Kunst als Widerstand

Zum 110. Geburtstag von HAP Grieshaber
Von Andreas Grimm
|    Ausgabe vom 1. Februar 2019

Kunst bedeutet immer Freiheit, „das praktische Erfahren des Anderen, des Lebensraumes, der Gemeinschaft“, so schreibt HAP Grieshaber 1937 an seinen Studienfreund Walter Renz. Er will nicht nur diejenigen erreichen, die bereits überzeugt sind, und hegt Freundschaften zu so verschiedenen Autoren wie Ernst Bloch und Walter Warnach auf der einen, zum Erzbischof von Freiburg und dem kriegsbegeisterten Ernst Jünger auf der anderen Seite. „Man malt für alle oder keinen!“, war seine Haltung. Er wollte, dass seine Holzschnitte zur Massenware werden und wollte daher eher so viele Originale von einem Motiv drucken, dass der Preisverfall unausweichlich wurde. Als Erbe Gutenbergs stellt er die Aufhebung der Kreativität des Arbeiters durch die Technologie und das Ende der Buchdruckerkunst fest.
HAP (Helmut Andreas Paul) Grieshaber, am 15. Februar 1909 in Rot an der Rot geboren, machte 1926 bis 1928 eine Schriftsetzerlehre in Reutlingen und studierte Gebrauchsgrafik an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart. Er hielt sich in London auf, wo er 1931 seine erste eigene Ausstellung hatte, ein Jahr später wurden seine Werke in Alexandria ausgestellt.
In Athen wurde er Gründer und Herausgeber der kulturpolitischen Zeitschrift „Deutsche Zeitung“. Der Beginn der Nazi-Diktatur wirkte sich auch auf seine Arbeit in Griechenland aus, das ihm Repressalien androhte, so dass er 1933 nach Reutlingen zurückkehrte, wo er ein Atelier auf der Achalm errichtete. In dieser Zeit fristete er seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter und Zeitungsausträger, da er sich bislang als Künstler nicht etablieren konnte. Er begriff die Bevorzugung des Holzschnitts als politischen Akt, als „Mittel des Bekenntnisses, schon seit den Flugschriften, aber auch von Barlach und den Expressionisten her“, wie er später einmal sagte.
Als Kritiker des Faschismus, in dem „Haben mit Sein, Macht mit Wert vertauscht und verwechselt“ wird und man beginnt, „den Geist für Eigentum zu halten“, musste er im Verborgenen arbeiten. Doch der Terror bringt den künstlerischen Widerstand hervor, und die dreißiger Jahre bildeten die „Mitte“ seiner künstlerischen Entwicklung, in der er die Grundlage für sein späteres Werk legte. In seinem umfangreichen Holzschnittwerk verbergen religiöse und mythologische Themen die Akzente gegen jene Zeit. Ein Friedensbild chiffriert mit Lamm und blutendem Herzen den Weltkrieg, in den Grieshaber kurz darauf, 1940, eingezogen wurde.
Er kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft im belgischen Bergwerk Mons. 1946 wurde er Mitglied der Freien Ausstellergruppe „society of modern art“ in Stuttgart und gründete 1947 die Künstlergruppe „Die Freunde“, die sich aus den Freundschaften der Akademiezeit herleitet.  
Nach dem Krieg war er Mitbegründer des Deutschen Künstlerbundes und Dozent an der Bernsteinschule in Sulz am Neckar. In dieser Zeit entstanden seine ersten lebensgroßen Holzschnitte, aus denen er thematische Zyklen entstehen ließ. Er nahm an der documenta I bis III in Kassel teil, war 1955 bis 1960 Professor an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und Kunstrat an der Akademie der Künste Berlin. Aufgrund veralteter normativer Kunstvorstellungen und einer Prüfungsordnung aus der Nazi-Zeit, die mehrere Studenten Grieshabers das Zweite Examen kostete, trat er als Professor in Karlsruhe zurück.
Grieshaber stellte für öffentliche Gebäude hochformatige Werke her, für das Foyer des neugebauten Rathauses von Reutlingen errichtete er 1965 einen zwölf Meter langen Holzstock.
1964 erschien die erste Ausgabe seiner Kunstzeitschrift „Engel der Geschichte“ in Anlehnung an Walter Benjamins „angelus novus“, den Kölner Lehrerinnen gewidmet, die starben, als sie sich bei einem Attentat in einer Schule schützend vor die Kinder warfen. Die Zeitschrift kam bis zu Grieshabers Tod jeweils zu konkreten politischen Ereignissen heraus, Grieshaber entwarf Engelsplakate zum Mord an Martin Luther King oder zur Erhaltung der Wacholderheide auf der Schwäbischen Alb.
Neben zahlreichen Vorträge in der Bundesrepublik hielt Grieshaber sich auch viel in der DDR auf, was ihm im Westen der Kalten Krieger zum Vorwurf gemacht wurde. Für ihn gab es keinen Unterschied zwischen dem Arbeiter in Ost und West hinsichtlich seiner weitreichenden Tradition. Die Holzschnitte feierten in der DDR große Erfolge und er wurde dort korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste.
Grieshaber hegte enge Kontakte zu Schriftstellern wie Stephan Hermlin, Heinrich Böll und Volker Braun. Am 12. Mai 1981 starb er in Eningen unter Achalm im Alter von 72 Jahren.
Der Kulturpreis des Deutschen Gewerkschaftsbundes 1968 handelte ihm die Kritik ein, den Preis einer Institution anzunehmen, die das Establishment vor den Werktätigen schützt. Seine Kunst war politische Aktion im Kampf gegen die Militärjunta in Griechenland und die Diktatur in Chile. 1975 erhielt Grieshaber für die Illustration des Buches „Aufenthalt auf Erden“ von Pablo Neruda die Goldmedaille der Internationalen Kunstbuch-Ausstellung in Moskau. Er unterstützte politische Aktionen in Deutschland, druckte 1978 den Aufruf zum 1. Mai, der die Berliner Demonstration sichtbar begleitete, und entwarf Plakate gegen den Walfang.
HAP Grieshaber gibt ein Beispiel dafür, dass Kunst Instrument ist im politischen Kampf gegen Krieg, skrupellose Umweltzerstörung und die Substitution des Geistes durch die Herrschaft der Technik. Die zunehmende Paralyse der Gesellschaft durch technologisch induzierte Gleichschaltung ist nicht schicksalhafter Natur. Grieshabers Anachronismus ist somit ästhetische Form des Widerstands.

