Was heißt „souverän“?

Um Tomaten, Leitungswasser und Banken: Wie Venezuela gegen die Angriffe der USA kämpft
Von Jan Meier
|    Ausgabe vom 18. April 2019
Freiwilligeneinsatz des Ministeriums für urbane Landwirtschaft zum Gemüseanbau außerhalb von Caracas (Foto: Minsterio del Poder Popular de Agricultura Urbana)
Freiwilligeneinsatz des Ministeriums für urbane Landwirtschaft zum Gemüseanbau außerhalb von Caracas (Foto: Minsterio del Poder Popular de Agricultura Urbana)

Sieben Tage ohne Wasser und Strom! Weißt du, was das bedeutet?“, fragt mich die 20-jährige Maria. Wir stehen auf einem kleinen Feld in den Bergen außerhalb der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Sie ist als Freiwillige hier. Eigentlich studiert sie Jura. Aber heute wird gesät: Tomaten, Salat, Kräuter und Kartoffeln. Venezuela produziert nur einen kleinen Teil der nötigen Lebensmittel selbst, den Rest muss das Land für teure Devisen importieren. Wir stehen gerade auf einem winzigen Acker, während die Fläche auf der anderen Seite des vor uns liegenden Tals völlig unbewirtschaftet ist, obwohl es bestes Ackerland sei, so Pedro, der neben uns steht und unsere Unterhaltung mitbekommt.
„Die landwirtschaftliche Produktion muss dringend erhöht werden“, sagt die Ministerin für urbane Landwirtschaft, die bei dem medienwirksamen Termin ebenfalls anwesend ist und selbst mit Hand anlegt. Ernährungssouveränität sei im Kampf gegen den Imperialismus genauso wichtig wie die Kampfkraft der Armee. Pedro kommt aus einer Bauernfamilie. „Säen ist gut“, meint er. Er möchte auch Bauer werden, aber heute sei er hier, um seinem Land in einer schweren Zeit zu helfen, wie er sagt. Auch er ist freiwillig gekommen.
Vor einigen Wochen hatte ein Teil­ausfall des wichtigsten Kraftwerks zu tagelangen Stromausfällen geführt. In der Folge war an vielen Orten auch das Leitungswasser ausgeblieben. Bis heute kommt es in verschiedenen Orten immer wieder zu kürzeren Ausfällen. Venezuela generiert seinen Strom fast vollständig aus Wasserkraft. Die Opposition macht die Misswirtschaft der Regierung für den Stromausfall verantwortlich, das Regierungslager spricht von einem terroristischen Angriff der USA, der die digitale Steuerung des Kraftwerks zeitweise lahmgelegt habe.
„Was schon stimmt, ist, dass wir unsere Versorgung nicht ausreichend diversifiziert haben“, meint Dulce, eine Staatsangestellte. Das sei die Verantwortung des Energieministers gewesen, weshalb sie es richtig findet, dass dieser von Präsident Maduro entlassen wurde. Gleichzeitig berichteten mehrere Arbeiter des betroffenen Kraftwerks von einem weiteren Angriff mit Waffengewalt auf das Kraftwerk, bei dem versucht wurde, die Speicher des Kraftwerks zu zerstören. „Natürlich ist der Ausfall teilweise unsere Verantwortung.“ Die Hauptursache sieht Dulce aber woanders: „Wenn sich schlecht um die Infrastruktur gekümmert wird, dann fällt hin und wieder in bestimmten Gebieten der Strom aus, zeitweilig, bis die Sache gelöst ist. Aber dieser Totalausfall im gesamten Land, das ist kein Wartungsfehler, sondern Sabotage des Imperialismus.“
Ihr Ziel haben die Saboteure nicht erreicht. Die Bevölkerung hat es hart getroffen, aber einen Aufstand gab es nicht. Fleischereien begannen ihre Ware zu verschenken, weil sie nicht mehr kühlen konnten. Alte Brunnen wurden reaktiviert und ihr Standort online bekannt gegeben. Viele der Wenigen, die noch Strom hatten, stellten ihren Standort ins Netz mit dem Hinweis: Bei mir kann man sein Handy laden.
Ich bin zu Besuch bei meinen Freunden Jesús und Ligia, im ärmeren Ostteil der Stadt. Das ältere Ehepaar hat zwei Söhne und lebt in einem kleinen, einfach eingerichteten, aber nicht ärmlichen Haus. Jesús ist eigentlich technischer Zeichner, arbeitet aber als Lehrer in der Alphabetisierungskampagne, Ligia produziert in Heimarbeit Kuscheltiere, die sie verkauft. „Es ging eine Welle der Solidarität durch das Land“, beschreibt Ligia die Situation. Wir haben zum Beispiel einen Nachbarn, der ist für die Opposition, ich bin aber für die Regierung. In politischen Fragen verstehen wir uns überhaupt nicht, aber natürlich haben wir uns gegenseitig geholfen, er ist ein sehr solidarischer Mensch.“ Was sie ärgert ist, wie die Opposition versucht, aus der Situation politisches Kapital zu schlagen. Es wurde behauptet, in den Krankenhäusern seien Tausende gestorben. „Das ist völliger Quatsch. Die Krankenhäuser haben alle eine eigene Notstromversorgung mit Generatoren.“ Einzig in der Kinderklinik in Caracas kam es zu einem kurzfristigen Ausfall, den die Armee beheben musste.
