Sich vorstellen, was noch nicht da ist

Über wirkliche Widersprüche, eingebildete Freiheit und falschen Optimismus
Von Dietmar Dath
|    Ausgabe vom 10. Mai 2019
Wird uns nicht retten – und bringt nicht einmal seinem Erfinder genug Geld, um die nötige Pflege zu bezahlen: Superhelden-Waschbär im neuen „Marvel“-Film. (Foto: Marvel Studios)
Wird uns nicht retten – und bringt nicht einmal seinem Erfinder genug Geld, um die nötige Pflege zu bezahlen: Superhelden-Waschbär im neuen „Marvel“-Film. (Foto: Marvel Studios)

Letzten Sonntag war ich krank und müde von der Arbeit, aber nicht so krank, dass ich hätte zuhause bleiben müssen. Ich bin also ins Kino gegangen. Im Kino lief ein Film über Heldinnen und Helden, die uns vor Verbrechern beschützen. Die Verbrecher im Kino sind riesige Verbrecher, sie klauen nicht einfach ein Fahrrad oder belästigen eine Frau, sondern sie verwüsten mit Krieg und Zerstörung die Welt und machen sie unbewohnbar. Einer von den Helden in dem Film, den ich gesehen habe, ist ein Waschbär, der sprechen kann und mit Gewehren schießen. Der Mann, der den Waschbär erfunden hat, bekommt nichts von den Milliarden, die sehr viele Leute dafür ausgeben, dass sie sich diesen Film anschauen können. Der Erfinder des Waschbären lebt in Amerika und ist ein Pflegefall. Er hat sich sein Leben lang Geschichten über Heldinnen und Helden ausgedacht, die uns alle vor Krieg und Zerstörung retten. Der neueste Kinofilm, in dem Figuren herumlaufen, die sich der alte Mann ausgedacht hat, der jetzt Pflege braucht, ist gerade mit einem Erstaufführungs-Einspielergebnis von 1,2 Milliarden Dollar gestartet. Während das passiert, bettelt der Bruder des Mannes, der den mutigen und lustigen Waschbären erfunden hat, im Internet um Geld für die Versorgung des Pflegefalls.
In dem Kino, in dem ich den Film gesehen habe, gab es keine Getränke und kein Popcorn. Die Beschäftigten haben dort nämlich gestreikt. Das bedeutet: Die Leute, die den vielen anderen, wenn sie sich den Film mit dem mutigen und lustigen Waschbären ansehen wollen, die Getränke und das Popcorn und das Eis verkaufen, wollen nicht mehr für viel zu wenig Geld dafür sorgen, dass die vielen anderen beim Essen und Trinken im Dunkeln vergessen können, dass es keine Heldinnen und Helden und Waschbären gibt, die uns davor beschützen, dass jemand Krieg gegen uns führt, dass jemand unsere natürlichen Lebensgrundlagen versaut oder dass jemand unsere Geschichten benutzt, um damit reich zu werden, während unsere Verwandten für uns betteln müssen, wenn wir am Ende unseres Lebens Pflege brauchen.
Im Kino lagen Zettel auf den Theken, wo man normalerweise Getränke und Popcorn kaufen kann. Auf diese Zettel hatten diejenigen, denen die Kinos gehören, schreiben lassen, dass die Gewerkschaft schuld daran sei, dass es keine Getränke und kein Popcorn gibt. Die Kinobesitzer haben auf diese Zettel außerdem schreiben lassen, dass die Forderungen der Gewerkschaft völlig übertrieben seien.
Weil sie wussten, dass ihr Personal nicht arbeiten würde wie gewohnt, haben sie Leute eingestellt, die sonst gar keinen Job hätten. Dieser Not-Aushilfe haben sie zwölf Euro in der Stunde gezahlt, während sie denen, die mit derselben Arbeit neu bei ihnen anfangen, neun Euro und zwanzig Cent bezahlen. Das heißt: Die Arbeit der Leute ist ihnen nicht viel wert, aber was ihnen fast drei Euro wert ist, das ist die Drohung: Wenn du es nicht so machst, wie wir es wollen, holen wir andere. Der Aufschlag für den Bruch des Streiks ist ihnen also mehr wert als die Arbeit derjenigen, die von solcher Arbeit leben müssen.
Ich habe in diesem Kino Kinder gesehen, die das alles nicht verstehen konnten und sehr unglücklich waren, weil es nichts zu Essen und Trinken gab. Die Verbrecher, die diese Zettel bezahlt haben, wollen, dass die Eltern den Kindern erzählen, die Gewerkschaft sei schuld. Sie wollen, dass schon kleine Kinder lernen: Wer sich wehrt, wer ein besseres Leben will als das, was die Herrschenden für die Beherrschten wollen, was die Regierenden für die Regierten wollen, was die Ausbeuter für die Ausgebeuteten wollen, was die Besitzenden für die Besitzlosen wollen, ist böse. Die Zettel sollen aus den Kindern Waffen gegen die Eltern machen, und aus den Eltern Waffen gegen die Gewerkschaft. Ich rede von Waffen, weil das, was da passiert, keine Diskussion ist und keine Verhandlung, sondern ein Kampf. Es ist ein Klassenkampf.

