Interview

„Das Mahnmal gehört auf die Keupstraße“

Christoph Hentschel im Gespräch mit Kutlu Yurtseven
|    Ausgabe vom 21. Juni 2019
Die SDAJ solidarisierte sich auf dem „Festival der Jugend“ mit der Keupstraße. (Foto: SDAJ)
Die SDAJ solidarisierte sich auf dem „Festival der Jugend“ mit der Keupstraße. (Foto: SDAJ)

Im Vorfeld der Gedenkfeierlichkeiten zum Nagelbombenanschlag des NSU in der Kölner Keupstraße vor 15 Jahren erhielten die Anwohner und Geschäfte rund um die Kölner Keupstraße Drohbriefe von der rechtsradikalen „Atomwaffen-Division-Deutschland“. Im – mit Hakenkreuzen verzierten – Brief forderten die Neonazis auf, Muslime sollten Deutschland verlassen, sonst gebe es weitere Angriffe. Gleichzeitig knickt die Stadt Köln vor den Interessen der Investoren in der Keupstraße ein. Es soll kein Mahnmal geben. UZ sprach mit Kutlu Yurtseven von der Initiative „Keupstraße ist überall“.

UZ: Wie haben die Menschen die Drohbriefe aufgenommen?

Kutlu Yurtseven

Kutlu Yurtseven

Kutlu Yurtseven: Schon eine Woche vor dem Jahrestag wurden die Zettel an der Frankfurter Universität und in Heidelberg in Umlauf gebracht. Ein Bekannter wies mich dann darauf hin, dass sie auch in Köln verteilt wurden. Unter anderem in der Holweiderstraße, einer Seitenstraße der Keup­straße, wo ich früher gewohnt habe. Zunächst haben wir das nicht auf den Gedenktag bezogen.
Die, die Briefe bekommen haben, waren zum Teil beängstigt. Einige wollten erst nur im engeren Kreis mit Bekannten darüber reden, aber wie man sehen konnte, haben wir den Jahrestag trotzdem begangen nach dem Motto: „Es gibt keine Angst, es gibt nur Liebe und Solidarität.“

UZ: Hatten die Drohbriefe keine Auswirkungen auf die Gedenkfeierlichkeiten?

Kutlu Yurtseven: Die Polizei war informiert und man hat aufgepasst. Aber es wurde nichts gekürzt. Es war ganz klar, heute ist der Gedenktag und da geht es um die Kontinuität des strukturellen Rassismus und darum, dass die Betroffenen nicht ernst genommen werden. Das Gedenken darf nicht im Schatten dieser Drohbriefe stehen. Das Einzige war, dass man sich noch mehr zusammengeschlossen hat. Die Menschen haben gesagt: Wir gehen auf die Straße, wir zeigen unsere Solidarität mit der Keupstraße.

UZ: Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) sagte, es sei eine „widerwärtige Aktion“ und ein „abscheuliches Gedankengut rechtsextremer Spinner“. Gleichzeitig plant die Stadt Köln statt eines Mahnmals ein Gewerbegebiet. