Ja zu Europa

Günter Pohl über unseren Kontinent
|    Ausgabe vom 10. Mai 2019

Europa ist ein Subkontinent, der zum Kontinent Eurasien gehört. Europa ist keine politische Einheit und weder von Gott noch von Menschen gemacht. Europa ist seit Dutzenden von Millionen Jahren eine Landmasse mit dazugehörigen Meeren, wo Pflanzen, Menschen und Tiere Platz finden. Europa hat 10,52 Millionen Quadratkilometer, es leben darauf 746 Millionen Menschen in 49 Nationalstaaten. Als ein Kontinent ist Europa praktizierende Materialistin und kennt daher weder Werte wie Religion noch Grundbesitz und Grenzen. Ein Kontinent macht keine Kriege, und gewiss hat Europa dafür auch kein Verständnis.
Gleichwohl wurden in den letzten siebzig Jahren ein halbes Dutzend auf ihrem Rücken ausgetragen, abgesehen von den jahrelangen Auseinandersetzungen um Separatismus oder Religion. Separatismus kennen Kontinente schon – das Abrücken der Britischen Inseln vom Kontinent zieht sich ja bereits 7 000 Jahre hin.
Die Europäische Union ist eine politische Einheit. Sie interessiert sich für die maximale Ausbeutung der in der Landmasse verborgenen Mineralien. Ihr Lebenselixier ist die menschheitsbedrohende Konkurrenz zu politischen Einheiten anderer Kontinente. Die Europäische Union erstreckt sich über 4,38 Millionen Quadratkilometer, es leben dort 512 Millionen Menschen in 28 Nationalstaaten.
Im Gegensatz zu Europa kennt die EU Werte, und zwar fünfzehn. Sieben davon sind Scheine, acht sind Münzen. Und sie kennt viele Krisen, die ihr Wirtschaftsmodell ausnahmslos alle selbst verschuldet hat: Rassismus, Umweltverschmutzung, Klimawandel, Drogenkonsum, privatisierte Medien, perspektivlose Jugend, Flucht in die Esoterik und andere Gewalt. Das alles verwundert nicht in einer Union, deren Ziele freier Warenverkehr, Wettbewerb und Wirtschaftswachstum sind. Nicht einmal mit dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte kann die EU trumpfen – der gehört zum Europarat. Der Europarat besteht aus 47 Staaten (Belarus ist Kandidat, der Vatikan gehört nicht dazu). Stünde Europa auf Institutionen – diese könnte ihr fast gefallen.
Wer ohne die Europäische Union leben will, wird mit Liebesentzug bestraft und in blinder Wut gleich als Gegner ganz Europas verhetzt. Denn die EU wäre nur zu gern Synonym des Kontinents. Blöd nur, dass die vier größten Städte Europas nach dem britischen Austritt außerhalb der EU liegen. Ihre Einwohnerschaft beträgt zwar 68,7 Prozent von der Europas (bald 59,7 Prozent), aber ihre noch 28 Länder summieren nur 46,1 Prozent (künftig 39,3 Prozent) der Fläche. Sie versucht das wettzumachen, indem sie bei „Europa“wahlen Parteien für das „Europa“parlament kandidieren lässt, die (abgesehen von der, die diese Zeitung herausgibt) auf Plakaten und in Programmen den Unterschied zwischen EU und Kontinent verschleiern. Etwa mit der Lüge, Europa habe siebzig Jahre keinen Krieg gehabt. Die Partei, die im Bundestag die aggressivste Außenpolitik vertritt, verteidigt die EU mit der dümmsten Aussage: „Europa. Die beste Idee, die Europa je hatte.“
Es wäre vertane Zeit, den Grünen erklären zu wollen, dass die beste Idee, die „Europa“ je hatte, die Aufklärung war. Dann kam lange nichts, dann der Fußball. Aus Großbritannien. Wie auch der Brexit.


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