifft er auf die aus Äthiopien geflohene Rahil, die aus Angst vor der Abschiebung ihren kleinen Sohn Yonas heimlich geboren hat und täglich an ihrem Arbeitsplatz versteckt. Beider Not stiftet eine pragmatische Zweckgemeinschaft: Zain kriegt Essen und kümmert sich liebevoll um Yonas, während Rahil arbeitet – natürlich illegal – oder sich beim windigen Menschenhändler Aspro um falsche Papiere bemüht.
Ohne Pathos wird das erzählt, mit Laiendarstellern, die aus eigenem Erleben ihre Figuren perfekt beglaubigen können, allen voran der junge Zain Al-Rafeea als Zain und Yordanos Shiferaw als Rahil. Fast dokumentarisch wirken die Szenen und Dialoge, und dass während der Dreharbeiten sogar einigen Darstellern Ähnliches widerfuhr wie ihren Rollenfiguren, spricht für große Realitätsnähe. Die bleibt auch gewahrt, als Rahil bei einer Razzia festgenommen wird und Zain sich auf die Suche nach ihr macht, den kleinen Yonas auf einem selbst gebastelten Skateboard-Gefährt hinter sich her ziehend. Das Drama erreicht seinen herzzerreißenden Höhepunkt, als Zain eine Chance sieht, selber mit falschen Papieren dem Elend zu entkommen …
Flüchtlingselend und Slumchaos einmal nicht gesehen mit den Augen von Funktionären oder hilflosen Helfern und Gutmenschen – ihnen widmet Labaki nur einen kurzen, aber beißend grotesken Tröster-Auftritt mit Priester und religiösem Singsang im völlig überfüllten Knast. Die Menschen in „Capharnaüm“ hat keine Schule erzogen, keine Kirche, sondern die Straße. Sie hat ihnen die Kindheit geraubt und sie im Eiltempo zu Erwachsenen gemacht. Ihr rüder, auch gewalttätiger Umgangston, geformt von einem Leben im permanenten Selbsterhaltungsmodus, ist nur die raue Schale, unter der archaischer Gerechtigkeitssinn und solidarisches Denken sich erhalten haben. Nicht Mitleid und Rührung weckt dieser Film, sondern die kalte Wut über ein System, in dem Kinder zur Handelsware werden und dessen Politiker es Bomben statt Brot regnen lassen über dem wehrlosen Land.
Eine wirklich ungewöhnliche Geschichte, verdichtet aus Erfahrungen und Recherchen der Regisseurin, so treffsicher besetzt und in so eindringliche Bilder gegossen – Labakis dritter Spielfilm wäre ein wirkliches grandioses Meisterwerk geworden ohne jene letzten zwei Minuten, in denen das so kunstvoll aufgebaute Werk in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Da nämlich scheint blanker Wunderglaube die Regie zu übernehmen in einer ganzen Serie von Happyends, gerade so, als hätte jeder der fünf Drehbuch-Koautoren sein eigenes beisteuern wollen. Im Blitztempo wird der beklemmende Realismus, der bis da den Film bestimmte, mit der klebrigen Süße von Friede-Freude-Eierkuchen-Optimismus übergossen, die den Ernst von Labakis Film an vermeintliche Marketing-Überlegungen verrät: Wenn im Schlussbild ein auf Fotografenkommando lächelnder Zain die aufgewühlten Zuschauerseelen besänftigen soll, stirbt auch die Hoffnung den Erstickungstod.


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Leserbrief zu Artikel »Die erstickte Story«, UZ vom 18. Januar 2019





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