Das Monster wächst

Amazon-Beschäftigte kämpfen weiter um Tarifvertrag
Von Lars Mörking
|    Ausgabe vom 26. April 2019

Vor Ostern rief die Gewerkschaft ver.di die Beschäftigten in fünf Amazon-Warenzentren wieder zum Streik auf. Damit bleibt ver.di bei der Taktik, die zahlreichen Shopping-Events in Deutschland zu nutzen, um darauf aufmerksam zu machen, dass das „Handels-Monster“ Amazon Tarifverhandlungen zur Übernahme des Einzelhandelstarifs für die bundesweit rund 16 000 Amazon-Beschäftigten verweigert. „Handels-Monster“ – so bezeichnet Werner Rügemer den Konzern in seinem Buch „Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts“.
Vom „MDR“ wird Ralf Kleber, Manager bei Amazon Deutschland, mit den Worten zitiert: „Wenn Glatteis ist, juckt uns das weit mehr, als wenn ver.di zum Arbeitskampf aufruft.“ Tatsächlich scheinen die Streiks für Amazon-Kunden kaum spürbar zu sein. Der Online-Händler betreibt in Europa 28 Standorte in sieben Ländern, der größte davon liegt im hessischen Bad Hersfeld. Amazon ist in der Lage, Waren zumindest zeitweise aus anderen Lagern zu liefern, zum Beispiel aus Polen und Tschechien. Die andauernden Streiks fügen Amazon allerdings einen spürbaren Image-Schaden zu, so die Einschätzung von Joachim Hofer im „Handelsblatt“. Die Streiks der Beschäftigten machen immer wieder öffentlich, dass Amazon auf prekäre Beschäftigung setzt, Arbeitshetze betreibt und gewerkschaftsfeindlich agiert.
David bleibt hartnäckig, aber Goliath wächst weiter: Laut einer Studie der Universität Sankt Gallen machte Amazon im letzten Jahr in Deutschland etwa viermal so viel Umsatz wie Karstadt und Kaufhof zusammen – 17 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Weltweit sind es 180 Milliarden. Jedes fünfte Buch und 16 Prozent der Elektroartikel werden bei Amazon bestellt – das bezieht sich auf alle Umsätze, nicht nur online.
In den USA machte Amazon im vergangenen Jahr 11,2 Milliarden Dollar Gewinn – und zahlte keine Steuern, wie die „Washington Post“ berichtete. Amazon nutzt alle Schlupflöcher, wie andere Unternehmen auch. Der Online-Händler ist auf öffentlich finanzierte Infrastruktur angewiesen, trägt aber nichts dazu bei. In Ohio sollen 700 von insgesamt 6 000 Amazon-Beschäftigten im US-Bundesstaat Ohio sogar Lebensmittelkarten von den Sozialbehörden bezogen haben, weil der Lohn nicht reicht, wie unter anderem die „Berliner Zeitung“ berichtete. Den Durchschnittsverdienst eines Amazon-Beschäftigten in den USA gab das Unternehmen für 2017 mit 28446 Dollar pro Jahr an – die offizielle Armutsgrenze liegt für eine vierköpfige Familie bei 26 208 Dollar.
Amazon lässt sich seinen Expansionskurs also staatlich subventionieren. Steuergeschenke und Investitionshilfen gehören zum Geschäftsmodell des Monopolisten. Gleichzeitig ruiniert das Handels-Monster Konkurrenten, egal, ob sie in den Innenstädten Filialen betreiben oder ihre Waren über die Plattform von Amazon verkaufen. Denn der US-Riese hat – im Gegensatz zu kleinen Händlern – Zugriff auf alle Kundendaten. Und die sammelt er fleißig, um sich gezielt in profitable Geschäftszweige ausweiten zu können. Je mehr Marktmacht Amazon an einem Standort hat, desto stärker drängt er seine eigenen Plattformhändler aus dem Markt.
David könnte etwas mehr Unterstützung gebrauchen.


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Leserbrief zu Artikel »Das Monster wächst«, UZ vom 26. April 2019





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