Interview

Tarifabschluss erkämpft

Werner Sarbok im Gespräch mit Karl Lichtenberg
|    Ausgabe vom 7. Juni 2019
Die Sana-Beschäftigten haben gezeigt, dass sie für ihre Interessen auch streiken können. (Foto: privat)
Die Sana-Beschäftigten haben gezeigt, dass sie für ihre Interessen auch streiken können. (Foto: privat)

In der vergangenen Woche hat ver.di im Tarifkonflikt mit der Sana Kliniken AG ein Ergebnis für die bundesweit rund 10 000 Beschäftigten erzielt. Darüber sprachen wir mit einem Kollegen, der in Berlin als Krankenpfleger bei dem Konzern arbeitet. Der Kollege möchte nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden, daher nennen wir ihn hier Karl Lichtenberg.

UZ: Was hat die Kolleginnen und Kollegen in dieser Tarifauseinandersetzung am meisten bewegt?

Karl Lichtenberg: Wir erleben in Pflege und Funktionsbereichen seit Jahren eine unerträgliche Arbeitsverdichtung. Für das bisher gezahlte Gehalt will hier keine Fachkraft mehr anfangen. Junge Kollegen suchen sich woanders eine Stelle. Viele kommen auch krank zur Arbeit, nur damit der Laden noch irgendwie läuft. Da haben sich viele gesagt: So geht das nicht mehr weiter! Somit hatten wir erstmals eine hohe Streikbereitschaft. Empört hat es auch viele, dass die Gegenseite sich monatelang nicht bewegt hat und nichts anbieten wollte. Die Geschäftsleitung hatte sogar behauptet, dass es bei Sana keinen Fachkräftemangel gebe. Das brachte das Fass zum Überlaufen.

UZ: Was hat der Abschluss für die Beschäftigten gebracht?

Karl Lichtenberg: Die Tarifverhandlung brachte am 23. Mai erstmals ein Ergebnis zustande, nachdem die Kapitalseite monatelang gemauert hatte. Danach soll es 4 Prozent mehr Gehalt geben, die Laufzeit aller Entgeltregelungen beträgt ein Jahr. Eine Einmalzahlung von 450 Euro, für Pflege-Azubis 50 Euro mehr und ab dem 1. Januar 2020 nochmals 50 Euro. Zum nächsten Jahreswechsel wird die Arbeitszeit im Osten angeglichen, dann beträgt die wöchentliche Arbeitszeit dort wie im Westen 38,5 Stunden.

UZ: Wie bewertest du das Ergebnis?

Karl Lichtenberg: Wir sind noch weit entfernt vom eigentlichen Ziel, mittelfristig an das Niveau des Tarifvertrages im Öffentlichen Dienst heranzukommen, und auch deutlich unter den geforderten 7 Prozent. Die Chance eines solchen Abschlusses, sollte er von den Mitgliedern angenommen werden, besteht darin, dass wir bei kurzer Laufzeit in der nächsten Tarifrunde noch kräftig nachlegen können. Die Sana-Beschäftigten haben erstmals gezeigt, dass sie auch streiken können und dass es keine Nullrunden mehr geben wird.

UZ: Wie wird der Abschluss von den Kolleginnen und Kollegen diskutiert?

Karl Lichtenberg: Der Abschluss hat keine Begeisterung ausgelöst. 4 Prozent ist deutlich unter dem Erwartungshorizont der Kollegen. Selbst die geforderten 7 Prozent waren ja nicht das, was in den Teams als wünschenswert gesehen wird. Wir diskutieren das Ergebnis weiter. Eine einstimmige Annahme wird es nicht werden. Ich hoffe aber, dass wir das, was wir im Tarifkampf geleistet haben, als Sprungbrett für die nächste Tarifrunde nutzen können.

UZ: Der Warnstreik fand am 23. Mai in Berlin und Sommerfeld statt. Welche Wirkung habt ihr erzielt und wie ist er abgelaufen?

Karl Lichtenberg: Es lief am 23. Mai nur ein Notprogramm in vielen Bereichen der Sana-Kliniken Berlin-Lichtenberg und Sommerfeld. Die OP-Bereiche waren lahmgelegt. In der Lichtenberger Kardiologie ging nichts mehr, vor allem nicht im Herzkatheterlabor. Auf vielen Stationen sorgte nur eine Notbesetzung in Früh- und Spätdienst für die Patienten. Ab 5.30 Uhr morgens standen die Streikposten. Warnstreikplakate wurden im ganzen Haus aufgehängt. Und bald darauf widerrechtlich vom Sicherheitspersonal entfernt.
Lautstarke Kundgebungen fanden vor den Haupteingängen statt. Beiträge wurden auch von Vertretern des Berliner Bündnisses für mehr Personal im Krankenhaus gehalten. Jeweils etwa 200 Streikende waren aktiv. Höhepunkt des Streiktages war die gemeinsame Kundgebung um 10 Uhr vor der ver.di-Bundeszentrale am Ort der Tarifverhandlungen.
Die 200 Anwesenden bereiteten der Verhandlungsgruppe der Kapitalseite einen lautstarken Empfang. Die war zufällig mit einer Stunde Verspätung eingetroffen und betrat dann sehr eilig das Gebäude. Von der Klinik Sommerfeld waren über 50 Kolleginnen und Kollegen mit einem Bus angereist. Von dort ging es wieder zurück an die Kliniken, um den Streik auch in der Spätschicht durchzusetzen. Die Wirkung auf die Gegenseite blieb nicht aus. Viel wurde im Vorfeld beeinflusst, geschoben und schlechtgemacht. Das Beste aber war: Am Streiktag wurden Angehörige der Pflegedirektion in Pflegearbeitskleidung gesichtet.

UZ: Gab es Unterstützung und Solidarität für euren Kampf?

Karl Lichtenberg: Es gab Unterstützung aus der ver.di-Betriebsgruppe von Vivantes. Das Berliner Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus hat sehr aktiv unsere letzte aktive Mittagspause und den Warnstreik unterstützt. Durch Redebeiträge, starke Präsenz, und durch Mithilfe bei der Kleinarbeit im Warnstreik waren die Aktivisten des Bündnisses wirklich mittendrin. Es gab viele Gespräche und die Kollegen haben das Bündnis deutlich wahrgenommen. In den Medien gab es sonst außer einem Rundfunkbeitrag nahezu keine Resonanz.

UZ: Mobilisiert ihr zu den ver.di-Aktionen zur Konferenz der Gesundheitsminister am 5. Juni in Leipzig?

Karl Lichtenberg: Natürlich wurde in den Versammlungen dazu aufgerufen, nach Leipzig zu fahren. Ich denke, es werden einige Kolleginnen und Kollegen von uns dabei sein.


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