Lebendige Kunst

Gustave Courbet erhob die Arbeiterklasse zum Gegenstand seiner Malerei
Von Jenny Farrell
|    Ausgabe vom 7. Juni 2019

„Die Steinklopfer“, 1849

„Die Steinklopfer“, 1849

( Gustave Courbet)

Fester Bestandteil jeder Nachrichtensendung in der kapitalistischen Welt sind Berichte von Aktienmärkten und Heldendarstellungen der Wirtschaftsbosse und Kriegstreiber. Jene, die den gesellschaftlichen Reichtum schaffen, bleiben in der Geschichtsschreibung größtenteils unerwähnt. Diese Diskrepanz ist für mich noch immer schockierend, da ich in der DDR mit einer gegenteiligen Geschichtsauffasung aufgewachsen bin und auch in der Schule unsere Literaturbücher immer Gemälde mit einer sozialistischen Thematik enthielten oder auch die Arbeiterklasse abbildeten. Einige dieser Bilder hinterließen bei mir einen unauslöschlichen Eindruck, so sehr, dass ich immer noch an sie denke und sie gelegentlich auch noch all diese Jahrzehnte später anschaue. Eines dieser Gemälde ist „Die Steinklopfer“ von Gustave Courbet.

Um dieses Gemälde in seinen historischen Kontext zu stellen:
Der französischen Juli-Revolution von 1830 folgte die Juli-Monarchie, das Bürgerkönigtum, und zunehmende Industrialisierung setzte ein. Die wirkliche Staatsmacht befand sich in den Händen derjenigen, die durch diese industrielle Umwälzung sozial aufstiegen – in den Händen der Finanzaristokratie, der Besitzer von Kohlegruben und Erzbergwerken. Unzufriedenheit verbreitete sich im französischen Proletariat und erweiterte sich auf andere große Teile der Bevölkerung. Im Februar 1848 brach die bürgerlich-demokratische Revolution aus, die die Monarchie stürzte und die Republik ausrief.

„Der Realismus ist seinem Wesen nach die demokratische Kunst.“
(Gustave Courbet, 1861).

Die Beteiligung aller demokratischen Kräfte an diesem gesellschaftlichen Umbruch führte zu einem großen Aufschwung des Realismus in Kunst und Literatur. Wie Balzac in seinen Romanen versuchten auch Maler, diese neue Realität in ihrem Werk darzustellen. Das Proletariat entwickelte sich zu einem sehr realen Gegenstand in der Kunst. Vom Kapitalismus erzeugt und gewachsen, wurde die Arbeiterklasse rücksichtslos ausgebeutet und begehrte dagegen auf. In Lyon kam es 1831 und 1834 zu Aufständen, die ganz Frankreich erschütterten und zum Erstarken der sozialistischen Bewegung führten. Das Leben des Proletariats weckte zunehmend das Interesse vieler Künstler. Die Arbeiterklasse, die um ihr Überleben kämpfte, hatte im 19. Jahrhundert kaum eigene bildende Kunst. Bürgerliche Maler stellten Arbeiter bestenfalls mitleidsvoll und sentimental dar. Nur die bedeutendsten Realisten, die wirklich volksverbundenen Künstler wie Courbet erkannten die Macht dieser neuen Klasse bereits im 19. Jahrhundert.

Gustave Courbet, vor 200 Jahren am 10. Juni 1819 geboren, forderte programmatisch die objektive Darstellung der Realität, bedingungslose Wahrheit. 1851 stellte er im Salon, der großen jährlichen Kunstausstellung in Paris, zwei Gemälde aus, die die Kunst revolutionieren sollten. Es waren die Gemälde „Die Steinklopfer“ und „Beerdigung in Ornans“. Niemand vor ihm hatte Arbeiter so mächtig und ehrlich gezeigt. Niemand vor ihm hatte die Gesichter der Bauern so realistisch dargestellt. Niemand vor ihm hatte die gewöhnlichen Menschen so groß dargestellt, zu einer Zeit, als die Genremalerei klein- und die Historienmalerei großformatig war. Courbet malt Geschichte im neuen Sinne des Wortes.

