Kultur
Themen: Filme

Vai denkt an uns alle

Ein starker, großartiger Film von den südpazifischen Inseln
Von Matthias Becker
|    Ausgabe vom 8. März 2019
Vai in ihrem traditionellen Outfit, trägt sie auch nicht jeden Tag.  (Foto: Fiona Collins © New Zealand Film Commission)
Vai in ihrem traditionellen Outfit, trägt sie auch nicht jeden Tag. (Foto: Fiona Collins © New Zealand Film Commission)

Der Episodenfilm „Vai“ eröffnete die Sonderreihe NATIVe – A Journey into Indigenous Cinema“ der diesjährigen Berlinale, dem internationalen Filmfestival im Februar 2019. In dieser Sektion wird die Relevanz des indigenen Kinos über regionale, politische und kulturelle Grenzen hinweg betont. In acht Episoden auf sieben Inseln im Südpazifik erzählt das Regiekollektiv aus neun indigenen Filmemacherinnen (Nicole Whippy, Ofa-Ki-Levuka Guttenbeil-Likiliki, Matasila Freshwater, Amberley Jo Aumua, Miria George, Marina Alofagia McCartney, Dianna Fuemana, Becs Arahanga) die Lebensgeschichte einer Frau.
Für Vai ist das Leben auf den südpazifischen Inseln geprägt von der ständigen Spannung zwischen Wandel und Wiederholung, zwischen Ortswechseln und der Rückkehr zu den Traditionen ihrer Vorfahren. Ihre Welt besteht aus Samoa, den Salomonen, Tonga, Fidschi, den Cookinseln, Niue und Neuseeland und wird bestimmt durch Umweltprobleme, Isolation, Ressourcenknappheit und gescheiterte Integrationskonzepte. „Vai denkt an uns alle – an ihre eigene Tochter, aber auch an deine und an alle Töchter, die noch kommen werden“, sagt eine Nebenfigur über die dem Film ihren Namen gebende Protagonistin. Das Erwachsenwerden als indigene Frau auf den südpazifischen Inseln ist vom Wandel bestimmt. Von dem Wandel zwischen Tradition und Umbruch. Jede Insel ist anders, doch alle verbindet eine gemeinsame Geschichte. Vai ist überall, wo sie hinkommt, eine andere und bleibt doch stets ihrer Herkunft verbunden.
Mit jeder Episode, die jeweils fast ein Jahrzehnt im Leben von Vai umfasst, wechseln sowohl die Darstellerinnen als auch geografische und soziokulturelle Kontexte. Das Individuelle wird zur universellen Erfahrung, das Alltägliche passiert an einem Ort und doch überall zugleich. Vai bedeutet in der Sprache der Maori Wasser. Die Wahl des Wassers als visuelle Metapher war eine der wenigen vorab von den Produzenten Kerry Warkia und Kiel McNaughton festgelegten künstlerischen Vorgaben.
Die porträtierten Frauen in „Vai“ geben ihre Herkunft, ihre Kultur und die damit verbundenen Werte wie Gleichberechtigung und Gemeinschaftsgefühl von Generation zu Generation weiter. Sie lernen früh, Verantwortung zu übernehmen und sich sozial und politisch zu engagieren. Der Einfluss der polynesischen Traditionen auf persönlicher, kommunaler und globaler Ebene wird dabei immer deutlicher.
Neben den wunderschönen Landschaftspanoramen zeigen uns die Filmemacherinnen darüber hinaus auch die Probleme, mit denen sich die Bewohner der gezeigten Pazifikregionen konfrontiert sehen. In einer Episode, die besonders gut gelungen ist, läuft Vai mit leeren Plastikflaschen den Strang entlang, um bei den Nachbarn Trinkwasser zu sammeln. Der Schlagabtausch, den sich Vai und ihr Helfer dabei liefern, ist herrlich komisch und skurril. Mit dieser für den westlichen Zuschauer in diesem Zusammenhang durchaus ungewohnten Leichtigkeit wird diese Problematik behandelt.
Das feinfühlige Porträt folgt Vais Entwicklung. Es erzählt von den Stärken weiblicher Familienbande und Gemeinschaft und dem Verantwortungsgefühl von Frauen für zukünftige Generationen. Der Film zeigt die liebevolle Verbundenheit zwischen den verschiedenen Frauengenerationen und ihre starke Verbundenheit mit der Natur. Das rein weibliche Filmkollektiv weist so einen Weg, jene zu ehren, die vor uns kamen, ohne in der Vergangenheit zu verharren.


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Leserbrief zu Artikel »Vai denkt an uns alle«, UZ vom 8. März 2019





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