Interview

Wir haben unseren internationalistischen Beitrag geleistet

Werner Sarbok im Gespräch mit Heinz Stehr
|    Ausgabe vom 25. Januar 2019

Aus Anlass des 60. Jahrestages der kubanischen Revolution sprach die UZ mit Heinz Stehr über die Solidaritätsprojekte der DKP.


UZ: Wie kam es zu den Solidaritätsprojekten der DKP auf Kuba?

Heinz Stehr: Die DKP war immer eine internationalistische Partei, die die Traditionen der revolutionären Arbeiterbewegung seit Marx und Engels unter den jeweiligen Bedingungen lebte. Zu den herausragenden Ereignissen in der Zeit seit meiner Mitgliedschaft in der KPD 1962 gehörte die Solidarität mit Vietnam, Südafrika, Nicaragua und natürlich Kuba.
Es waren immer konkrete Projekte der Solidarität, die wir planten und damit auch ähnlich agierten wie andere kommunistische Parteien, die weltweit Solidarität bekamen und selbst gaben. In der Zeit der Illegalität der KPD von 1956 bis 1968 erhielt die KPD viel Solidarität, vor allem durch die sozialistischen Staaten.
Der Schwerpunkt der Solidarität bis Anfang der 90er Jahre war Nicaragua. Die DKP beteiligte sich daran mit dem Bau einer Druckerei und anderen Projekten. 1994 reiste Hermann Mädler vom Parteitag der FSLN nach Havanna zu Gesprächen beim Zentralkomitee der KP Kubas. In dem Bericht von dieser Reise, der in der DKP-Info 5/94 veröffentlicht wurde, heißt es: „Es wurde über die Idee diskutiert, ob es sinnvoll sei, für die Unterstützung der Kommunisten Kubas eventuell eine Brigade der DKP ins Leben zu rufen.“
Die Brigade „Che Guevara“ folgte. Die Mitglieder der DKP und viele Freunde sammelten ca. vier Millionen DM. 400 Brigadistinnen und Brigadisten beteiligten sich zusammen mit kubanischen Genossen am Bau von Arztpraxen, eines Rehazentrums und der Kinderklinik „Rosa Luxemburg“ für mehrfach behinderte Kinder.
Im Parteiprogramm beschlossen wir 2006 als eine Aufgabe der DKP: „Sie wird insbesondere ihre praktische Solidarität mit dem sozialistischen Kuba fortsetzen und verstärken.“

Beratung der Brigadisten. Der Rohbau ist fast fertig.

Beratung der Brigadisten. Der Rohbau ist fast fertig.

( Elfriede Haug)


UZ: Welche Projekte der DKP hat es gegeben?

Heinz Stehr: Zu den ersten Projekten nach 1990 gehörte eine auf Initiative der Kommunistischen Partei Frankreich (PCF) gestartete Geldsammlung für einen Tanker Öl für Kuba, zu der die DKP 100 000 DM beitrug. Das war eine Antwort auf die existentielle Krise Kubas nach dem Zusammenbruch und der Zerschlagung des Sozialismus in Europa. Der Energiemangel auf Kuba hatte in dieser Zeit katastrophale Folgen. Das „Tanker-Öl-Projekt“ sollte 1990/91 ein Zeichen der Solidarität setzen.
Im Jahr 1992 wurden für 90000 Euro Medikamente für Kuba in der Schweiz gekauft. Wir unterstützten das Kinderkrankenhaus „Cerro“ in Havanna mit lebenswichtigen Medikamenten.
Zu den herausragenden Soli-Projekten gehörte die Unterstützung der Herausgabe der Zeitung „Granma“ in deutscher Sprache. Sie erschien 1994 mit einer Nullnummer. Sie wurde in Havanna und bei der KP Luxemburgs gedruckt und von der DKP finanziell und organisatorisch unterstützt.
Das alles entsprach dem politischen Willen der DKP-Mitglieder, trotz eigenen Existenzkampfes einen Beitrag zur Sicherung des sozialistischen Kubas in der „Spezialperiode“ zu leisten.
Wichtig ist, dass wir mit der materiellen Solidarität auch die politische Solidarität tatkräftig unterstützt haben. Für die verstärkte politische Solidarität wurde die Kuba AG beim Parteivorstand geschaffen. Die DKP, die Internationale Kommission des Parteivorstandes und die Kuba AG haben den Kampf für die Befreiung der „Fünf Helden“ („Los Cinco“) aus US-amerikanischen Gefängnissen erfolgreich mit entwickelt. Sie waren aktiver Bestandteil im Komitee „Basta Ya“. diese Aufgabe hat maßgeblich Karl Heinz Sabelleck für die DKP wahrgenommen.
Die Sicherung der sozialistischen Gesellschaft auf Kuba ist vor allem dank der Bevölkerung und der KP Kubas gelungen. Wir haben unseren internationalistischen Beitrag geleistet.

UZ: Nach welchen Kriterien wurden die Projekte ausgewählt?

