„Grândola, vila morena“

Vor 45 Jahren erkämpfte die „Nelkenrevolution“ in Portugal die demokratische Umwälzung
Von Michael Henkes
|    Ausgabe vom 18. April 2019

„Es ist notwendig, den April zu retten“

„Es ist notwendig, den April zu retten“

( Henrique Matos / Lizenz: CC BY-SA 1.0)

Wir schreiben den 24. April 1974. Anfang des definitiven Endes der faschistischen Diktatur des „Estado Novo“ („Neuer Staat“) in Portugal. Es ist kurz vor 23 Uhr, als im Radio das Liebeslied „E depois do Adeus“ erklang. Das Signal für Angehörige der „Bewegung der Streitkräfte“ (Movimento das Forças Armadas, MFA) in drei Militärschulen ihre Kommandeure zu verhaften. Den Startschuss für die landesweite Erhebung der revolutionären Militärs und allgemein bekannt als das Lied der Nelkenrevolution gab das unter der Diktatur verbotene Kampflied der Landarbeiter „Grândola, vila morena“ („Grândola, braungebrannte Stadt“). Kurz nach Mitternacht wurde es zwei mal im Radio gespielt. Soldaten der MFA fuhren daraufhin den frühen Morgenstunden des 25. April nach Lissabon und umstellten das Regierungsviertel. Gleichzeitig wurden landesweit strategische Einrichtungen des Regimes von revolutionären Einheiten besetzt. Die Menschen strömten in Massen auf die Straßen und schmückten ihre Uniformen und Gewehre mit den namensgebenden roten Nelken. Die meisten Angehörigen des faschistischen Regimes ergaben sich kampflos. Nur vor der Zentrale der Geheimpolizei PIDE kam es zu einem Schusswechsel. Vier Menschen wurden von der PIDE getötet. Stoppen konnten die Kugeln die revolutionär-demokratische Umwälzung nicht. Knapp 18 Stunden nachdem „Grândola, vila morena“ im Radio ertönte, war die alte Ordnung gestürzt.

Der letzte Versuch
Die Nelkenrevolution kann als letzter Vorstoß Westeuropas in Richtung Sozialismus gewertet werden. Kein anderes Ereignis brachte die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten im kapitalistischen Zentrum seit der Pariser Kommune von 1871 näher an die Befreiung als jener Prozess vor 45 Jahren.
Dass dieser letzte Versuch ausgerechnet in Portugal, faschistische Diktatur seit 1926, brutales Kolonialregime und NATO-Staat, stattfand, überraschte die meisten Beobachter. Oder wie es Àlvaro Cunhal, Generalsekretär der Portugiesischen Kommunistischen Partei (PCP) und 13 Jahre in faschistischer Haft bis zu seiner spektakulären Flucht 1960, gegenüber Journalisten ausdrückte: „Wenn man euch alle, die ihr hier seid, vor einem Monat gefragt hätte, wo der revolutionäre Prozess in Westeuropa am meisten vorangeschritten sei und in welchem der Länder bald Kommunisten in die Regierung einbezogen würden, hättet ihr Portugal vielleicht den letzten Platz eingeräumt. Dem war nicht so: Der revolutionäre Prozess ist komplex, irregulär und bringt Überraschungen mit sich, vielleicht größere für euch als für uns.“
Eben jener komplexe, irreguläre Prozess ist nicht aus dem 25. April 1974 heraus zu erklären; es bedarf Kenntnis seiner Vorgeschichte und der auf ihn folgenden Ereignisse.

„Estado Novo“ – Der Neue Staat
Die Portugiesische Republik war erst 16 Jahre alt, als ihr 1926 ein jähes Ende bereitet wurde. Nach einer Reihe von sozialen Unruhen und Putschversuchen schoss sich das Militär am 31. März an die Macht. Die Anhänger der Republik wurden aus dem Amt gedrängt, die Kommunistische Partei verboten und die Verfassung suspendiert. Der Faschismus trat an die Macht. Während es innerhalb des Militärs zu Wechseln an der Spitze kam, drängte nach und nach ein Mann in den Vordergrund: António de Oliveira Salazar. Der Professor für Nationalökonomie war bereits 1926 kurzzeitig Finanzminister und kam 1928 erneut ins Amt. Seine rigide, aber aus der Sicht der herrschenden Klasse Portugals erfolgreiche „Haushaltskonsolidierung“, machte ihn zum stärksten Protagonisten der Militärdiktatur. Ab den frühen 30er Jahren begann Salazar den portugiesischen Staat umzubauen in einen klerikalfaschistischen „Neuen Staat“, stark beeinflusst vom italienischen Faschismus. Die União Nacional wurde zur alleinigen Staatspartei, die faschistische Geheimpolizei, ausgebildet von der Gestapo, „PVDE“, später „PIDE“, wurde geschaffen, Salazar selbst zum de jure Ministerpräsidenten, de facto faschistischen Diktator.
Àlvaro Cunhal widmete sich in „Kurs auf den Sieg“ (Berlin 1981) einer Analyse des „Estado Novo“. Die Schrift, veröffentlicht im Vorfeld des VI. Parteitag der PCP 1964, bestimmte den klassenmäßigen Inhalt des „Estado Novo“. Unter anderem bedingt durch eine starke ökonomische und politische Abhängigkeit von ausländischem Kapital (allen voran Großbritanniens), war die portugiesische Wirtschaft Anfang des 20. Jahrhunderts stark unterentwickelt. Die zu diesem Zeitpunkt in den anderen „westlichen“ Staaten bereits weitestgehend abgeschlossene Monopolisierung des Kapitals stand noch aus. Mit der Installation des Faschismus wurde sie nachgeholt. Auf Kosten der Arbeiter, Bauern und der Kolonien. Zugunsten der Großgrundbesitzer und der Bourgeoisie.

