Der TV-Präsident

Renate Koppe über die Ukraine
|    Ausgabe vom 5. April 2019

Wie zu erwarten war, wird es am 21. März bei den Präsidentschaftswahlen in der Ukraine eine Stichwahl zwischen dem Fernsehschauspieler Wladimir Selenski und dem Amtsinhaber Petro Poroschenko geben. Die frühere Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, die wegen nachgewiesener Korruption vor dem Staatsstreich in der Ukraine schon im Gefängnis gesessen hat und den Kriegskurs gegen den Donbass vehement unterstützt, landete auf Platz 3. Der in den westlichen Medien gern als „prorussisch“ bezeichnete Jurij Boiko, der sich real keineswegs durch Opposition gegen Poroschenko und seinen Kriegskurs hervorgetan hat, erreichte Platz 4.
Ohne Manipulationen ging es sicher nicht ab. Es gibt zahlreiche Berichte über Verstorbene auf Wählerlisten, Stimmenkauf und ähnliches. Auch die hohe Wahlbeteiligung etwa in den ukrainischen besetzten Teilen des Donbass gibt zu denken. Drei Millionen Ukrainer, die in Russland leben, konnten nicht wählen, da die ukrainischen Konsulate keine Wahllokale eingerichtet hatten.
Der mit Abstand führende Kandidat Wladimir Selenski, der seit vielen Jahren als Komiker und Schauspieler tätig ist, hat zwar keine politische Erfahrung, dafür aber in der beliebten Fernsehserie „Diener des Volks“ bereits die Rolle des Präsidenten der Ukraine gespielt. Mit Opposition hat auch er wenig zu tun. Nach dem Staatsstreich unterstützte er den Krieg gegen den Donbass, sammelte Geld für die ukrainischen Soldaten. Es wird vermutet, dass hinter Selenski der ukrainische Oligarch Igor Kolomoisky steht, ein Konkurrent und Gegner Poroschenkos, bei dessen Fernsehsender auch Selenskis Sendungen laufen. Offenbar ist seine Darstellung als von Korruption unberührter Saubermann mit populistischen Äußerungen zu sozialen Fragen gut angekommen. Mit der Realität hat das nichts zu tun.
Ob Selenski sich im zweiten Wahlgang tatsächlich durchsetzen kann, bleibt abzuwarten. Sicherlich wird dies auch davon abhängen, inwieweit es Absprachen mit unterlegenen Kandidaten geben wird.
Für den Westen sind beide Kandidaten akzeptabel – beide werden den antirussischen Kurs, die Orientierung auf die NATO und den Bürgerkrieg fortsetzen.


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Leserbrief zu Artikel »Der TV-Präsident«, UZ vom 5. April 2019





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