Als ich noch ein Kind war, habe ich meinen Vater mal gefragt, warum er das macht, so viel arbeiten. Ich hatte nämlich gemerkt, dass ein Nachbar in dem Mehrfamilienhaus, in dem wir wohnten, öfter da war als mein Vater, obwohl der auch arbeitete. Ich wollte den Unterschied verstehen. Mein Vater sagte, der Nachbar hat einen schlechteren Job. Schlechter hieß also, mehr Zeit haben und weniger müde sein. Das kam mir komisch vor: Wieso ist das schlechter? Mein Vater erklärte: Der Nachbar will nicht so viel vom Leben wie wir. Mein Vater, lernte ich, arbeitet länger, weil er dann mehr Geld bekommt, davon haben wir dann ein besseres Auto und irgendwann eine eigene Wohnung, statt nur eine, in der wir Miete bezahlen, vielleicht auch ein Haus. Eine eigene Wohnung, erklärte er mir, bedeutet Freiheit vom Vermieter, für den der Hausmeister arbeitet, der mir das Spielen im Treppenhaus und bei den Fahrrädern verboten hat, Freiheit vom Vermieter, der kaputte Rohre zu spät, zu schlecht, zu billig oder gar nicht reparieren lässt, Freiheit vom Vermieter, der auf dem Parkplatz freche persönliche Fragen stellt, zum Beispiel, wieso mein Vater sich eigentlich so ein schönes und großes Auto leisten kann, sich aber bei jeder kleinen Mieterhöhung immer so anstellt, und ob er sich das schöne und große Auto vielleicht gar nicht wirklich leisten kann. Hat er es nicht überhaupt nur, um die Frauen zu beeindrucken? Das sagte der Vermieter, und dann lachte er. Damals wollten Leute von anderen, wenn die andern irgendwie weniger unglücklich wirkten, dauernd wissen, ob sie vielleicht „über ihre Verhältnisse“ lebten. „Die Verhältnisse“, das war die Scheiße, in der alle leben mussten, sie war nur noch nicht so groß wie heute.
Später erfuhr ich, dass das schöne Auto, in dem mein Vater fuhr, ihm eigentlich gar nicht gehörte, sondern der Firma. Mein Vater musste in keiner Fabrik stehen und in keinem Büro arbeiten, immerhin. Auch deshalb dachte er, dass er einen besseren Job hätte als die meisten Gleichaltrigen, mit denen er aufgewachsen war, in dieselben Schulen gegangen und so weiter. Mein Vater arbeitete mit Bauern, er half ihnen dabei, die richtigen Maschinen zu kaufen und sie auf die richtige Art einzusetzen, das heißt, wie er sagte, „wirtschaftlich richtig“, also so, dass die Bauern nicht Pleite machen mussten. Mein Vater mochte keine Linken und keine Sozialdemokraten und keine Kommunisten, er mochte seinen Chef. Mein Vater glaubte, wenn es kleineren Firmen wie der Firma, die seinem Chef gehörte, finanziell gut geht, dann geht es der deutschen Wirtschaft insgesamt gut. Er meinte die kleineren Kapitalisten der Bundesrepublik, er dachte, wenn deren Laden brummt, dann leben alle im Wohlstand, sogar der Nachbar mit dem schlechteren Job.
Der Chef meines Vaters war ein Liberaler, er hat die FDP gewählt. Weil mein Vater seinen Chef mochte und ein bisschen bewunderte, hat er auch die FDP gewählt, manchmal vielleicht auch die CDU. Mein Vater war Christ, aber ich glaube, mindestens so sehr wie an die christliche Lehre hat er an seine liberale Idee von Arbeit und Wirtschaft geglaubt. Vor allem aber hat er gearbeitet, bis er gestorben ist. Als sein Chef Pleite ging, hat mein Vater ihm das Dienstauto abgekauft, und als das kaputtging, hat er ein neues gekauft, und das habe ich dann geerbt. Aber eine Eigentumswohnung oder ein Haus hat mein Vater sein ganzes Leben lang nicht besessen.