Mittlerweile sind die Stromversorgung und auch die Versorgung mit anderen Waren nicht mehr das Problem. Im Prinzip gibt es alles, nur die Preise sind teilweise astronomisch. Jesús meint, er würde für die Versorgung einer kleinen Familie zurzeit etwa 150000 Bolivares Soberanos im Monat rechnen. Der Mindestlohn liegt allerdings bei nur 18 000 Soberanos. Ein Kilo Käse kostet derzeit etwa 1 000 Soberanos, ein einfacher Haarschnitt beim Frisör etwa 8 000. Weil er zwei Jobs hat, bekommt er immerhin 36 000 Soberanos im Monat und den Verdienst von Ligia gibt es auch noch – doch selbst auf 100 000 Soberanos kommen die beiden jedoch lange nicht. Und trotzdem unterstützen sie ihren Sohn Jolvis, weil er zurzeit arbeitslos ist, und Ligia kümmert sich noch um ihre fast 100-jährige Mutter.
Manche Produkte des täglichen Bedarfs werden über die „Caja CLAP“ bereitgestellt. Dabei handelt es sich um eine Kiste, die die wichtigsten Grundnahrungsmittel zu einem deutlich subventionierten Preis von 500 Soberanos enthält. Die Verteilung wird in den Stadtteilen von den kommunalen Räten organisiert. Sie reicht nicht aus, aber sie hilft. Gerade wegen der starken Inflation waren und sind viele Menschen auf die Caja angewiesen. „Noch vor einem halben Jahr haben sich Preise von Lebensmitteln im Laufe eines Tages verdoppelt“, berichtet Ligia. Mittlerweile hat sich die Situation etwas stabilisiert. Die Preise sind seit Ende Februar stabiler, allerdings unverändert hoch.
Die Demonstrationen vom 6. April haben gezeigt, dass sich der Chavismus erholt und wieder mehr Menschen mobilisieren kann. Trotzdem ist der internationale Druck unverändert groß. Unverändert ist auch die Spaltung der Opposition. Guaidó war zwar in der Lage, ebenfalls ein paar Tausend Anhänger in ein Mittelschichtviertel im Osten der Stadt zu mobilisieren, er wird aber von anderen Kräften in der Opposition weiterhin nicht unterstützt. „Soweit ich das beurteilen kann, ist Guaidó in der Opposition in der Minderheit“, meint Jesus. „Das hat vor allem zwei Gründe. Erstens gibt es auch in der Opposition Kräfte, die eine Militärintervention ablehnen. Zweitens ist es offensichtlich, wie korrupt sie sind. Es geht ihnen um Macht und Geld für sich selbst. Trotzdem, früher war unser Stadtteil fast 100 Prozent chavistisch, das ist heute nicht mehr so. Obwohl ich Mitglied der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas bin, wähle ich die Kommunistische Partei Venezuelas. Ich finde es wichtig, dass sie ins Parlament kommt.“
Ansonsten geht das Leben seinen gewohnten Gang. In der U-Bahn fahren Busse statt Bahnen, überall wird irgendetwas verkauft, ein Tank voll Benzin ist immer noch so billig, dass erst noch eine Geldnote gedruckt werden müsste, die so wenig wert ist. Und so vergisst man hin und wieder für einen Moment, dass man sich in einem Land befindet, in dem gerade ein international unterstützter Putschversuch gegen einen demokratisch gewählten Präsidenten stattfindet. Ich sitze im Auto in der Tiefgarage des Landwirtschaftsministeriums. Wir warten, warten auf einen Kollegen, der noch Papierkram erledigen muss, bevor wir losfahren können. Der zweite Kollege erzählt mir, dass er weder für die Opposition noch für die Regierung sei: „Guaidó bedeutet Krieg, das Ende unserer Souveränität und den Ausverkauf des natürlichen Reichtums meiner Heimat an den Imperialismus.“ Doch die Durchhalteparolen der Regierung überzeugen ihn auch nicht. „Natürlich gibt es einen Angriff auf unser Land“, meint er, „aber man kann nicht jedes Problem damit erklären. Man darf nicht einfach so tun, als würde man selbst keine Fehler machen.“ So denken viele Venezolaner. Die Korruption vieler Regierungsstellen ist zu offensichtlich. Bestimmte staatliche Sektoren werden absichtlich schlecht gemanagt, um ihre Privatisierung legitimieren zu können. Das Land bleibt in den Händen der Großgrundbesitzer, der Mord an einem kommunistischen Anführer der Bauernbewegung unaufgeklärt – trotz großer Worte zur Ernährungssouveränität. „Und solange die wichtigsten Banken privat bleiben, haben wir kaum eine Möglichkeit, uns effektiv gegen die Inflation und den Finanzkrieg gegen unser Land zu wehren“, meint Igor Castillo, Internationaler Sekretär der Kommunistischen Jugend Venezuelas.
Endlich kommt der Kollege und wir können die Tiefgarage verlassen, um ein Stück aus der Stadt heraus zu fahren. Wir fahren auf das kleine Feld in den Bergen, wo ich Maria und Pedro treffen werde. Nach der Saat folgt für die etwa 40 teilnehmenden Jugendlichen noch eine Militärübung, inklusive Geländeübung und Schießübung mit der Kalaschnikow. „Wenn die Amis kommen, dann werden wir ihnen ein zweites Vietnam bereiten, wirst schon sehen“, sagt Maria, als sie sich von mir verabschiedet, und grinst.


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Leserbrief zu Artikel »Was heißt „souverän“?«, UZ vom 18. April 2019





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