Abschaffen!

Oliver Wagner zu Atomwaffen in Europa
|    Ausgabe vom 7. Juni 2019

Nicht nur die immer noch nicht abgeschalteten französischen Atomzentralen Cattenom im Département Moselle, Chooz (Ardennes) und Fessenheim (Haut-Rhin), die belgischen Uraltmeiler in Doel bei Antwerpen und in Tihange bei Lüttich sowie Reaktorblock 2 im deutschen AKW Philippsburg bei Karlsruhe bedrohen nicht weniger als die Bewohnbarkeit der Rheinregion für Mensch und Tier, wir befinden uns hier auch in lebensbedrohlicher Nähe zu drei der mutmaßlich noch fünf Atomwaffenlager der USA in Europa. Das Pentagon hat neben Italien und der Türkei auch Deutschland, Belgien und die Niederlande mit Atomwaffen bestückt.
Deren Luftstreitkräfte halten im Rahmen der „nuklearen Teilhabe“ ständig Kampfflugzeuge bereit, die im sogenannten Ernstfall mit US-amerikanischen Atomwaffen von den „Trägerstützpunkten“ Volkel im Süden der Niederlande, Kleine Brogel im Nordosten Belgiens und Büchel in der Eifel bestückt werden sollen. In diesen drei Atomarsenalen der NATO-Partner vermuten Experten jeweils mindestens 20 Atombomben mit einer Sprengkraft von jeweils 340 Kilotonnen TNT-Äquivalent, was dem 26-fachen jener Bombe entspricht, die die USA am 6. August 1945 über Hiroshima abwarfen und die bis heute mehr als 240 000 Einwohnern der japanischen Großstadt das Leben kostete.
Es ist also davon auszugehen, dass in dieser Region Atombomben gelagert werden, deren Sprengkraft dem 1 560-fachen der Hiroshima-Bombe entspricht.
Doch gegen diese menschenverachtende „Nuklearstrategie“ von USA und NATO wächst der Widerstand, auch vor den Toren und sogar in den hochgesicherten „Trägerstützpunkten“. In Büchel protestieren Kriegsgegner seit Ende März und noch bis zum 9. August 20 Wochen lang gegen die 20 dort vermuteten Atombomben.
Diese sollen – wie auch die in Kleine Brogel und die in Volkel – nun „modernisiert“ werden. Insgesamt rund eine Billion (das sind 1 000 Milliarden!) US-Dollar will die USA-Regierung in den kommenden 30 Jahren dafür verpulvern und auch ihre nuklearen Teilhaber in Europa haben angekündigt, sich neue, nicht zufällig US-amerikanische Kampfflugzeuge anzuschaffen, mit denen die neuen Atombomben der USA zu ihren Einsatzorten geflogen werden können.
Die USA sind seit der zweiten Amtszeit von Präsident Obama dabei, eine neue Generation von Atomwaffen herzustellen, mit denen sie auch ihre Arsenale in Europa bestücken wollen. Sie sollen eine noch höhere Sprengkraft haben und noch präziser eingesetzt werden können als die bisher in Europa gebunkerten „B-61“-Bomben.
So wollen die Militärstrategen in Washington angeblich „begrenzte Atomkriege“ führbar machen. Nach deren offizieller Doktrin ist geplant, die neuen, „benutzerfreundlichen“ „B-61–12“-Atombomben in sogenannten regionalen Konflikten als Drohpotential einzusetzen – sei es im Nahen Osten, dem jüngsten Aufmarschgebiet von Obama-Nachfolger Trump, oder bei uns in Europa.
Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI schätzt, dass die Atomwaffenstaaten schon bislang rund zwölf Millionen US-Dollar pro Stunde für ihre Atomwaffenarsenale ausgegeben haben. Das sind mehr als 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Schon mit der Hälfte dieser Summe ließen sich weltweit Armut, Hunger und behandelbare Krankheiten für immer beseitigen …


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Abschaffen!«, UZ vom 7. Juni 2019





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.