Folter in Nonnenschule

Sandinisten nehmen Abschied von einem vorbildlichen Kämpfer
Von Enrique Herrera
|    Ausgabe vom 14. Juni 2019
Tausende nahmen an der Trauerfeier für Bismarck Martínez teil. (Foto: Jairo Cajina)
Tausende nahmen an der Trauerfeier für Bismarck Martínez teil. (Foto: Jairo Cajina)

Die sterblichen Überreste des FSLN-Mitglieds und Gewerkschafters Bismarck Martínez fand die Polizei Ende Mai in Jinotepe, 40 Kilometer von Managua entfernt. Vor elf Monaten war der 56-jährige Angestellte der Stadtwerke Managuas, Veteran studentischer Produktionsbataillone und sandinistischer Milizen während des Contra-Kriegs der 1980er Jahre, von „Autoconvocados“ (Selbstberufenen) an der Straßensperre in Jinotepe entführt und gefoltert worden. Die Täter filmten, wie sie Martínez mit einer Drahtschlinge würgten, in die Nieren traten, mit einer Pistole auf den Kopf schlugen, ohrfeigten und mit einer Chemikalie beschmierten. „Gib‘s ihm, die sind trainiert, Schmerzen auszuhalten“, hetzte eine Stimme in dem Video. Martínez bekannte sich trotz Folterung zu seiner politische Überzeugung und bezahlte mit seinem Leben.
Als Rückzugsort diente den Teilnehmern der berüchtigten Straßensperre in Jinotepe die Nonnen-Schule San José. Fotos von nackt auf dem Boden liegenden Gefesselten belegen, dass dort gefoltert wurde. Die Familie Martínez bat den örtlichen Pfarrer, den Kardinal Brenes und die Barrikaden-Besetzer vergebens um die Freilassung Bismarcks. „Sie alle wussten Bescheid, hätten ihn retten können, täuschten aber Unwissenheit vor“, kritisierte die Lebensgefährtin Bismarcks, Mirlen Méndez, im TV „Canal 4“. Auch die Menschenrechtskommission der Amerikanischen Staaten CIDH weigerte sich einzuschreiten. „Sie sagte, sie sei nur für Menschenrechtsverletzungen durch Regierungen zuständig“, beklagte Méndez.
Radiokommentator William Grigsby sagte im Sender „La Primerísima“, dass die Straßensperre in Jinotepe von Kadern der Erneuerungsbewegung MRS geführt wurde, darunter der ehemalige Armeeoffizier Roberto Samcam, der sich nach Costa Rica abgesetzt hat. Es gilt als sicher, dass hinter dem Putschversuch militärische Planung stand, bis hin zum ehemaligen Armee-Chef Humberto Ortega, der seit 1990 ein erklärter Gegner einer Präsidentschaft seines Bruders Daniel ist und für ein politisches Modell der konservativen Mitte eintritt.
Bei der Suche nach Martínez wurde nach Polizeiangaben in Jinotepe ein Waffenversteck der „Autoconvocados“ gefunden, unter anderem ein PKM-Maschinengewehr. In Managua berichtete die Polizei vom Fund vier automatischer Schusswaffen, laut Zeugenaussage versteckt vom Sohn des Konservativen Carlos Tünnermann, einem der lautstärksten Sprecher der aufständischen Alianza Cívica (AC). Dieser beteuert die Unschuld seines Sohns, der sich im September 2018 in die USA abgesetzt hat.
Für die Sandinisten steht Bismarcks Schicksal stellvertretend für alle, die im Verlauf des Putschversuchs seit April letzten Jahres misshandelt oder ermordet wurden. Es widerspricht der Mär von den angeblich friedlichen Protesten gegen die Regierung der Nationalen Einheit und Aussöhnung des Präsidenten Daniel Ortega. Dieser erinnerte bei dem zweitägigen Trauerakt für Martínez in Managua an das Schicksal des Freiheitskämpfers Augusto César Sandino, 1934 nach Friedensverhandlungen ermordet durch ein Komplott der USA mit der Guardia Nacional und der damalige Marionetten-Regierung in Managua. Sein Leichnam wurde nie gefunden.
„Unsere Antwort wird niemals Rache sein, sondern mit größter Festigkeit auch unser Leben für die Verteidigung des Friedens zu geben“, versicherte Ortega im Beisein der Familie Martínez, die sich gegen Hass und für Aussöhnung aussprach. Tausende defilierten im Kulturpalast am Sarg des Ermordeten vorbei. Die FSLN-Regierung hatte im letzten März mit der schrittweisen Haftentlassung aller wegen des Putschversuchs Inhaftierter bis zum 18. Juni begonnen, obwohl die AC ein begleitendes politisches Abkommen mit der Regierung nicht unterzeichnet hat. Grigsby warnte: „Wir müssen jetzt kräftig schlucken!“ Denn in wenigen Tagen würden die Mörder und Folterer frei herumlaufen.
Das Parlament Nicaraguas verabschiedete ein Amnestiegesetz, um die Haftentlassung juristisch zu ermöglichen. Jedoch lehnte die Alianza Cívica dieses Gesetz ab, weil es auch für die Regierungsseite gilt. Auf der Grundlage von neuen Gesetzen sind im ganzen Land 879 Komitees für Aussöhnung, Gerechtigkeit und Frieden entstanden und es wurde ein staatliches Programm zur umfassenden und politisch nicht diskriminierenden Versorgung aller während des Putschversuchs Geschädigter aufgelegt. Ob die AC die Verhandlungen mit der Regierung wieder aufnimmt, wenn alle Inhaftierten, die sie als „politische Gefangene“ bezeichnet, entlassen sind, ist ungewiss.


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Leserbrief zu Artikel »Folter in Nonnenschule«, UZ vom 14. Juni 2019





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