Das ist Europa

|    Ausgabe vom 24. Mai 2019
Deutsche Konzerne wissen, warum „Europa“ ein Glücksfall für sie ist. Die Konzernzentrale von VW (Wolfsburg) ist mit EU-Werbung geschmückt. (Foto: UZ)
Deutsche Konzerne wissen, warum „Europa“ ein Glücksfall für sie ist. Die Konzernzentrale von VW (Wolfsburg) ist mit EU-Werbung geschmückt. (Foto: UZ)

Die Zeitschrift „mobil“, die die Deutsche Bahn jedem aufzwingt, der ohne genügend Lesestoff wieder einmal ungeplant zusätzliche Stunden der Entschleunigung in einem ihrer Züge verbringt, hat ein „Sonderheft über Europa in unruhigen Zeiten“ herausgegeben. Gleich auf den ersten Seiten will mich ein Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG für die „europäische Idee“ begeistern, „schließlich ist die Deutsche Bahn ein international agierendes Unternehmen“.
Ein anderes „international agierendes Unternehmen“ scheint ebenfalls von der „europäischen Idee“ ergriffen. Den Reisenden zwischen Berlin und Hannover – hält der Zug etwa doch in Wolfsburg? – hat der Volkswagen-Konzern etwas mitzuteilen: „Volkswagen wählt Europa“. Und auch ThyssenKrupp gibt sich europäisch: „Europa ist eine Idee, für die wir jeden Tag etwas tun müssen können“. Hab ich das nicht schon mal irgendwo gehört oder gelesen? Ach ja, stand ja in der „mobil“: „Das Wohl der EU ist keine Selbstverständlichkeit. Wir alle müssen daran täglich arbeiten.“ Welche Werbeagentur diese Textbausteine wohl aus der deutschen Sprache herausmeißeln musste?
Herzstück der Europa-Ausgabe von „mobil“ ist ein großes Interview mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Auf die beinahe kritische Bemerkung des Interviewers, die „europäische Idee“ habe schon bessere Zeiten gekannt, antwortet der Deutsch-Europäer Frank-Walter ergriffen, Jean-Claude Juncker habe ihm dazu während einer nächtlichen Sitzung etwas zugeraunt: „Wenn du jemanden triffst, der an Europa zweifelt, nimm ihn bei der Hand und geh mit ihm über einen europäischen Soldatenfriedhof.“
Diese recht mehrdeutige Bemerkung des Präsidenten der Europäischen Kommission übersetzt Steinmeier dann mal lieber gleich, sonst meint noch jemand, die Toten der Kriege gegen Jugoslawien oder in den Volksrepubliken östlich der Ukraine auf dem „europäischen Friedhof“ besuchen zu wollen. Was Juncker meine, sei, dass „ein in Frieden geeintes Europa“ die vielleicht „glücklichste Idee“ sei, die „dieser Kontinent je geboren“ habe. EU, Europa, ein Kontinent der Ideen hat … glücklich, gut oder europäisch … alles höchst verwirrend.
Des Weiteren mahnt der Bundespräsident, als heiße er Gauck: „Wir dürfen nicht vergessen, wie die EU vielen armen Regionen in Europa auf die Beine geholfen hat.“ Unvergessen das Elend in Griechenland, bevor die deutsche EU mit Austeritätsdiktaten zur Rettung eilte.
Und dann kommt der Bundespräsident zu meiner großen Überraschung doch noch zum Punkt – und zwar bevor der Zug in Hannover angekommen ist: „Unsere so sehr auf den Export angewiesene Wirtschaft würde ohne den europäischen Binnenmarkt nicht funktionieren.“ In manchen Branchen gingen 80 Prozent der in Deutschland produzierten Waren in „unsere europäischen Nachbarländer“. „Das ist Europa“, fügt Steinmeier noch hinzu.
Und dieses „Europa“ ist die vielleicht beste Idee, die deutsche Konzerne je hatten. Betroffene nennen diese „Idee“ gerne auch Exportwalze.


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