Der Widerstand in Portugal
Doch von Anfang an formierte sich Widerstand gegen den Faschismus. Neben den Intellektuellen, den Studenten und antifaschistischen Geistlichen war es allen voran die Arbeiterbewegung, die sich widersetzte. Die PCP als konsequenteste und am besten für den Kampf in der Illegalität organisierte Kraft bildete dabei den Kern des Widerstands. Unglaubliche 308 Jahre hatten die nach der Revolution dem Zentralkomitee angehörenden Kommunisten zusammengerechnet zuvor in Haft verbracht. Die nur rund 3 000 Kader der Partei wirkte insbesondere in den Industrieregionen rund um Lissabon und Setúbal sowie unter den Landarbeitern des Alentejo. Den erbärmlichen Lebensbedingungen und dem Kampf der Bevölkerung in den Weiten südlich des Tejo setzte José Saramago ein literarisches Denkmal: In seinem 1979 veröffentlichter Roman „Hoffnung im Alentejo“ beschreibt der Literaturnobelpreisträger und Kommunist eindrucksvoll, wie sich im Faschismus die Herrschaftstraditionen der Landbesitzer seit dem Mittelalter ungebrochen fortsetzen. Die Landarbeiter lebten in bitterster Armut, indoktriniert von der Kirche und fernab jeder Bildung. Und trotzdem waren sie treibende Kraft im unermüdlichen Kampf gegen den Salazar-Faschismus.

Der Widerstand in den Kolonien
Portugals bedeutendste Kolonien im 20. Jahrhundert waren Angola und Mosambik, dazu noch kleinere Gebiete in Westafrika und Asien. Im Gegensatz zu anderen europäischen Kolonialmächten war das faschistische Portugal nach dem Zweiten Weltkrieg nicht bereit, von einer direkten Herrschaft zugunsten einer indirekten, neokolonialen Herrschaft abzugehen. Stattdessen kam es zur offenen militärischen Konfrontation mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen.
Ab 1961 führte die marxistische MPLA („Volksbewegung zur Befreiung Angolas“) die ersten Guerillaaktionen durch. Etwas später trat auch in Mosambik die ebenfalls marxistische FRELIMO in den Guerillakampf ein. Während die NATO-Staaten, Rhodesien und das Apartheid-Regime Südafrikas das portugiesische Militär unterstützen, leisteten sozialistische Staaten den Freiheitskämpfern Solidarität. Schnell zeichnete sich ab, dass Portugal militärisch und finanziell mit dem Krieg überfordert war. Das Vorgehen der portugiesischen Armee im Verbund mit Einheiten aus Rhodesien und Südafrika war dabei von maßloser Brutalität bestimmt, letztlich aber nicht in der Lage, den entschlossenen Einheiten der Befreiungsbewegung langfristig etwas entgegenzusetzen. Der Krieg in den Kolonien verschlang beträchtliche Teile des Haushaltes, die Unzufriedenheit innerhalb des Militärs wuchs mit jeder Niederlage. Ursprünglich gegründet aus dem Unbehagen gegenüber den direkt aus den Hochschulen rekrutierten „milicianos“ (Milizsoldaten), die faktisch den altgedienten Berufsoffizieren gleichgestellt wurden, bildete sich 1973 die Movimento dos Capitães („Bewegung der Hauptleute“). Die unmittelbare Vorgängerorganisation der MFA, entscheidende Kraft in der Nelkenrevolution.

