Kanonenfutter

Manfred Ziegler über IS-Rückkehrer
|    Ausgabe vom 1. März 2019

Zehntausende junge Männer und Frauen aus unzähligen Ländern zogen seit 2011 in den Krieg gegen Syrien. Damals hielten sie auf ihrem Weg weder Schlagbäume noch Grenzkontrollen auf, ging es doch in den Kampf für die Opposition und gegen den Diktator. Diese „Opposition“ wurde im Westen als einzig legitime Vertretung der syrischen Bevölkerung anerkannt und die Medien machten Werbung für den Krieg.
Wer mochte nicht sein wie Abu Jahja. „Er ist 27 Jahre alt, (…) seine Füße stecken in Birkenstock-Sandalen, und an der Schulter hängt eine Kalaschnikow“, beschrieb der „Spiegel“ einen freundlichen jungen Mann im Kampf gegen den Diktator und für einen Gottesstaat. Bei solcher Aufklärungsarbeit der Medien mussten die Werber der Dschihadisten nur noch die Früchte dieser Arbeit einsammeln.
Nur gelegentlich warnten Stimmen aus Sicherheitskreisen vor einer Gefahr: Die Kämpfer könnten womöglich zurückkehren. Aber die Einsicht überwog: Assad würde gestürzt werden und die Kämpfer würde das Schicksal ereilen, das ihnen zugedacht war: Sie würden im Kampf fallen. Sie waren nichts als Kanonenfutter. Für manche Beamte eine Sorge weniger.
Ihr Krieg ist verloren. Aber die Reste der dschihadistischen Armee werden noch immer ausgeschlachtet. Als Trump den Abzug der US-Truppen aus Syrien verkündete, drohten die SDF, ein Einmarsch der Türkei könnte die IS-Kämpfer aus ihrer Gefangenschaft befreien. Nun zeigte Trump, wer im Norden Syriens wirklich das Sagen hat und drohte seinerseits Europa damit, die IS-Kämpfer aus der Gefangenschaft zu befreien: „Wenn ihr sie nicht zurücknehmt und vor Gericht stellt, werden wir sie auf freien Fuß setzen“.
In den Krieg ziehen durften die Dschihadisten ohne Kontrollen, sie sollten ja Syrien zerstören. Eine Rückkehr stand ihnen nie in den Sternen geschrieben. Und so wird den Überlebenden der Weg zurück von ihren früheren Förderern verwehrt.
Die britische Regierung erkennt ihnen eher die Staatsangehörigkeit ab, als sie zurückzunehmen. Die US-Regierung denkt gar nicht daran, ihre Bürger zurück ins Land zu lassen. Und in Deutschland gibt es einen Gesetzentwurf, der Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten die deutsche entziehen soll, wenn sie sich bewaffneten Milizen anschließen. Niemand will sie wirklich zurück.
Die Dschihadisten haben ein Recht, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Und sie müssen vor ihrer Rückkehr vor Gericht gestellt werden – in Syrien, dem Land, das sie verwüstet haben.


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Leserbrief zu Artikel »Kanonenfutter«, UZ vom 1. März 2019





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