Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 1. Februar 2019

In memoriam
Vor 100 Jahren starb Franz Mehring im Alter von 73 Jahren in Berlin, kurz nach der Ermordung seiner politischen und persönlichen Freunde Liebknecht und Luxemburg. Mehring war ein ungeheuer fleißiger, umtriebiger Journalist und Schriftsteller, er publizierte als Feuilletonredakteur der „Neuen Zeit“ und machte als einer der ersten die Methode des Historischen Materialismus für die sozialdemokratische Literaturkritik produktiv. Literaturkritik und -wissenschaft verstand Mehring als Teil einer allgemeinen Geschichtswissenschaft, die ästhetische Phänomene nicht losgelöst von politischen und ökonomischen Hintergründen untersuchen sollte. Mit ihm begann im deutschen Kaiserreich die marxistisch inspirierte Auseinandersetzung über Bedeutung und Funktion der Literatur in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Mehring war die Förderung einer selbstständigen proletarischen Kunst und Literatur ein besonderes Anliegen. Er rezensierte Dramen und deren Aufführungen, Romane und Lyrikbände und verhalf ihnen zu einer größeren Wahrnehmung und Bekanntheit, darunter Werke von Autoren, die sich wie Mehring zu den Zielen der Sozialdemokratie bekannten. Seine Werke sind noch lieferbar, lesenswert seine Marx-Biografie und die „Lessing-Legende“.

Preisgeld
Der für den britischen Buchmarkt wichtige „Man-Booker-Literaturpreis“ verliert seinen langjährigen Sponsor, das Investment-Unternehmen „Man Group plc“. Grund dafür ist unter anderem wohl auch die Kritik des britischen Journalisten und Schriftstellers Sebastian Faulks. Er hatte die Sponsorenschaft der Gruppe im vergangenen Jahr scharf kritisiert und die Hedgefonds-Firma als „den Feind“ bezeichnet. Das Investment-Unternehmen hat nach Medien-Informationen seit 2002 insgesamt umgerechnet etwa rund 28 Millionen Euro in den Literaturpreis gesteckt. Eher ist zu vermuten, dass der Hedgefonds Überlegungen angestellt hat, sich aus der Londoner City zurückzuziehen. Zu den Preisträgern gehören bekannte Autoren wie Salman Rushdie, Ian McEwan und Margret Atwood. Die Stiftung, die den Preis alljährlich vergibt, sucht nun eine neue Geldquelle. Dies scheint das Wichtigste an einem Literaturpreis zu sein, weniger eine kluge, nicht dem Mainstream verpflichtete Auszeichnung für Autorinnen und Autoren. Die letzte Preisträgerin mit dem Geldsegen war 2018 Anna Burns mit ihrem Titel „Milkman“, einer modischem Suche nach Identität und familiärem Zusammenhalt.

Falsche Klagen
Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht die Wertschätzung für Kunst schwinden. Die eindimensionale Sicht auf den Marktwert der Kunst sei mittlerweile sehr hoffähig geworden, sagte sie beim Auftaktforum einer Veranstaltungsreihe zur Perspektive von Kultur und Medien in Dresden. Das sie mit ihrer Kulturpolitik alles dafür tut, dass genau diese Sicht in der Öffentlichkeit und bei den Verantwortlichen für staatliche Einflussnahme dominant ist, kommt ihr nicht in den Kopf. Lieber kritisiert sie, dass die Kunst degradiert werde zum Spekulationsobjekt. Scheinheilig auch ihr Lamento, die Bereitschaft nehme ab, die Autonomie der Kunst zu respektieren und das Ästhetische vom Politischen zu trennen. Und eine glatte Lüge ist ihre Behauptung, „der Staat finanziere die Kultur so auskömmlich, um sie unabhängig zu machen von Interessen“. Und schauderhaft liest sich ihr Statement, „Frei ist die Kunst dann, wenn sie weder dienen noch gefallen muss, wenn sie sich weder der Logik des Marktes beugen noch in den Dienst eines politischen Anliegens, einer Weltanschauung oder Ideologie stellen muss.“ Wünschenswert wäre dagegen eine Kulturpolitik und eine Förderung von Kunstproduzenten, die die Widersprüche in der Gesellschaft deutlich benennt und die Kunstformen befördert, die irritieren, provozieren und der Vernunft den ersten Platz einräumen anstelle von Irrationalismus, Selbstbespiegelungen, Nebel und Dunst.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 1. Februar 2019





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