Gott will es

Notre-Dame und das Ende der Architektur
Von Jürgen Meier
|    Ausgabe vom 10. Mai 2019
Notre Dame (Foto: Kimon Berlin / flickr.com)
Notre Dame (Foto: Kimon Berlin / flickr.com / Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Victor Hugo, Autor des Romans „Der Glöckner von Notre-Dame" verehrte die gotische Architektur der Kathedrale, weil sie die Ideologie der Bürger-, Gemeinde- und Künstlerfreiheit symbolisiere. Notre-Dame (Baubeginn 1163 bis 1345) steht für eine neue feudalistische Gesellschaft, die besonders in Frankreich damit begann, die vielen Fürstentümer unter eine zentrale königliche Führung zu stellen. Paris war das wirtschaftliche und geistige Zentrum dieser Zeit. Hier entstand nicht nur die erste überdachte Markthalle (1181), in der mit Stoffen, Gewürzen, Wein und vielen anderen Importwaren aus dem Nahen Osten gehandelt wurde, sondern auch die erste unabhängige Universität (1223). In den gesicherten Mauern von Paris entwickelten sich das Handwerk und eine handeltreibende, freie Bürgerschaft. Bedingungen, die es brauchte, um eine Architektur zu gestalten, die noch immer die Menschheit fasziniert.

Warum ist das so?
Wenn wir von Architektur sprechen, dann sprechen wir über mehr als über ein Gebäude, also einen runden, eckigen oder hohen Raum. Architektur fügt die griechischen Wörter arché und techné zu einem Begriff zusammen, der so viel wie „Erste (arché) Kunst (techné)“ bedeutet. Sie war das erste Kunstgenre überhaupt. Architektur ist mehr als nur die Anwendung von Ingenieurwissen, Sie ist auch dies, denn anders als in anderen Kunstgenres muss naturwissenschaftliche Kenntnis (Statik, Baumaterial etc.) vorhanden sein, um Architektur, also Baukunst zu schaffen. Doch nicht nur diese Voraussetzung unterscheidet die Architektur von den anderen Künsten, die ja ohne Kenntnis der Naturgesetze Bilder, Romane, Musik produzieren können. Die Baukunst schafft tatsächliche Räume. Sie ist nicht nur Abbildung von Wirklichkeit, sondern reale räumliche Wirklichkeit, die der Mensch von innen und außen erleben muss, um an ihr das zu erleben, was wir als „großartig“, „berührend“ oder, philosophisch ausgedrückt, als Katharsis erleben.
Es ist das gemeinsame Ja, mit all seinen Widersprüchen, das auch die heutigen Menschen beim Anblick wirklicher Baukunst der Vergangenheit als „menschheitliches“ Gefühl empfinden. Das Gemeinsame war in der Gotik ausgeprägt. Die Klassenunterschiede blieben verdeckt. Denn in der feudalen Gesellschaft wurde ein Adliger als Adliger geboren und blieb dies Zeit seines Lebens. Sein Leibeigener blieb Leibeigener als Soldat oder Bauer. An diesem Standesrecht von Geburt an zweifelte niemand. Das Gemeinsame, das die damaligen Klassen und Stände verband, waren die Verbesserung des landwirtschaftlichen Anbaus, des städtischen Handwerks und, auf der ideologischen Ebene, die Raubzüge, religiös getragen und gerechtfertigt vom „Lichte Jesu“, dessen Geburtsstätte die Kreuzritter von den „Ungläubigen“ befreien wollten, um den Weg ins ewige Leben finden zu können. „Deus lo vult!“ – „Gott will es!“ So lautete die herrschende Ideologie, die Kreuzzüge und die Gotik möglich werden ließ.

Notre-Dame. Gottes Licht!
Notre-Dame, Zeugnis hoher naturwissenschaftlicher Kenntnis der städtischen Handwerker, vergegenständlichte als Kunstwerk das Gefühl vom gemeinsamen Aufbruch in eine Zukunft, die ein Königreich schafft, in dem der Geist Gottes den König und sein Volk weise, edelmütig und reich werden lässt. Als Motiv der gotischen Baukunst nannte der Benediktinerabt Suger, Bauherr und Schöpfer der ersten gotischen Kirche (Saint-Denis-en-France): „Bewundere nicht das Gold, nicht den Aufwand, sondern die Arbeit und die Kunst. Das edle Werk glänzt, aber es glänzt mit Edelmut; möge es die Geister erleuchten und sie durch wahre Lichter zum wahren Licht führen, dessen wahrhaftige Pforte in Christus ist.“ Den Lichtstrahl Gottes sollte die Kathedrale zeigen.
Ludwig VII., der 1131 in Reims zum französischen König gekrönt wurde, war Mitinitiator des Baus von Notre-Dame, wo er 1180 beigesetzt wurde. Er ernannte Suger, den Abt von Saint-Denis, zu seinem Regenten, um selbst am 2. Kreuzzug teilnehmen zu können. Kreuzfahrer hatten Jerusalem mit brutalsten Mitteln erobert. Auf den zerstörten Moscheen und Synagogen errichteten sie christliche Kirchen. Von mehr als einer Million christlicher Krieger des 2. Kreuzzugs kehrten nur noch 100000 in ihre Heimat zurück, unter ihnen Ludwig VII., die anderen waren gefallen. Dennoch gingen die Kriege bis zur Niederlage des „Abendlandes“ im 13. Jahrhundert weiter, finanziert durch Spenden und Sondersteuern und angetrieben von Versprechungen, man könne im „Morgenland“ gemeinsam reich werden an Gold und Landbesitz.
Notre-Dame sollte Symbol des Thronsaals im Himmlischen Jerusalem sein. Alles strebt in diesem Thronsaal in die Höhe. Große, nach oben strebende, spitzzulaufende Fenster, deren Gläser wie Edelsteine glänzen, bringen das „wahre Licht“ ins Kirchenschiff, in dessen fünfschiffigem Innenraum, der 130 Meter misst, sich 9 000 Menschen auf ihre Reise ins Morgenland vorbereiten konnten.

