Polyester statt Rosa

Günter Pohl über den WDR
|    Ausgabe vom 25. Januar 2019

Der Westdeutsche Rundfunk, früher von rechts gern als „Westdeutscher Rotfunk“ diffamiert, informiert in seiner Sendung „Zeitzeichen“ seit Jahrzehnten täglich über irgendeinen historischen Zusammenhang, der am Datum der Sendung vor einer runden Zahl von Jahren aktuell war. Gern geht es dabei um Todes- oder Geburtstage von Kultur-, Politik- oder Schriftgutschaffenden, aber auch Gründungsdaten oder wichtige Beschlüsse, Kriegs- oder Friedensbeginn werden ausgewählt.
So war am 25. September 2018 die „Gründung der Deutschen Kommunistischen Partei“ das Tagesthema des „Zeitzeichen“. Der Redakteur erinnerte sich an die Wirrungen seiner Jugend in Datteln, als er den Verlockungen der Kommunisten (konkreter: einer Kommunistin) beinahe auf den Leim ging. Klüger als unsereiner bekam er aber noch die Kurve und irgendwann auch seinen Job beim WDR. In Anerkennung dessen ließ er einen Politologen die Sendung mit dem abschließenden Hinweis schmücken, dass „über diese Partei faktisch nicht mehr gesprochen“ wird.
Wie recht er hat, hatte man schließlich schon zweieinhalb Wochen zuvor gesehen, als das mitten im Herzen des Sendegebiets des WDR durchgeführte UZ-Pressefest mit 45 000 Teilnehmenden just von dem Medium komplett ignoriert wurde, das sodann feststellt, dass es Recht hat. Es widmete seine Sendezeit am selben – wie auch an jedem anderen – Wochenende aus gutem Grund lieber diversen 200-Menschen-Veranstaltungen von „Pulse of Europe“ oder Geschichtsbetrachtungen der AfD. Denn wer weiß schon, welch kluge Redakteure man sonst in Zukunft an die DKP verloren hätte.
Am 12. Januar 2019 war das „Zeitzeichen“ mit „Spartakusaufstand wird niedergeschlagen“ erneut zur kommunistischen Stelle und erwähnte im Nebensatz sogar die Ermordung Liebknechts und Luxemburgs. Um dann mit der „Meisterschaft der Kommunisten bei der(en) Heldenverklärung“ zu enden
Erleichtert, dass der organisierte Kommunismus innerhalb von kaum vier Monaten bereits zweimal erwähnt worden war, und WDR-Beiträge dabei zum Glück konsequent zwischen „wurde nachhaltig bekämpft“ (es gab 1919 aber auch wirklich viele Tote in Berlin) und „gibt es immer noch“ (da sind immer welche, die Mädchen aus Datteln erliegen) unterscheidet, freute man sich natürlich wie auf jedes auch auf das „Zeitzeichen“ des 15. Januar 2019 – weiß man doch, dass der WDR sich nicht scheut, wirklich bedeutende Ereignisse zu würdigen.
Und man wurde nicht enttäuscht: Am 15. Januar 1969 war das „Textilkennzeichnungsgesetz“ verabschiedet worden. Verbrauchergerechtes Wissen über Polyester, Baumwolle, Nylon – dafür hätten irgendwann auch Karl und Rosa gestritten, wäre ihnen nicht dieses blöde Missgeschick unterlaufen. Das hundert Jahre später folgerichtig beschwiegen werden konnte.


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Leserbrief zu Artikel »Polyester statt Rosa«, UZ vom 25. Januar 2019





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