Die Jüngeren werden sich über diese Geschichte vielleicht wundern. Sie würden mich vielleicht gern fragen: Wie konnte dein Vater denn glauben, dass man durch Arbeit zu Wohlstand und Freiheit kommt, dass man sich zum Beispiel die Freiheit vom Vermieter erarbeiten kann? Das glauben heute nur noch die Verwirrtesten. Beim Arbeiten geht es für die meisten, die arbeiten müssen, nicht um Freiheit, nicht mal um Status, Ansehen, ein schönes Auto, sondern inzwischen geht es ums Überleben, buchstäblich um Leben und Tod für sehr viele – ich zitiere aus einer aktuellen Meldung, die ich im „Weserkurier“ gefunden habe, einer Lokalzeitung aus Bremen, zum Landesgesundheitsbericht 2019, „der den Gesundheitszustand von Kindern und Erwachsenen vor allem auch im Hinblick auf negative soziale Indikatoren wie ein niedriges Bildungsniveau, Gefährdungen am Arbeitsplatz, schlechte Wohnbedingungen, Arbeitslosigkeit oder prekäre Beschäftigung bewertet hat. Der markanteste Befund: In sogenannten sozial benachteiligten Stadtteilen in Bremen sterben die Menschen im Schnitt deutlich früher. Die niedrigste Lebenserwartung bei Geburt für den Zeitraum 2008 bis 2017 haben danach Frauen und Männer in Gröpelingen mit jeweils 79,7 und 74,2 Jahren, die höchste in Schwachhausen – der Unterschied zwischen beiden Stadtteilen beträgt bei Männern 7,2 Jahre, bei Frauen 5,9 Jahre.“
Wo die Welt so aussieht wie in diesem Zitat, gibt es nicht mehr viele, die das glauben, was mein Vater noch geglaubt hat. Aber das Wahnsinnige ist: Es ist noch gar nicht so lange her, dass das ganze Zeug, dem mein Vater sein Leben lang vertraut hat, ziemlich viele arbeitende Leute in der Bundesrepublik Deutschland geglaubt haben. Viele, die in dieser alten Bundesrepublik arbeiten mussten, glaubten fest, dass sie in einem Land lebten, in dem eine gute Verfassung, das Grundgesetz, dafür sorgte, dass auch die Nichtbesitzenden, die Beherrschten, Regierten und Ausgebeuteten eine Chance hatten, sich ein bisschen Wohlstand und Freiheit zu sichern. Im Grundgesetz steht sogar, dass Regierende und Besitzende nicht immer einig sein müssen. Da steht, dass die Regierenden auch mal was für die Nichtbesitzenden tun dürfen, zum Beispiel die Besitzenden enteignen, wenn die es mit ihrem Besitz zu weit treiben.
Stimmt schon, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland hat wirklich ein paar nette Eigenschaften, die allerdings fast nie wirkliche Folgen in Gesetzen und Handlungen der Regierung haben. Denn als das Grundgesetz geschrieben wurde, waren gerade zwei Weltkriege vorbei, und die meisten Leute wussten, dass diese Weltkriege nie passiert wären, wenn die Regierten und die Ausgebeuteten und Beherrschten und Besitzlosen nicht auf den Kaiser, nicht auf die SPD und nicht auf Hitler gehört hätten, sondern zum Beispiel auf Karl Marx oder auf Karl Liebknecht oder auf Rosa Luxemburg.
Das Grundgesetz hat seine Menschenrechte, sein Wahlrecht, seine Enteignungsideen, weil die Herrschenden im Westen sich damals, als es geschrieben wurde, davor fürchteten, die Beherrschten könnten den Sozialismus fordern, weil diese Beherrschten den Kapitalismus gerade sehr gut kennengelernt hatten.