Courbets Kunst schockierte die bürgerlichen Betrachter. Einige waren begeistert, doch die meisten waren empört. Courbet glaubte jedoch fest an die historische Bedeutung seines Realismus. In der Ausstellung von 1855 stellte er seine Gemälde in einer improvisierten Holzhütte aus. Über der Eingangstür stand „Realismus, G. Courbet“. Der Katalog seiner ausgestellten Gemälde war ein künstlerisches Programm, das der Realität verpflichtet war. Diese Ausstellung machte Courbet berühmt. Er sagte, „die Sitten, die Gedanken, den Aspekt meiner Epoche meiner Auffassung gemäß wiederzugeben, … lebendige Kunst zu schaffen, das ist mein Ziel.“

Das Gemälde „Die Steinklopfer“ war eine Offenbarung. Kritiker warfen ihm sozialistische Propaganda vor. Courbet stand jedoch stolz zu seiner Arbeit. Im Katalog der Ausstellung von 1855 schrieb er: „Der Titel Realist wurde mir gegeben, so wie die Maler von 1830 als Romantiker bezeichnet wurden.“ Seine Ausssage „Realismus ist im Wesentlichen demokratische Kunst“ traf zutiefst auf Courbet zu. Er war der große Demokrat der Malerei und wurde zum Führer der realistischen Bewegung.

Selbstporträt „Der Verzweifelte“, 1844/45

Selbstporträt „Der Verzweifelte“, 1844/45

( Gustave Courbet)

Courbet war als Teilnehmer der Pariser Kommune für den Schutz der Pariser Kunstschätze verantwortlich. Später beschuldigte ihn die Bourgeoisie, die Vendôme-Säule zerstört zu haben. Er wurde inhaftiert, der Staat beschlagnahmte sein Eigentum und überwachte seine Freunde und Familie. Aufgrund schlechter Gesundheit und aus Angst vor weiteren Repressalien wanderte Courbet in die Schweiz aus. Dort starb er im Alter von 58 Jahren.

Courbet malte „Die Steinklopfer“ 1849 in seiner Heimat Ornans in Ostfrankreich. Er war 30 Jahre alt. Marx und Engels hatten im vorangegangenen Jahr das „Kommunistische Manifest“ veröffentlicht, dessen Anfang verkündet „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ und „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat“. Dies ist die maßgebende Erkenntnis der Mitte des 19. Jahrhunderts.

„Die Steinklopfer“ stellt zwei Straßenarbeiter fast in Lebensgröße dar: Das Bild misst 170 cm × 240 cm. Die Arbeiter nehmen den größten Teil des Bildes ein; sie sind die zentralen Figuren. Nach den gerade vorausgegangenen Arbeiteraufständen von 1848 war Courbets Blick auf das einfache Volk radikal. Dieses Bild von zwei Männern, von denen der eine erst am Anfang eines Lebens härtester Mühsal beginnt und der andere dessen Ende zugeht, drückt unerbittliche Härte aus. Trotz ihrer mühsamen Arbeit existieren diese Männer von einem Minimum. Ihre Kleidung ist stark zerrissen und geflickt. Die Farben, in denen sie gemalt sind, passen zu ihrem Arbeitsplatz – es dominieren Grautöne, gebleichtes Blau, erdiges Weiß und Braun. Grobe Pinselstriche erfassen die derbe Kleidung und ihre Umgebung und übersetzen sie in greifbare Realität. Das Bild wird nicht durch eine „polierte“ Oberfläche verschönert, wie es zu Courbets Zeiten die malerische Norm gewesen wäre. Dies ist ein radikaler Neuanfang in Gegenstand und Form.

Auffallend ist die rot gestreifte Weste des älteren Mannes in der Bildmitte. Es ist nicht nur ein Audruck von Würde, sondern deutet auch auf die Farbe der Arbeiterklasse. Mehr noch: die Kombination von rot gestreifter Weste, weißem Hemd und blauen Socken verweisen subtil die Farben der Trikolore, der französischen Fahne, wie sie die Revolution von 1789 hervorbrachte. Diese Farben standen einst für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Was bedeuten sie 60 Jahre später? Die verblichenen und zerfetzten Farben sind zweifellos eine bewusste Ironie von Courbet, zumal der ältere Mann sie trägt, der Courbet zufolge etwa 70 Jahre alt ist. Courbets Großvater war 1789 ein Sansculotte.

