Kultur des Ausblendens

Christoph Hentschel über „Erinnerungskultur“
|    Ausgabe vom 1. Februar 2019

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Auschwitz wurde zum Sinnbild des faschistischen Terrors. Das ist der Tag für die AfD, um mit einer Reihe von Geschmacklosigkeiten für Schlagzeilen zu sorgen. Worüber man sich aber eigentlich aufregen sollte, ist die von der Bundesregierung betriebende „Erinnerungskultur“.
Diese Erinnerungskultur ist eine Kultur des Ausblendens. Seit Bestehen der Bundesrepublik hatte das Gedenken an sozialdemokratische und gewerkschaftliche Widerstandskämpfer wie Rudolf Breitscheid schon immer etwas Anrüchiges. Trauten sich welche, Thälmanns und seiner Kumpane zu gedenken, dann hatte es etwas Verächtliches und Verbotenes. Trotzdem rang sich der Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches nach und nach durch, eine Gedenkkultur zu pflegen. Roma und Sinti sowie Homosexuelle bekamen sogar ihren Gedenkplatz im Berliner Tiergarten.
Doch der Wind weht immer stärker aus einer anderen Richtung. Wurde noch vor ein paar Jahren aufwendig an die Geschwister Scholl oder an den protestantischen Theologen Dietrich Bonhoeffer erinnert, ist heute „das öffentliche Interesse“ an ihnen deutlich zurückgegangen. Auch um Claus Graf Schenk von Stauffenberg und seine Mannen wird nicht mehr viel Aufhebens gemacht. Der Wind weht von Rechts. Immer mehr fokussiert sich die offizielle „Erinnerungskultur“ auf die jüdischen Opfer. Alles andere wird immer mehr ausgeblendet. Und beim Gedenken an die jüdischen Opfer geht es nicht um die „Juden“, sondern nur noch um die Opfer. Juden, die Widerstand leisteten, im Kleinen wie im Großen, in den Ghettos, in den Vernichtungslagern, als Partisanen, passen da nicht ins Bild. Sie müssen schon Opfer sein.
Ich frage mich, ob es die überhaupt gab, diese „Opfer“. Eine Genossin aus Hamburg – ihr Vater wurde von den Nazis ermordet, ihre Mutter überlebte nur knapp – sagte mir, dass sie das Wort „Opfer“ nicht mag. Sie sagte, dass diejenigen, die von Nazis geschlagen, gequält und ermordet wurden, die, die gegen die Nazis kämpften, doch alles andere seien als willenlose, ihr Schicksal stumm erleidende Opfer. Ich denke, dass sollten wir nicht ausblenden.


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Leserbrief zu Artikel »Kultur des Ausblendens«, UZ vom 1. Februar 2019





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