Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 7. Juni 2019

Lernen mit Youtube
So legen sich die interessierten Konzerne die nächsten Schritte zur Beherrschung des Bildungswesens zurecht: Laut einer Umfrage unter Jugendlichen nutzen die Internetplattform Youtube vier von fünf von ihnen auch zum Lernen. Besonders Videos seien als Vorbereitung von Prüfungen oder als Wiederholung von Lernstoff bestens geeignet. Fast die Hälfte aller Befragten verwenden Youtube für die Fächer Musik, Kunst und Theater. Verständlich, in diesen Fächern fällt der Unterricht gerne aus. Der Vorteil sei, den Zeitpunkt des Lernens individuell festlegen zu können, der Nachteil, dass sie keine Lehrkräfte befragen können, wenn etwas nicht verstanden wurde. Daran arbeitet nun ein sogenannter „Rat für Kulturelle Bildung“, ins Leben gerufen von den Stiftungen der Bertelsmann AG, der Deutschen Bank, der Robert-Bosch AG und der Stiftung von PwC (PricewaterhouseCoopers). Denn angeblich wünschen sich die Jugendlichen einen „kritischeren“ Umgang mit den Plattformen in den Schulen, leider fehlt hier eine Erklärung, was denn kritischer angegangen werden müsste. Die penetrante Werbung auf den Plattformen wird als störend empfunden, wenn öffentliche Gelder in geplante Vorhaben der Bildungskonzerne fließen, kann man mit keiner oder nur vorteilhafter Werbung auskommen.

Kolonialerbe
Eine seit langem fällige Umbenennung von Straßen hat der Stadtrat der namibischen Hauptstadt Windhoek beschlossen. Elf Straßen bekommen neue Namen, so die bisher als „Luderitz Street“ bekannte Verbindung in der Stadt. Adolf Eduard Lüderitz war Anführer der kaiserlichen Truppen, die im heutigen Namibia einfielen, um die Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ zu gründen. Terror und Verwüstungen gehörten zum Alltag. Zukünftig soll die Straße an den 1998 verunglückten Richter Johannes Karuaihe erinnern, der an der Entwicklung des namibischen Rechtssystems engagiert beteiligt war. Der Stadtrat schießt auch ein wenig übers Ziel hinaus, warum unbedingt Straßen nach Mozart und Bach umbenannt werden sollen, erschließt sich nicht. Die Initiative „Völkermord verjährt nicht“ greift die Entscheidung Windhoeks auf und regt an, die vom Bezirk Berlin-Mitte bereits 2018 beschlossene Umbenennung der Berliner Lüderitzstraße und der Petersallee (ein rassistischer Kolonialoffizier) zu Ehren ermordeter afrikanischer Widerstandskämpferinnen und -kämpfer in Absprache mit der Partnerstadt Windhoek am selben Tag zu vollziehen.

Gute Entscheidung
Der Dramatikerpreis der Mülheimer Theatertage geht in diesem Jahr zum zweiten Mal an den selben Autor: Der Österreicher Thomas Köck erhält den mit 15000 Euro versüßten Preis für sein Stück „atlas“, im letzten Jahr gewann er mit „paradies spielen“. Das neue Werk war als Auftragswerk für das Leipziger Schauspiel entstanden, dort ist es auch angesiedelt. Eine vietnamesische Familie, die Mutter kam als Vertragsarbeiterin in die DDR, wurde schwanger, der Vater machte sich die Konterrevolution zu nutze und verschwand. Die Tochter wächst in den „blühenden Landschaften“ auf, irritiert und ratlos, wer und was sie ist, sucht in den Zwischenräumen der verschiedenen Kulturen ihren Platz. Nicht nur die Jury, auch das Publikum war von dem Drama angetan, so gewann Köck nicht nur den Theaterpreis der Jury, sondern auch den Publikumspreis. Das war im letzten Jahr anders, da fiel sein Stück „paradies spielen“ beim Publikum komplett durch. Alle sieben Stücke, die sich dem Wettbewerb stellten, waren geprägt von einer Hinwendung zum politischen und historischen Blick und weg von einer psychologisierenden Innerlichkeit.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 7. Juni 2019





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