Begriff mit Konjunktur

Zu Perry Andersons Buch „Hegemonie“ 
Von Hannes Fellner
|    Ausgabe vom 8. Februar 2019

Perry Anderson ist ein britischer Historiker marxistischer Prägung. In den 1960er und 1970er Jahren war er einer der wichtigsten englischsprachigen Vertreter der sogenannten „Neuen Linken“. Lange Jahre war er Herausgeber und Redaktionsmitglied der „New Left Review“. Anderson popularisierte den vom fortschrittlichen französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty geprägten Begriff „Westlicher Marxismus“. Seine Arbeiten zum „Westlichen Marxismus“, in denen er ideologisch ganz unterschiedliche Traditionen von Gramsci über die Frankfurter Schule bis Louis Althusser zusammenwürfelte, machten ihn auch außerhalb der englischsprachigen Welt bekannt.
Andersons aktuelles Buch „Hegemonie. Konjunkturen eines Begriffs“ (2018; original: The H-Word. The Peripeteia of Hegemony 2017) beschäftigt sich mit der Geistesgeschichte des Begriffs Hegemonie von seinen Anfängen bis in die heutige Zeit. Anderson zeichnet die vielfältige Geschichte des Begriffs Hegemonie nach, vom Ursprung des Wortes im alten Griechenland über seine Bedeutung für preußische Militärtheoretiker und chinesische Denker von Konfuzius bis Mao, seine Interpretation im Fach internationale Beziehungen, seine Anwendung durch russische Revolutionäre, seine Analyse durch Gramsci und seine Nachfolger bis hin zu den modernen Debatten um die deutsche Hegemonie in der Europäischen Union wie die der Vereinigten Staaten auf globaler Ebene. Anderson zeigt, dass die Verwendung des Begriffs Hegemonie und seine Auslegung stets von Machtpolitik geprägt ist. Andererseits versucht er darauf hinzuweisen, dass dem Begriff Hegemonie immer eine Zweideutigkeit anhaftet, die sich zwischen Einfluss und Zwang, zwischen Avantgarde und Vorherrschaft, zwischen Weisen der Richtung und Vorschreiben des Weges bewegt.
In seinem Gang durch Geschichte und Ideologien sind Andersons Ausführungen freilich allgemein von geistesgeschichtlichem Interesse. Vom marxistischen Standpunkt aus betrachtet ist seine Behandlung von Gramscis Hegemonie-Konzept und seine Kritik an denjenigen im fortschrittlichen Spektrum (auch und gerade aus dem „Westlichen Marxismus“ und der „Neuen Linken“), die es nicht verstanden haben, lesenswert. Anderson führt über Gramscis Hegemonie-Begriff aus: „Er umfasste nun sowohl die Herbeiführung der Zustimmung der Beherrschten als auch die Anwendung von Zwang zur Durchsetzung der Herrschaft.“ (S. 34) Anderson zeichnet nach, wie wichtig es gemäß Gramsci für die kommunistische Bewegung sei, sich mit jenen in der Zivilgesellschaft (nicht als Gegenbegriff zu „Herrschaftsverhältnisse“, sondern Gattungsbegriff für den nicht durch Regierungsgewalt geregelten Bereich einer Gesellschaft) über ideologische und kulturelle Institutionen herstellenden Konsens zwischen Herrschenden und Beherrschten auseinanderzusetzen. Er führt aus, dass Gramsci entgegen vieler seiner Interpreten die ideologische und kulturelle Seite der Hegemonie nicht verabsolutiert hat. „Hegemonie war in seinen Augen polyvalent: undenkbar ohne Zustimmung, undurchführbar ohne Gewalt.“ (S. 40)
Anderson, der in seinen Kritiken des „Westlichen Marxismus“ dessen Selbstabkapselung von der politischen Praxis beklagt hat, kommt in seinem Hegemonie-Buch leider auch selbst nicht wirklich zu praktischen Schlussfolgerungen, dennoch scheinen sie im Fazit des Buches angelegt, wenn er über die Vieldeutigkeit des Begriffs Hegemonie schreibt: „Dennoch ist die Geschichte des Begriffs nicht von purer Kontingenz geprägt, stehen die wechselnden Bedeutungen, die er während seiner Wanderung durch Zeiten, Räume und Ideologien annahm, keineswegs zusammenhanglos nebeneinander. Ihnen liegt ein nachvollziehbares Muster zugrunde: das eines von Anfang an bestehenden Spannungsverhältnisses zwischen den Konnotationen des Begriffs. […] Stünde Hegemonie lediglich für eins von beiden, entweder für kulturellen bzw. politischen Einfluss oder für Zwangsgewalt, wäre der Begriff überflüssig, da es für beides genauere Bezeichnungen gibt. Nur weil der Terminus beides zu verbinden vermag, und zwar auf die unterschiedlichsten Weisen, hat er so lange überdauert.“ (S. 239–240).
Die Schlussfolgerung, die man als am Marxismus orientierter Mensch beziehungsweise orientierte Bewegung daher ziehen könnte, wäre: Zur Herstellung der Hegemonie der Arbeiterklasse muss im Klassenkampf nicht nur um die Köpfe in einer ideologischen Auseinandersetzung gerungen werden, in welcher es gelingen muss, weltanschauliche und kulturelle Alternativen zu erschließen, anzubieten und durchzusetzen, sondern dies muss immer in Hinblick auf die Eigentums- und damit Machtfrage geschehen.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Begriff mit Konjunktur«, UZ vom 8. Februar 2019





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.