Teilnehmer der Brigade „Che Guevara“

Teilnehmer der Brigade „Che Guevara“

( Elfriede Haug)


Heinz Stehr: Die Entscheidung, welche konkreten Projekte der Solidarität wir eventuell schaffen könnten, wurde zwischen der KP Kubas und der DKP als Vorschlag entwickelt. Die jeweiligen Parteien haben dann entsprechende Beschlüsse gefasst, und dann wurden die Projekte geplant und die Arbeit begann. Die kubanische KP legte großen Wert auf die Absicherung der Gesundheitspolitik trotz der insgesamt katastrophalen Bedingungen auf Kuba.
Die DKP wollte mit diesen Projekten als einen Nebeneffekt die politische Stabilisierung der eigenen Partei erreichen. Ein anderer Aspekt war die deutlich wahrnehmbare politische Botschaft, dass wir weiterkämpfen für eine sozialistische Zukunft. Und wir wollten junge Menschen auch über die Solidarität für unsere politischen Ziele ansprechen.
Die gemeinsame Anstrengung zur Erstellung der Praxen und Kliniken sollte immer in gemeinsamer Arbeit kubanischer und deutscher Brigadistinnen und Brigadisten geleistet werden. Das diente auch zur Vertiefung der internationalistischen Haltung. Die Bevölkerung der Provinz Matanzas, aber auch die der gesamten Insel Kuba hat diese Solidaritätsprojekte wahrgenommen und konkret erlebt, dass die Rote Insel nach wie vor Freunde und Genossinnen und Genosse auf der ganzen Welt hat. Das war sehr wichtig in jener Zeit der Niederlage des Sozialismus in Europa.

UZ: Das ging sicher nicht ohne Probleme voran?

Heinz Stehr: Eine besondere Herausforderung war die Logistik für die Realisierung der Projekte. So wurden zum Bau des Rehazentrums „Ernesto Buschmann“ in Matanzas 1995 über 40 Container mit Solidaritätsgaben, Baustelleneinrichtungen sowie Baustellenmaterial auf den Weg gebracht.
Die DKP und viele Freunde sammelten Geld, Baumaterialien, Ausrüstungen, Medikamente und Solidaritätsgüter aller Art. Das erweiterte auch für DKP-Gliederungen ihre politischen Möglichkeiten vor Ort. Es gab herausragende Beispiele für Spendensammlungen, nicht nur in Form von Geld. Es wurden viele Infoveranstaltungen über Kuba und die politischen und sozialen Verhältnisse dort in vielen Orten Deutschlands organisiert und durchgeführt. Kubanische Kulturgruppen belebten viele Feste der DKP, so besonders die UZ-Pressefeste/Volksfeste der DKP.
Aus meiner Erfahrung entwickelte sich eine wunderbare Freundschaft und Solidarität zwischen Genossinnen und Genossen, Freundinnen und Freunden aus Kuba und der BR Deutschland.
Zwischen der KP Kubas und der DKP entstand ein besonderes Vertrauensverhältnis. Wir spürten diese besondere Atmosphäre während unserer Reise 2016. In der Klinik „Rosa Luxemburg“ waren nahmen wir an der Feier zum zehnjährigen Bestehen dieser besonderen Kinderklinik teil. Unser inzwischen leider verstorbener Genosse Christian Koberg erinnerte in bewegenden Worten an den Bau und die bis heute andauernde Unterstützung dieser Klinik, die inzwischen auch internationalen Erfahrungsaustausch zu Therapien für mehrfach behinderte Kinder durchführt.
Klaus Czyborra als Leiter der Kuba AG und andere Brigadistinnen und Brigadisten der Che-Guevara-Brigaden der DKP haben Großartiges geleistet, das in der Zukunft Bestand haben wird.

Das Projekt der DKP, eine moderne Familienarztpraxis in Matanzas, wird in Betrieb genommen.

Das Projekt der DKP, eine moderne Familienarztpraxis in Matanzas, wird in Betrieb genommen.

( Elfriede Haug)


UZ: Wie wurde die Solidaritätsarbeit der DKP auf Kuba wahr- und aufgenommen?

Heinz Stehr: 1994 hatte ich Gelegenheit, im Rahmen des weltweiten Treffens der Solidarität mit Kuba mit dem Genossen Fidel Castro zusammenzutreffen. Er war nicht nur sehr gut informiert über die DKP und die Folgen der Niederlage des Sozialismus in Deutschland, sondern auch über die gemeinsamen Solidaritätsprojekte der KP Kubas und der DKP. Diese Wertschätzung Fidels für unsere politische Tätigkeit hat bis heute anhaltend positive Wirkung auf mein Engagement. Immerhin tranken wir ein Glas Rum miteinander und versicherten uns gegenseitig der Solidarität und Freundschaft.
Über die Projekte der DKP wurde regelmäßig in allen Medien Kubas informiert, auch im Fernsehen.
Als wir 2016 auf Kuba waren, erinnerten sich Genossen und Genossen aus der Hotelleitung in Varadero, die in Cardenas leben, sehr gut an unsere Projekte. Sie unterstützten uns umfangreich bei der Realisierung unseres Besuchsprogramms.
Es gab und gibt aus vielen Teilen der Welt viel Solidarität mit dem sozialistischen Kuba. Die DKP hat dazu einen ganz eigenen Beitrag eingebracht, auf den die Mitglieder stolz sein können.
Wenn jetzt der 60. Jahrestag des Sieges der Revolution in Havanna gefeiert wurde, dann können wir zu Recht darauf verweisen, dass wir diesen Prozess in der schwierigen Zeit der existenziellen Herausforderung für das sozialistische Kuba nach 1990 wirkungsvoll unterstützt haben.


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