Gestapo-Zentrale wurde Gedenkstätte

Politischer Erfolg für Bürgerinitiative in Stuttgart
Von Andreas Grimm
|    Ausgabe vom 15. März 2019

Nachdem eine Bürgerinitiative 2009 den Abriss der ehemaligen Stuttgarter Gestapo-Zentrale „Hotel Silber“ gegen die Widerstände von Landesregierung und Gemeinderat verhindern konnte, wurde dort endlich am 3. Dezember 2018 eine von den Bürgern geforderte Gedenkstätte eröffnet. In einer Dauerausstellung wird dort nun die NS-Justiz dokumentiert.
Im Kellergewölbe fanden die Folterungen und Morde an Sozialdemokraten und Kommunisten durch die Gestapo statt. Im ersten Obergeschoss ist die eigentliche Ausstellung mit zahlreichen Originaldokumenten der Greuel. Das „Hotel Silber“ war in der Nazi-Zeit die Terrorzentrale, von der aus auch die Verfolgungen und Deportationen aller Juden, Sinti und Roma, politischer Gegner und Homosexueller in ganz Württemberg organisiert wurden.
An der Vorgeschichte zur Errichtung der Gedenkstätte zeichnet sich der Unwille der Regierung zur Entnazifizierung ab.2008 setzte sich der damalige Oberbürgermeister von Stuttgart, Wolfgang Schuster, für den Abriss des Gebäudes ein, mit der Behauptung, es sei im Krieg vollständig zerstört worden.Eine breit angelegte Bürgerinitiative konnte den Abriss verhindern, und statt eines geplanten Monstrums aus Büros und Hotels des Breuninger-Imperiums die nun eröffnete Gedenkstätte durchsetzen. Ursprüngliche Befürworter des Abrisses schmücken sich nun damit, die Gedenkstätte ins Werk gesetzt zu haben.
Das abstrakte Gedenken an die Opfer an einem Ort der verschwiegenen Täter muss durch Zeitzeugen aufgebrochen werden. „Man darf das Persönliche nicht verschweigen“, sagt Heinz Hummler, ein Stuttgarter Genosse der DKP, dessen Vater Anton wegen antifaschistischer Widerstandsarbeit 1943 festgenommen und mit anderen Genossen ein Jahr später in Brandenburg hingerichtet wurde. Sie hatten einen kommunistischen Widerstandskreis gebildet, Informationen aus Radio Moskau und London unter der Hand verbreitet und sich mit einer Berliner Widerstandsgruppe zusammengeschlossen.
Bei dem Versuch, einen jüdischen Arzt in die Schweiz zu schmuggeln, wurden sie durch einen von der Gestapo eingeschleusten Verräter ans Messer geliefert. Anton musste zahlreiche gewaltsame Verhöre im Hotel Silber über sich ergehen lassen. Seine Frau Frieda fand in seiner blutverschmierten Wäsche ein Kassiber mit dem Namen des Spitzels und warnte mit Briefen dessen Bekannte.
Nach dem Krieg wurde keiner der Gestapo-Schergen belangt, Richter und Staatsanwälte, die Anton Hummler und viele andere Genossen verurteilt und hingerichtet hatten, genossen hohe Pensionen und Straffreiheit, da sie damaligem Recht entsprechend gehandelt hätten, das heißt, der „Rechtsstaat“ BRD erkennt die verbrecherische Rechtsgrundlage der Nazis an.
Vor diesem Hintergrund muss wahrgenommen werden, warum eine Bürgerinitiative gegen die Landesregierung ankämpfen muss, der ein Profittempel wichtiger ist als das Erinnern. Dass aber dieser Kampf um die Gedenkstätte gewonnen wurde, ist ein großer politischer Erfolg, betont Heinz Hummler, und sagt: „Das Vergessen ist gefährlich, es ist die Erlaubnis zur Wiederholung.“


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