Aus Erfahrung skeptisch

Lars Mörking zur Widerspruchslösung
|    Ausgabe vom 12. April 2019

Der Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn und dem gerne als SPD-Gesundheitsexperten bezeichneten Karl Lauterbach zur Neuregelung der Organspende hat ein klares Ziel: Es soll mehr Menschen, die für hirntot erklärt wurden, Organe entnommen werden dürfen. Dafür schlagen sie vor, dass eine Widerspruchslösung gesetzlich festgeschrieben wird, die da lautet: Wer nicht widerspricht, ist dafür. Bisher galt, dass Menschen dies zu Lebzeiten dadurch kundtun müssen, indem sie sich einen Organspendeausweis besorgen.
Sie erhoffen sich – so äußerte sich Lauterbach – nicht weniger als die Verdoppelung der Organspendezahlen. Mal abgesehen davon, dass man bei der Widerspruchslösung nun wirklich nicht mehr von einer „Spende“ sprechen kann. Mal abgesehen von den ethischen Problemen, die damit einhergehen, dass Menschen aktiv widersprechen müssen, um ihrer Ablehnung einer Organentnahme in einer für die Familie sehr schwierigen Situation Geltung zu verschaffen – die Herren Spahn und Lauterbach verhindern mit ihrem Vorstoß die notwendige Diskussion darüber, warum die Zahl derjenigen, die einen Organspendeausweis bei sich tragen, so niedrig ist.
Spahn konstatiert eine erhöhte Spendenbereitschaft, die aber „ab­strakt“ bleibe. Und glaubt man einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, liegt die Zahl derer, die einer Organspende positiv gegenüber stehen, bei 84 Prozent. Jetzt wäre es einfach, diese positive Haltung zu nutzen und Organspendeausweise zu bewerben, zu verteilen, auszulegen und die Entscheidung so konkret wie möglich zu machen. Das alles passiert auch. Allerdings haben die Menschen ein Problem: Sie haben Erfahrungen gemacht mit unserem Gesundheitssystem. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass Ansprechpartner fehlen, wenn man in Not ist und Hilfe braucht. Sie wissen, dass das Personal im Krankenhaus oft keine Zeit hat, eine Hand nicht weiß, was die andere tut und gerade bei sensiblen Themen ein offenes Ohr fehlt. Wenn in Deutschland Operationen durchgeführt werden, die medizinisch nicht notwendig sind, weil sie dem Krankenhauskonzern Geld bringen, dann ist die Zurückhaltung bei der Organspende nicht verwunderlich. Die berechtigte Vermutung lautet: Was sie bei der Knie-OP tun, wollen sie auch bei der Organtransplantation – Profit machen.
Wer die Zahl der Organspende erhöhen und das Recht auf informierte Selbstbestimmung wahren will, der muss darüber nachdenken, wo und wie Patienten und Angehörige ihre Vorbehalte äußern können. Dafür braucht es Zeit und Verständnis – also mehr Personal. Wo – zögerlich – Transplantationsbeauftragte für diese Aufgabe freigestellt werden, sind bereits positive Auswirkungen auf die Spendenzahlen festgestellt worden.


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