Das Programm steht

„Melodie & Rhythmus“ lädt zur Künstlerkonferenz am 8. Juni nach Berlin ein
|    Ausgabe vom 24. Mai 2019

Das Kulturmagazin „Melodie & Rhythmus“ veröffentlichte zum Neustart im Winter 2018/19 ein „Manifest für Gegenkultur“, seit dieser Zeit wird es diskutiert und über Fragen und Forderungen gestritten. Die Redaktion und der Verlag der „jungen Welt“ wollen nun mit einer Konferenz versuchen, die vielen Vorstellungen, die formuliert werden, zu bündeln und vielleicht Antworten zu finden.
In der ersten von vier aufeinander aufbauenden Gesprächsrunden diskutiert Arnold Schölzel in seiner Funktion als Chefredakteur des „Rotfuchs“ mit dem Liedermacher Konstantin Wecker, dem Regisseur Volker Lösch, dem Schauspieler Rolf Becker und der Schriftstellerin Gisela Steineckert über die Rechtsentwicklung in der Kultur. Gefragt wird, ob es eine „wachsende geistige Obdachlosigkeit“ der Intellektuellen gibt, wie sie Siegfried Kracauer Anfang der 1930er Jahre konstatierte. Im Programm heißt es dazu: „Was ist nötig, um aus der Defensive serviler Anpassung und Resignation in eine antikapitalistische Kulturoffensive zu kommen, die nicht trügerische, sondern prometheische Träume entfalten kann?“
In einer zweiten Runde sprechen Dietmar Koschmieder, Geschäftsführer des Verlags 8. Mai, Ekinsu Devrim Danis, Redakteurin des türkischen Magazins „Evrensel Kültür“, der Konzertagent Berthold Seliger und Ekkehard Sieker aus der Redaktion der Kabarettsendung „Die Anstalt“ über die Frage, wozu das Gerede von der Überlebtheit der Printmedien und dass Hohelied auf das Internet dient. Zwischen den Runden stellt der israelische Wissenschaftler Moshe Zuckermann seine Überlegungen vor, dass Kunst schon lange Ware ist; ihr Tauschwert den Antrieb für den Schaffensprozess der meisten Künstler ausmacht, ihr Marktpreis entscheidend sei. Nicht der Gebrauchswert, also die im Werk sichtbar gemachten Erkenntnisse über Zusammenhänge in der Welt, in der wir leben, scheinen wichtig zu sein, der Markt bestimmt.
Die dritte Runde bestreiten jW-Chefredakteur Stefan Huth, Konstantin Wecker, der Komponisten Wieland Hoban und der Taz-Blogger Mesut Bayraktar. Sie fragen in Anlehnung an Hans Werner Henze nach dem entscheidenden Gebrauchswert eines Kunstwerks. Die sei die Darstellung der Freiheit des Menschen und das größte Kunstwerk die Weltrevolution, also die Frage nach den Möglichkeiten revolutionärer Kunst heute.
Die Aufgabe der Mimesis, also das Erinnern als Hereinholen früherer Erfahrungen – nicht eins zu eins, sondern aus der heutigen Perspektive, wird Thema der vierten und letzten Runde sein. Darüber spricht Susann Witt-Stahl, Chefredakteurin von „Melodie & Rhythmus“, mit Moshe Zuckermann, dem österreichischen Schriftsteller Erich Hackl und der Sängerin Esther Bejarano. Für sie heißt es „Erinnern ist ein notwendiger Akt der Rettung im Untergang der heutigen Gesellschaftsform“.
Nach dieser anstrengenden, aber hoffentlich anregenden Konferez beginnt nach einer Pause um 20 Uhr die Künstlergala mit dem Garagen-Rock-Trio Black Heino, dem Pianisten Chris Jarrett, dem Singer-Songwriter Shekib Mosadeq und dem Gitarristen Nicolás Miquea, Einschübe wird es durch den Schriftsteller Erich Hackl geben. Der Höhepunkt des Abends ist erreicht, wenn der Jazzkomponist Hannes Zerbe mit einem Quartett und Rolf Becker als Rezitator eine Komposition in Anlehnung an Hans Werner Henzes Oratorium „Das Floß der Medusa“ uraufführen. Dieses Werk widmete der Tonsetzer 1968 Che Guevara. Der Revolutionär war wenige Tage zuvor ermordet worden; der Titel des Oratoriums wurde ergänzt: „In memoriam Che Guevara“. Das bürgerliche Publikum war entsetzt; Musiker weigerten sich zu spielen; es kam zu Tumulten; die Polizei knüppelte auf die anwesenden Studierenden ein; das Stück konnte nicht zu Ende aufgeführt werden. In Erinnerung an dieses Ereignis und mit den Erinnerungen an das Jahrhunderte währende Leiden und Hoffen, die in Henzes Komposition eingeflochten sind, ist Zerbes „Floß der Medusa“ auch Sinnbild für diese Künstlerkonferenz – also ebenfalls ein Manifest für eine linke Gegenkultur.
Das vollständige Programm ist auf melodieundrhythmus.com einzusehen. Tageskarten, aber auch Karten für die Konferenz, die Gala oder auch beides können dort bestellt werden. Natürlich kann man sich auch direkt beim Verlag melden.


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Leserbrief zu Artikel »Das Programm steht«, UZ vom 24. Mai 2019





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