Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 18. Januar 2019

Kultur im Etat
Im vergangenen Juni ließ ein Versprechen des neuen italienischen Kulturministers Alberto Bonisoli Italiens Kunstszene aufhorchen: „Unsere Kulturgüter und unsere kulturellen Aktivitäten benötigen viel mehr Finanzmittel.“ Doch eingehalten hat Bonisoli sein Versprechen nicht. Tatsache ist, dass das neue Haushaltsgesetz für 2019 die Finanzmittel für den Kulturbereich sowohl kürzt als auch umverteilt. Und zwar so stark kürzt und umverteilt, dass bedeutende Kulturinstitutionen deutlich weniger Geld als bisher haben werden und jetzt nicht mehr wissen, wie sie ihre bereits geplanten Projekte realisieren sollen. Offiziell heißt es aus dem Kulturministerium, dass die auf diese Weise eingesparten Gelder anderweitig eingesetzt würden – und zwar zur Förderung der italienischen zeitgenössischen Kunst im Ausland. Was das genau bedeutet, ist allerdings unklar. Kulturschaffenden im Bereich der klassischen Musik macht ein anderes von der Regierung beschlossenes neues Gesetz zu schaffen: Das sogenannte „Gesetz zur Würde der Arbeit“ sieht vor, dass Freiberufler im Kulturbereich nicht mehrfach hintereinander mit Zeitverträgen beschäftigt werden dürfen. Dabei ist dieses Modell in Italiens Kulturinstitutionen weit verbreitet. Was das für Orchester bedeutet, lässt sich noch nicht absehen, denn angesichts klammer Etats werden die Musiker eher keinen neuen Vertrag erhalten als eine Festanstellung.

Bemerkenswert
In diesem Jahr ist Plowdiw, Bulgariens zweitgrößte Stadt, eine der beiden „Europäischen Kulturhauptstädte“. Einmalig in der bisherigen Geschichte dieser Marketing-Idee der Brüsseler Kulturbürokraten: 90 Prozent aller Projekte werden von Plowdiwer Bürgern gemeinsam mit internationalen Partnern realisiert. Schwerpunkt dabei ist die Einbeziehung der Roma. 40000 von ihnen leben zum Teil in ghettoartigen Verhältnissen im Viertel Stolipinowo, der größten Roma-Siedlung in Europa. „Wir wollten unbedingt Brücken zu den Roma bauen. Nicht nur im übertragenen Sinne. Eines der Projekte ist der Bau einer neuen Brücke über den Fluss Maritza. Sie wird die Stadt enger mit Stolipinowo verbinden und von den Roma gemeinsam mit dem deutschen Architekten Martin Kaltwasser errichtet werden. Das ist eines unserer spektakulärsten Events“, so beschreibt Swetlana Kujumdschiewa, die künstlerische Leiterin des Organisationsteams, den Leitgedanken der geplanten Events.

Wirbel um Genie
Dieses Jahr 2019 wird auch als „Leonardo-Jahr“ mit Ausstellungen, Veranstaltungen und einer Menge neuer Bücher Aufmerksamkeit schaffen: Vor 500 Jahren starb Leonardo da Vinci, Schöpfer des wohl berühmtesten Gemäldes der Welt, der „Mona Lisa“. Kaum mehr als eine Handvoll Gemälde werden ihm gesichert zugeschrieben. Leonardo versuchte, mit den Mitteln der Malerei, dazu gehörte für ihn besonders die Zeichnung, die lebendige Natur, dabei explizit die menschliche, zu erforschen. Die christliche Erzählung der Schöpfung, die Lehre der Kirche und den bis dahin geförderten Kult der Antike lehnte er ab. Und er macht in der Komposition großer Bibelerzählungen alles anders, sein berühmtes Abendmahl stellt Fragen. Judas sei nicht zu erkennen, war er überhaupt ein Verräter? Die ganze Jünger-Gesellschaft ist eindeutig eine Menschengruppe und keine Ansammlung künftiger Heiliger. ­Leonardo psychologisiert, statt das Sakrament des Abendmahls zu spiegeln. Und in seinem späten Gemälde der „Anna selbdritt“ wird aus Christus ein trotziges Kleinkind, das einem Lamm das Genick bricht. Man kann sagen, dass er seine Rolle als Lieferant von Gebrauchskunstwerken nicht erfüllt hat. Der Renaissance-Künstler verstand sich aber eben nicht nur als Maler, sondern besonders als Ingenieur, als der er sich am Hof von Ludovico Sforza in Mailand anpreist. Er verfasste ein Schreiben an den Fürsten, in dem er sich übermenschliche Fähigkeiten als Kriegsingenieur zuschreibt.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 18. Januar 2019





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