 

Der politische HAP Grieshaber

Am 15. Februar 2019 würde der Künstler und Grafiker HAP Grieshaber 110 Jahre alt werden. Zu diesem Anlass finden im Stuttgarter Clara-Zetkin-Haus Veranstaltungen statt, die sein Werk, sein Leben und seine politische Haltung illustrieren. Neben einer Vernissage und einer Festveranstaltung zu Grieshabers Geburtstag fand am 16. Januar ein Vortrag über die  politische Haltung des Künstlers statt. Frau Professor Stefanie Endlich aus Berlin, die mit Grieshaber unter anderem den Katalog zur „Kato i Diktatoria“-Ausstellung 1977/78 herausgegeben hat, betonte Frieden, Demokratie und Völkerverständigung als sein leitendes Thema. Seine Kritik an unübersichtlichen ökonomischen und politischen Entwicklungen hatte auch Einfluss auf die Kunst. Er sah seine künstlerische Arbeit als Transformation geistiger Werte und mischte sich dort ein, wo Wahrheit vermieden wurde, so Dieter Honisch, früherer Direktor der Neuen Nationalgalerie bei den Staatlichen Museen in Berlin.
Grieshaber stieß sich an der Selbstzufriedenheit des konservativen Nachkriegsdeutschland hinsichtlich der Erfahrungen mit der Nazizeit und des bruchlosen Überganges von dieser direkt zur Wiederbewaffnung Deutschlands.
Ein Motiv seiner Holzschnitte ist der Bauernkrieg, den er als die eigentliche Revolution begriff. In der 22. Ausgabe der Zeitschrift „Engel der Geschichte“ illustrierte er 1975 das 450-jährige Jubiläum der Bauernkriege mit finsteren Bauern in Waffen vor braunem Hintergrund.
Eines der Bilder, die Endlich in ihrem Vortrag erwähnte, ist die Darstellung eines vietnamesische Hängebauchschweins. 1964 erhielt US-Präsident Lyndon B. Johnson vom US-Kongress umfassende Handlungsvollmachten für den Einsatz in Indochina. Von zwei US-Zerstörern kam die umstrittene Meldung, sie seien im Golf von Tongking von nordvietnamesischen Torpedobooten angegriffen worden. Dieser „Prager Fenstersturz“ war für den Verbund der USA mit dem antikommunistischen Regime in Südvietnam der Freibrief, das kommunistische Nordvietnam mit Feuer zu übersäen. Grieshaber druckte daraufhin seine Serie der vietnamesischen Hängebauchschweine, wofür er sein eigenes Hängebauchschwein auf der Achalm als Modell nahm. Das neutrale Tier ist immun für ideologische Kategorisierungen. Grieshaber fokussierte den Artgenossen der Achalm repräsentativ für die Vorgänge in Vietnam, die heimatliche Nähe zu seinem Tier muss auch die ferne Katastrophe in die Nähe des Betrachters rücken und dessen Aufmerksamkeit für die Bestialität schärfen.
Die Ausstellung, die bis zum 17. März zu sehen ist, umfasst Motive der griechischen Mythologie, so die in Waffen stehende Athene Parthenos in grauer Atmosphäre direkt neben einer Dionysos-Orgie. Weiters sind Rebellion und Hinterhalt in schwarzen Silhouetten dargestellt. Auf einem Plakat für eine Veranstaltung in Stuttgart von 1978 wird Pablo Nerudas „Canto general“ angekündigt, interpretiert von Mikis Theodorakis. Ein Blauwal wird von einem Harpunier attackiert, daneben das Gedicht „Venceremos für Pablo Neruda“ von Grieshabers Lebensgefährtin Margarete Hannsmann. Am 17. Februar findet die Festveranstaltung statt, unter anderen mit dem Theodorakis-Ensemble.
A. G.


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Leserbrief zu Artikel »Kunst als Widerstand«, UZ vom 1. Februar 2019





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