Die beiden Figuren treten scharf gegen einen dunklen Hintergrund hervor und werfen selbst Schatten, die fast mit denen des Hügels verschmelzen. Es ist Nachmittag. Nur in der oberen rechten Bildecke gibt es ein Stück blauen Himmels. Der Getreidestand deutet auf frühen Sommer, ebenso wie die Hitze der prallen Sonne. Ein großer Topf und ein einzelner Löffel direkt neben ihrem Arbeitsplatz verraten, dass sich das ganze Leben dieser Menschen um Arbeit dreht und vermitteln den Eindruck, dass die beiden verwandt sind. Sie essen am Straßenrand, es gibt keine Privatspäre.

Wir können die Gesichter der Männer nicht erkennen. Das Gesicht des älteren Mannes ist im Profil, aber nur der untere Teil davon ist unter dem schattenwerfenden Strohhut sichtbar. Der jüngere Mann, der die zerbrochenen Steine trägt, dreht sich mit dem Rücken zum Betrachter. Indem Courbet die Gesichter nicht deutlich zeigt, richtet er den Blick auf die Arbeit und ihre Bedingungen; er vermittelt nicht Mitleid, sondern Einsicht, in fast Brechtscher Entindividualisierung, die unreflektierte emotionale Anteilnahme verhindert. Courbet verwendet eine ähnliche Technik in seinem großen Gemälde von Frauen bei der Arbeit, „Die Kornsieberinnen“.

„Die Kornsieberinnen“, 1855

„Die Kornsieberinnen“, 1855

( Gustave Courbet)

Auch hier dominieren erdige Rottöne, Woll-Weiß und Blau die Palette. Wie bei „Die Steinklopfer“ ist die zentrale Figur rot gekleidet – hier noch deutlicher. Wiederum sind die Gesichter entweder, wie in der Hauptfigur, abgewendet, nach unten gerichtet oder von Schatten verdeckt, wodurch der Blickkontakt mit dem Betrachter und damit eine Individualisierung verhindert wird.

Wieder werden die Arbeiter bei der Arbeit, am Arbeitsplatz, umgeben von den Produkten ihrer Arbeit gezeigt. Und wieder sehen wir die Mittagsschüssel auf dem Bild – hier an der hinteren Bildmitte mit einer Schöpfkelle und einer weiteren Schüssel neben den Säcken. Die Töpfe, Teller, Schalen und Säcke spiegeln die Form des Siebes wider, das von der zentralen Figur in einer kraftvollen Bewegung hochgehalten wird, die mit dem müderen Eindruck der Frau zu ihrer Linken kontrastiert. Dieses Werkzeug befindet sich in der Mitte des Bildes. Ähnlich wie bei „Die Steinklopfer“ arbeiten die Arbeiterinnen in unmittelbarer Nähe zueinander, aber es gibt wenig Verbindung oder Kommunikation zwischen ihnen. Der Fokus liegt auf der Arbeit. Die Einheit der Komposition wird durch erdige Farben erreicht, die die Beziehung der Figuren zum Land und zueinander unterstreichen, und durch die vielen elliptischen oder runden Formen, die sie verbinden.

In „Die Steinklopfer“ fallen die starken Hände des älteren Mannes auf. Genau diese kraftvolle und sich wiederholende Bewegung, sein weniger flüssiges, fast mechanisiertes Aussehen, suggeriert eine Maschine und Arbeiter als Maschinen. Trotz seines Alters strahlt er Energie und Zielstrebigkeit aus. Er ist eine Kraft, mit der man rechnen muss. Vermittelt wird ein großes Gefühl von Würde.

Der jüngere Mann scheint unter dem Gewicht des Steins sehr zu kämpfen. Er ist in seinen Bewegungen noch nicht so sehr mechanisiert. Seine Kleidung ist noch zerlumpter, seine staubigen Schuhe sind zerfetzt. Beide Figuren besitzen jedoch eine mächtige physische Präsenz, die durch die auf sie scheinende Sonne erzeugt wird und wie das Licht um ihre Körper fließt.

Diese beiden Männer veranschaulichen die lebenslange Mühsal der Arbeiterklasse und ihre Lage. Ihre Anonymität ermöglicht Verallgemeinerung ohne Sentimentalität und Idealisierung. Der Künstler vermittelt seine Sympathie für die Arbeiter, ihre Würde und seine Abscheu für ein System, das von derartiger Armut und Ausbeutung lebt. Gustave Courbet war einer der ersten Maler, die das Leben der Arbeiter zum Gegenstand der realistischen Kunst machten.


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Leserbrief zu Artikel »Lebendige Kunst«, UZ vom 7. Juni 2019





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