Ausgebeutet, krank, weiblich

Melina Deymann zu Frauengesundheit und Frauen im Gesundheitswesen
|    Ausgabe vom 8. März 2019

Jens Spahn macht sich ja öfter beliebt. Bei Krebskranken hat er einen Stein im Brett, weil der Bundesgesundheitsminister am Welt-Krebs-Tag per Twitter empfahl, man möge sich doch mit Sonnenschutzcreme einschmieren und das Rauchen unterlassen.
Noch beliebter ist er bei Frauen. Die Große Koalition hatte einen Kompromiss zum unsinnigen Paragraphen 219a versprochen, herausgekommen ist eine Klarstellung darüber, was für Ärztinnen und Ärzte unter Strafe steht: Informationen über Methoden und Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen. Bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Kompromisses ließ Spahn allerdings einen Teil dieses Kompromisses unter den Tisch fallen. Fünf Millionen Euro hat die Bundesregierung Spahns Ministerium für die nächsten drei Jahre zur Verfügung gestellt, um in einer Studie die „seelischen Folgen von Abtreibungen“ zu untersuchen. Offensichtlich kriecht Spahn und mit ihm die Große Koalition lieber „Lebensschützern“ in der Arsch (wer weiß, wen die sonst bei der „Europawahl“ noch wählen), um Frauen weiter als unmündige Wesen zu diskreditieren, anstatt tatsächlich Notwendiges zu finanzieren.
Notwendig wäre zum Beispiel mal eine Studie darüber, wie der „gender bias“, also der geschlechtsbezogene Verzerrungseffekt, sich auch auf die Gesundheit von Frauen auswirkt und was man dagegen tun kann. Es gibt eine auffällige Diskrepanz bei der Behandlung von Männern und Frauen, auch was die Kosten für Diagnostikverfahren oder verschriebene Medikamente angeht. Dreimal darf man raten, wer im Zweifel die aufwändigeren, teureren Untersuchungen bekommt.
Die Ursachen dafür scheint Gesundheitsminister Spahn aber nicht genauer untersuchen, geschweige denn etwas dagegen unternehmen zu wollen. Auch den Mangel an Hebammen, den an Ärztinnen und Ärzten, die Abtreibungen durchführen, an erreichbaren Kreißsälen in ländlichen Regionen lächelt er lieber weg.
Im Gesundheitswesen sind Frauen nicht nur einfach, sondern gleich in dreierlei Hinsicht benachteiligt.
Für Frauen ist das Gesundheitswesen im Kapitalismus nicht gemacht. Nicht nur der schon erwähnte „gender bias“ macht es erkrankten Frauen schwerer, gesund zu werden; auch sind sämtliche Pharmaziestudien auf Männer ausgelegt in der Annahme, das wird bei Frauen dann auch schon helfen. An der Dosierung müssen Frauen und ihre Ärztinnen und Ärzte dann halt selbst ein bisschen herumexperimentieren.
Die Last der häuslichen Sorgearbeit liegt im Großen und Ganzen immer noch auf den Schultern der Frauen. Wenn also die der Profitlogik unterworfenen Krankenhäuser Patienten immer früher entlassen (lange, bevor sie sich selber versorgen können), wer übernimmt dann die Versorgung zu Hause? Richtig, Frauen.
Und nicht zuletzt die Arbeitssituation im Gesundheitswesen. Pflegeberufe sind immer noch klassische „Frauenberufe“, auch in den häufig von Ausgliederung betroffenen Krankenhausabteilungen wie Küche, Hauswirtschaft oder Service-Assistenzen sind meistens Frauen beschäftigt. Die Arbeitssituation ist katastrophal, die Belastung zu hoch und die Bezahlung zu niedrig. Es gibt in allen Bereichen nach wie vor zu wenig Personal in den Krankenhäusern. Dabei bleibt die Gesundheit der Patientinnen und Patienten und die der Beschäftigten auf der Strecke.
Der Kampf um Entlastung, den Frauen und Männer im Gesundheitswesen im vergangenen Jahr geführt haben, hat gezeigt, dass etwas bewegt werden kann. Aber er war erst ein Anfang. Bis Frauen im Gesundheitswesen sowohl als Beschäftigte als auch als Patientinnen gerecht behandelt werden, ist noch viel zu tun. Jens Spahn wird uns dabei keine Hilfe sein.


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