Roter Kanal – mal anders

|    Ausgabe vom 8. März 2019

Drei UZ-Redakteure hatten den Auftrag, sich das anzuschauen, was männliche Fernsehmacher mittleren Alters als „Unterhaltung“ für Frauen so konzipieren. Herbert Becker hinterfragt das Frauenbild des Sonntagabend-Krimis, Werner Sarbok fiebert bei der Suche nach einem passenden Brautkleid mit und Christoph Hentschel spürt körperliche Reaktionen bei „Shopping Queen“.


Kripo-Frauen
Bei der ARD ist die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen inzwischen bereits Wirklichkeit. Es ist tatsächlich Parität zu verzeichnen, wenn man sich die aktuell tätigen Kommissarinnen und Kommissare der beiden Erfolgsserien „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ ansieht und sie abzählt. Jeweils 24 gehen von Nord bis Süd und von Ost bis West gut verteilt ihrem Job nach. Ein absoluter „Traumberuf“ für Frauen, so scheint es, obwohl viele Schauspielerinnen laut Drehbüchern und Rollenbeschreibung irgendeine Art Macke oder soziale und kommunikative Defizite abzugeben haben. Dennoch wollen uns die Programmverantwortlichen weismachen, dass Frauen einen solchen Beruf, am liebsten sogar in einer Mordkommission, gerne und mit Engagement und Leidenschaft ausüben. Die bundesrepublikanische Wirklichkeit sieht natürlich anders aus: Tatsächlich arbeiten als Kriminalbeamtinnen in Referaten, die sich mit „Leib und Leben“ zu beschäftigen haben, keine 20 Prozent aller Mordermittler. Das gewollte Bild, das uns die Fernsehserien vermitteln wollen, hat also mehr mit vermutetem Zuschauerinteresse, mit herbeigeschriebenen Spannungen im Büro und der Unterstellung zu tun, dass Frau alles unter einen Hut kriegen kann. Wenn nicht, fehlt ihr sicherlich was und deshalb ist sie halt nicht glücklich.
Herbert Becker

Zwischen Tüll und Tränen
Die ersten 500 Folgen von „Zwischen Tüll und Tränen“ habe ich verpasst. So blieben mir wichtige Erkenntnisse verborgen, wie sich die Braut von heute auf ihren „schönsten Tag im Leben“ vorbereitet. Es geht in der Serie darum, wie und was die Braut mit dem Brautkleid aus viel Tüll ver- beziehungsweise enthüllt, die Tränen gibt’s erst zum Ende der Sendung, wenn der Braut das passende Outfit zugeordnet worden ist.
Als Lernerfolg kann ich für mich verbuchen, die nötige Sachkunde über acht mögliche Modelle erhalten zu haben, als wesentliche Grundmodelle flimmert die klassische A-Linie, der Prinzessinnen-Schnitt, die Meerjungfrau sowie der körperbetonte Schnitt über die Mattscheibe.
Wem das noch nicht reicht: Der Ausstatter hat „nicht nur die Braut, auch die Mutti im Nacken“. Manche Bräute in spe bringen auch ihre Kinder, die besten Freundinnen und wen auch immer mit. Und wir erfreuen uns, dass „Ellen nach 16 Versuchen das richtige Brautkleid gefunden hat“ und erfahren – wenn wir wollen - viel über die Vorgeschichten der Hochzeiten inklusive Heiratsangebot auf den Knien. Ich will es jedenfalls nicht.
Werner Sarbok

Zu hart
Norwegerpullis sind das Thema. Fünf Frauen aus Dresden müssen sich rund um das Thema einkleiden. Ich habe Tag 4 erwischt. Heute ist Fanny, 31, Foliererin von Beruf, an der Reihe. Bevor es bei „Shopping Queen“ um Anziehsachen geht, wird die Wohnung von Fanny gezeigt – eine Einraumwohnung mit Ikea und viel Schnickschnack liebevoll verschandelt. Fanny darf erzählen, was sie in ihrem Leben so umtreibt. Fanny treibt nur eines um: Sie ist noch nicht verheiratet. Da kann auch ihr liebstes Hobby, Kotztüten aus Flugzeugen zu sammeln, nur eine kurzweilige Ablenkung sein. Ich drifte ab, tippe „Wichtiges“ in mein Smartphone. Als ich wieder hochblicke, hängt an Fanny ein gelbes Sommerkleid. Sie erzählt, dass sie dieses als Brautjungfer getragen habe, aber ihr Hochzeitskleid solle mal viel bunter werden, und sie zeigt in den Raum. Die Kamera folgt ihrer Bewegung und landet auf einem quietschbunten Teppich. Ich schmecke Ananas und Käse. Die Genossin, die die Redaktionsräume putzt und mittags kocht, hatte uns ausnahmsweise Toast Hawaii zum Frühstück gemacht. Ich stoppe den Stream und schlucke – mein Körper reagiert auf die Sendung, während mein Geist immer mehr die innere Migration sucht. Ich muss mich entscheiden. Halte ich durch, bis ich erfahre, welch ausgefallenes Outfit Fanny mit einem Norwegerpulli kreiert? Ich habe bei strömenden Regen Nazis blockiert, bin mit einem gebrochenen Fuß über die Pyrenäen gehumpelt, aber das ist mir zu hart.
Christoph Hentschel


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Leserbrief zu Artikel »Roter Kanal – mal anders«, UZ vom 8. März 2019





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