Wiederaufbau: Architektenwettbewerb
Was im 12. Jahrhundert möglich war, nämlich eine gotische Architektur, die als Kunstgenre ein echtes Gemeinschaftsgefühl zum Selbstbewusstsein gestalten konnte, ist mit Entstehen des Imperialismus nicht mehr möglich. Es gibt kein kollektives Ja-Gefühl als herrschende Ideologie in einer Gesellschaft mehr. Konkurrenz, Lohnarbeit, Vereinzelung bestimmen das Leben. Zwar wurde nach der bürgerlichen Revolution in Europa versucht, die Gotik zu neuem Leben zu erwecken, um die Keimformen der gotischen Bourgeoisie in die Zeit des aufstrebenden Imperialismus zu retten. Es entstanden Rathäuser, Postämter, Bahnhöfe im neugotischen Outfit, die zeigen sollten, wie machtvoll die Bourgeoisie mit dem Adel das Deutsche Reich zu einem Kolonialreich aufzubauen verstand. Doch anders als die Gotik, die tatsächlich auf einer Gemeinschaft basierte, musste im Deutschen Reich eine Arbeiterklasse unterdrückt werden, die dadurch lernte, sich als Klasse zusammenzuschließen. Die Neugotik ist deshalb gestalterische Lüge der Kooperation von Bourgeoisie und Adel, deren königliche Vaterlandsträume in der Architektur bis 1918 von der Mehrheit der Bevölkerung stolz bejaht wurde.
Heute, wo die Bourgeoisie einen profanen, kriegerischen und unmenschlichen Imperialismus schuf, will sie in ihren Gebäuden „modern“, mit „reiner“ Architektur erscheinen. Doch die Unmenschlichkeit des „modernen“ Raumes kann nur unsinnlich, pragmatisch, geometrisch gestaltet werden. Der soziale Auftrag der Architektur, der Ja zur herrschenden Ideologie sagt, muss nun Ja zur Unmenschlichkeit sagen. Die Rendite, die Nützlichkeit, die Bauzeit, Glas, Chrom, Beton, der Ingenieur bestimmten den Bau. Von Architektur kann daher im eigentlichen Sinne nicht mehr gesprochen werden. Sie setzt eine andere Gesellschaft voraus. Eine, in der gemeinsam Ja zu einer vereinheitlichenden Orientierung gesagt werden kann, die dann sinnlich in der Architektur positiv gestaltet werden kann. Der „Architektenwettberb“, der nach dem Brand nun ausgelobt wird, zeigt heutige Unmöglichkeit von Architektur. Der britische Stararchitekt Norman Foster schlägt in der britischen „Times“ vor, ein Glasdach und ein spitzes kristallartiges Türmchen inklusive Aussichtsplattform dort zu platzieren, wo der gotische Turm den Flammen zum Opfer fiel. Er will dem „ikonischen Bau ein zeitgemäßes Gesicht“ geben. Ian Ritchie, der Schöpfer des „Spire of Dublin“ – eine in der irischen Hauptstadt errichtete Metallspitze – will „einen brechenden, superschlanken, reflektierenden Kristall zum Himmel“ oder „schönes zeitgenössisches Maßwerk aus Glaskristallen und Edelstahl“ bauen lassen. Das Architekten-Studio „NAB“ will das Dach in ein grün gestyltes Gewächshaus verwandeln. Mit Beeten, restaurierten Statuen und einem Spitzturm, der in eine Imkerei mit Bienenstöcken verwandelt werden soll. Ein Architekt aus Italien will ein Kristalldach und Alexandre Fantozzi aus Brasilien will das Dach und den Spitzturm mit Buntglas belegen.
Den Beweis, dass Architektur im „modernen“ Imperialismus nicht mehr möglich ist, werden sicher noch viele solcher Stararchitekten führen wollen.


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Leserbrief zu Artikel »Gott will es«, UZ vom 10. Mai 2019





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