Kultursplitter

|    Ausgabe vom 10. Mai 2019

Kultursteuer
Immer mal wieder – auch ohne das Sommerloch – kommt der Vorschlag, die Kirchensteuer solle ersetzt werden durch eine Kultursteuer. Diesmal meldet sich der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow zu Wort, er favorisiert das „italienische Modell“. Dort entscheiden die Bürger, ob sie 0,8 Prozent ihres Einkommens einer christlichen Kirche oder sozialen Einrichtungen zukommen lassen wollen, verpflichtet sind sie auf jeden Fall. Dieses Vorgehen nach Art der Gießkanne entlastet den italienischen Staat von seinen Verpflichtungen, sich ausreichend um soziale und kulturelle Einrichtungen zu kümmern. Mehr Geld ist deshalb nicht vorhanden, da gerne gekürzt wird. Ramelow ist der Meinung, durch eine solche allgemeine Steuer könne man den Bau und Unterhalt von Moscheen und anderen nichtchristlichen Bethäusern unter staatliche Kontrolle bringen und von „ausländischen“ Einflüssen fernhalten. Eine Begründung, warum alle Bürgerinnen und Bürger dafür zahlen sollen, was religiös orientierte Menschen in ihrer persönlichen Lebenszeit so alles tun, gibt es nicht.

Angriff
Der FPÖ-Geschäftsführer Harald Vilimsky war von Nachrichtenmoderator Andreas Wolf in der ORF-Sendung „ZiB2“ – vergleichbar mit „Tagesthemen“ und „heute journal“ – auf optische und inhaltliche Ähnlichkeiten eines Cartoons der FPÖ-Jugendorganisation mit Darstellungen des NS-Hetzblatts „Der Stürmer“ angesprochen worden. Der rechte Politiker reagierte heftig und drohte, diese Frage könne „nicht ohne Folgen bleiben“. Tatsächlich legte wenig später ein von der FPÖ nominiertes ORF-Stiftungsratsmitglied nach – und Wolf ein „Sabbatical“ nahe. Seitdem geht es in Österreich heftig zur Sache, die Leitung des öffentlich-rechtlichen ORF steht zu ihrem Journalisten, Bundeskanzler Sebastian Kurz mahnt alle Seiten zur „Mäßigung“, sein Vize von der FPÖ, Heinz-Christian Strache, rudert halbherzig zurück. Die Angriffe auf den Journalisten und den Sender gehen unverhohlen weiter, der ganze rechte Blätterwald bleibt auf der Linie, Meinungs- und Pressefreiheit dürfe nicht zu Lasten „ehrenwerter“ Politiker gehen. In Moderationen deutscher Nachrichtensender positioniert man sich ebenfalls, denn was man in Österreich gerade erlebt, ist ein kühl kalkulierter Frontalangriff einer Regierungspartei auf die Pressefreiheit. Angriffe der AfD, aber auch aus der CDU/CSU kennen wir und solche Drohungen werden hier immer deutlicher laut ausgesprochen.

Hörenswert
Die drei Romane und das Tagebuch von Wolfgang Herrndorf sind jetzt als Hörbuchedition erschienen. Der Schriftsteller kämpfte jahrelang gegen einen bösartigen Hirntumor an, im August 2013 wählte er in Berlin den Freitod. Nicht nur „Tschick“, der wunderbare Entwicklungsroman über zwei pubertierende Jungs, wurde treffsicher im Ton eingesprochen. „Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem“, schreibt Wolfgang Herrndorf im März 2010 in sein Tagebuch „Arbeit und Struktur“, für das Hörbuch gelesen von August Diehl. Mit damals Mitte 40, den Tod im Blick, ist der Autor produktiv wie nie zuvor. In „Tschick“ erkunden die beiden Jungen mit einem geklauten Lada die ostdeutsche Provinz und lernen auf einem Müllplatz Isa kennen. Isa und Maik kommen sich näher. Der unvollendete Roman „Bilder deiner großen Liebe“ erzählt aus Isas Perspektive, wie sie zuvor aus der Psychiatrie abgehauen ist und sich zu Fuß durchgeschlagen hat. Man hängt förmlich an den Lippen von Natalia Belitski, die den poetischen Blick der 14-Jährigen genauso grandios interpretiert wie ihre verrückten Momente. Deshalb ist es so schade, dass der Argon Verlag, bloß um die CD-Produktion zu sparen, die Edition in leider hörbar reduzierte MP3-Dateien umgewandelt hat.Herbert Becker


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 10. Mai 2019





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.