Insolvenz trifft ganze Buchbranche

Verlage bangen um ihr Geld
Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 8. März 2019
Buchregal-Lager bei KNV (Foto: KNV)
Buchregal-Lager bei KNV (Foto: KNV)

Es schlug wie eine Bombe in die eher beschauliche Buchbranche ein. Einer der beiden großen Zwischenbuchhändler in Deutschland, die KNV-Gruppe (Koch, Neff und Volckmar) mit Stammsitz in Stuttgart, musste vor zwei Wochen Insolvenz anmelden.
Die deutsche Buchwirtschaft gründet sich auf drei Säulen: Die Verlage, die Buchhandlungen und die Zwischenbuchhändler. Diese dritte Säule ist wiederum zweigeteilt aktiv, zum einen kaufen diese Unternehmen direkt und auf eigene Rechnung bei den Verlagen ein und verkaufen auf eigene Rechnung an bestellende Buchhandlungen. Dieses Geschäft, allen Kunden einer Buchhandlung bekannt als „heute bestellt, morgen da“, ist in der Form einmalig auf der Welt. Der zweite Teil des Geschäftsgebarens der Zwischenhändler ist das Angebot, für die Verlage die Auslieferung ihrer Titel zu übernehmen bis hin zur Zahlungsabwicklung mit den Buchhandlungen. Für beide Zweige bedarf es enormer logistischer Mittel, von riesigen Lagerhallen, einer ausgefeilten EDV-gestützten Warenwirtschaft bis zu einem großen Fuhrpark, der alltäglich Tausende von Tonnen an Büchern durch die Republik karrt. Mittlerweile gibt es nur noch drei Unternehmen am Markt, die dieses doppelgleisige Geschäft betreiben. Marktführer ist die Firma Libri, knapp dahinter rangiert KNV und die deutlich kleinere Firma Umbreit ist der verbliebene Dritte.
Diese oligopolische Struktur barg schon immer Gefahren für alle Beteiligten: Die Verlage mussten, wenn ihre Titel „gelistet“ werden sollten, hohe Handelsspannen einräumen, die die eigene Verlagskalkulation schwierig machen. Die Verlage, die ihre Auslieferung in fremde Hände geben, werden abhängig vom Zahlungsgebaren der Auslieferung und haben das so wichtige Marketing für ihr Programm nicht mehr in eigener Regie. Buchhandlungen, die von knappen Lagerbeständen ausgehen und lieber täglich beim Zwischenhändler bestellen, erhalten nur die eingeräumte Grundrabattierung, die die laufenden Kosten kaum abdeckt.
Die Krise, in der das Unternehmen schon seit längerem steckte, wuchs sich so bedrohlich aus, dass der Schritt unausweichlich war. Die letzten der Öffentlichkeit bekannt gewordenen Zahlen waren die aus der Bilanz 2016 und die waren schon deutlich negativ: Umsatzerlöse von rund 546 Millionen Euro, aber das Buchgeschäft ist kleinteilig. Hinter einer solchen Zahl stecken Millionen von Einzelposten, die fakturiert, geliefert und bezahlt werden müssen. Das Ergebnis vor Steuern wies ein Minus von über 18 Millionen Euro aus, das Eigenkapital schmolz entsprechend von 86 Millionen Euro auf nur noch 65 Millionen Euro, während die Verbindlichkeiten gegenüber Banken bei satten 174 Millionen in den Büchern standen, die wiederum alleine über 10 Millionen Euro nur für Zinszahlungen kosteten
Die Insolvenz des Zwischenbuchhändlers KNV kann für Verlage existenzbedrohend werden: Die Rechnungen für das zurückliegende Weihnachtsgeschäft sind noch offen. Selbst kleinere Verlage sitzen auf Forderungen von bis zu 100 000 Euro. Die Verlage müssen neben den operativen Maßnahmen die gesetzlichen Leitlinien im Blick behalten, denn es könnte die eigene Insolvenz bevorstehen. Die bis zuletzt erfolgversprechenden und kurz vor Abschluss stehenden Verhandlungen mit einem Investor für die ganze Unternehmensgruppe sind gescheitert. Nun soll ein „vorläufiger“ Insolvenzverwalter retten, was zu retten ist. Im Moment liefert das Unternehmen noch aus, ob die Insolvenzmasse ausreicht, um das Unternehmen vor dem Konkurs zu retten, ist fraglich. Wie immer ist entscheidend, ob die Banken und Versicherungen die Kredite abschreiben müssen oder ob ein „gerettetes“ Unternehmen Zins- und Tilgungsverpflichtungen nachkommen kann. Von Sanierungsplänen ist noch nichts bekannt, es wird bestimmt nicht wenige Arbeitsplätze kosten.


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