Auf dem Weg zum Sozialismus?
Was in den Jahren 1974 bis 1976 in Portugal passierte war keine sozialistische Revolution. Es war eine nationale, demokratische Revolution mit antikolonialen und antimonopolistischen Momenten, die das Potenzial eines Herankommens an den Sozialismus beinhaltete. Insbesondere unter der Regierung Vasco Gonçalves (Juli 1974 bis September 1975 Ministerpräsident), eines marxistischen und der PCP nahestehenden Generals, kam es zu zahlreichen Verstaatlichungen und zur Vergesellschaftung von Großgrundbesitz. Dennoch war der nach 1974 einsetzende Prozess von Widersprüchen geprägt. Die portugiesischen Kommunisten warnten davor, einer gerade unter ausländischen Linken jener Zeit verbreiteten Revolutionsromantik zu verfallen: Im Militär gab es neben den Linken, den Positionen der KP nahestehenden Kräften, auch einflussreiche Konservative. Antonio de Spinola, der erste Präsident des demokratischen Portugal, war so einer. Er plädierte bereits unter Salazar für eine Beendigung des Kolonialkrieges und moderate Reformen. Trotzdem war er nach 1974 die Galionsfigur der „alten Eliten“‘, die auch im neuen Portugal die Zügel in der Hand halten wollten. Nach einem gescheiterten Putschversuch gegen die Regierung Gonçalves im März 1975 musste er das Land verlassen. Auch das portugiesische Volk war gespalten. Während die Industriestädte wie Barreiro und Setúbal genau wie die Gemeinden des Alentejo, Evóra, Beja und Grândola, verlässliche rote Hochburgen waren (und es zum Teil noch sind), sah es im Norden des Landes anders aus. Die eher kleinbäuerlich geprägten Dörfer dort waren fest in der Hand der Reaktion. Stetiger klerikaler antikommunistischer Propaganda ausgesetzt, kam es hier im „heißen Sommer“ 1975 zu Pogromen gegen die Kommunistische Partei. Die Dutzende Anschläge auf ihre Büros und Mitglieder vollzogen sich unter den Augen der untätigen Polizei.
Bestes Pferd im Stall der Reaktion war allerdings die Partido Socialista (PS). Die erst 1973 in Bad Münstereifel mit tatkräftiger Unterstützung durch SPD und „Sozialistische Internationale“ gegründete Partei wurde zur bevorzugten Anlaufstelle der Konterrevolution. Die sich radikal und sozialistisch gebende Partei unter Mário Soares avancierte schnell zur stärksten politischen Kraft Portugals. Während es an ihrer Basis viele aufrechte Antifaschisten und Sozialisten gab, war ihre Führung darauf orientiert, jeden sozialistischen Vorstoß abzuwürgen. Nicht ohne Erfolg.

45 Jahre danach – Was bleibt?
Ende der 1970er Jahren gelang der Reaktion schließlich der Durchbruch. 1980 kam es dann zur Bildung der ersten durch und durch konservativen Regierung, die sich sofort an die weitreichende „Befreiung“ der Wirtschaft vom „Sozialismus“ machte. Von den Landarbeitern besetzte Güter und verstaatlichte Unternehmen wurden ihren vormaligen Besitzern zurückgegeben, Arbeits- und Mitbestimmungsrechte angegriffen.
Es bleibt also die Frage, ob die Nelkenrevolution 45 Jahre später als gescheitert zu beurteilen ist. Klar ist: Der Sozialismus wurde im Anschluss an 1974 nicht erstritten. Aber manche Errungenschaften bleiben. Zuallererst: Das Ende des Faschismus. Und auch wenn die ehemaligen Kolonien teilweise noch Jahrzehnte Bürgerkriege zu ertragen hatten, erlangten sie doch endlich ihre Unabhängigkeit. Das antikoloniale Erbe der Nelkenrevolution bleibt von unbestreitbarer Größe.
Auch wenn die aus dem revolutionären Prozess hervorgegangene Verfassung von 1976 etliche Verstümmelungen durch die Reaktion über sich ergehen lassen musste, so bleibt sie doch eine der progressivsten Westeuropas.
Der ununterbrochene Kampf der Kommunisten gegen den Faschismus und ihre tiefe Verwurzelung unter den Arbeitern Lissabons, Setúbals und im Alentejo machen die PCP zu einer der stärksten kommunistischen Parteien Europas. Nicht unerwähnt bleiben darf auch der gut verankerte und kämpferische Gewerkschaftsverband CGTP (ihr Vorsitzender ist Mitglied der PCP), der größte Portugals. Das alles ist nicht nur nicht ohne die Nelkenrevolution zu verstehen, sondern es sind fortwirkende politische Kräfte aus dieser Zeit.
Alles in allem hat die portugiesische Arbeiterbewegung seit 1974 viele Rückschläge zu verzeichnen gehabt; dennoch kann sie auch heute noch, 45 Jahre danach, auf das reichhaltige Erbe der Revolution vom 25. April zurückgreifen.


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Leserbrief zu Artikel »„Grândola, vila morena“«, UZ vom 18. April 2019





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