Vor mehr als hundert Jahren, im September 1904, vor den beiden Weltkriegen, vor den Nazis, vor der ganzen Katastrophe Deutschlands im 20. Jahrhundert, hat der Sozialist Karl Liebknecht die Regierten und Ausgebeuteten und Beherrschten und Besitzlosen gewarnt. Er wusste, dass die Leute, zu denen er da redete, nicht so naiv waren wie 70 Jahre später mein Vater, denn das waren Menschen, die in der Gewerkschaft, in der Arbeiterbewegung, in der Arbeiterpartei aktiv waren. Aber er sagte ihnen, dass sie, wenn schon nicht naiv, so doch zu optimistisch waren, wenn sie glaubten, dass der Feind im Klassenkampf ihnen und ihrer besseren Idee von Gesellschaft einfach weichen würde. Er sagte: „Es ist nicht wahr, dass wir unter allen Umständen eine Kraftprobe vermeiden können. Es kann der Fall eintreten, wo wir unsre Macht, von der wir jetzt einen mehr formalen Gebrauch machen, realisieren und manifestieren müssen. Das geschieht in der drastischsten Form durch die Entfaltung eines Massenstreiks.“
Liebknecht konnte so reden mit seiner damaligen Partei, mit der SPD. Wenn man aber heute sagt, das ist eh vorbei, wenn man sagt, Massenstreiks sind utopisch, und politische Streiks sowieso nicht drin, was sagt man dann darüber, wie sich diejenigen, die den nächsten Krieg bezahlen werden wie jeden vorher, gegen diesen Krieg und jede andere Schweinerei, die kommen mag, noch wehren können? Wenn Gegenwehr utopisch ist, dann, weil die Gewerkschaften derzeit so wenig in der Lage dazu sind wie die meisten Parteien, so etwas zu organisieren. Aber wenn man das weiß, heißt das nicht, dass man weiß, dass es fünf vor zwölf ist? Liebknecht sagte damals, dass man, wenn man sagt, es sei fünf vor zwölf, oft die Antwort bekommt, man solle den Teufel nicht an die Wand malen. Er antwortete völlig richtig: „Aber der Teufel ist doch leibhaftig da; es wäre Vogel-Strauß-Politik, wenn wir das leugnen wollten. Und Genossen, wie sollen wir die ganze Welt erobern, wenn wir nicht einmal imstande sind, unsre wenigen Grundrechte, die wir schon haben, zu verteidigen, unsre jetzigen Positionen zu halten?! Dazu ist es notwendig, den Massenstreik zu diskutieren.“
Die Leute müssen lernen, sich Dinge vorzunehmen und vorzustellen, die noch nicht da sind. Die NATO macht das. Sie nimmt sich Dinge vor und übt sie, Dinge, die schrecklich wären. Sie hält Manöver ab, sie schickt Schiffe ins Schwarze Meer, sie sagt: Wir wollen gar keinen Krieg, aber nur, wenn wir mit einem drohen können, werden wir ihn vermeiden.
Na gut, aber wenn die Regierenden und die Herrschenden und die Besitzenden und die Ausbeuter dauernd drohen können, etwa mit neuen Kriegen und mit neuen Unterschieden bei der Lebenserwartung je nach Klasse, sollten ihnen dann die Regierten und die Beherrschten und die Besitzlosen und die Ausgebeuteten nicht zurückdrohen? Wie gesagt, zu wenige haben damals auf Liebknecht gehört.

Hundert Jahre Horror waren das Ergebnis. Die Welt hat keine hundert Jahre mehr, wenn ihre Zerstörung durch die Mächtigen so weitergeht. Die Superheldinnen und Superhelden im Kino werden uns nicht retten. Sie können nicht mal den Leuten das Lebensende erleichtern, die sie erfunden haben. Noch steht auf dem Papier, noch steht in Gesetzen, dass wir Rechte haben.
Wenn wir sie nicht nutzen, werden wir mehr verlieren als diese Rechte. Karl Liebknecht hatte und hat Recht, damals wie heute. Wir müssen zeigen, dass wir das verstanden haben.


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Leserbrief zu Artikel »Sich vorstellen, was noch nicht da ist«, UZ vom 10. Mai 2019





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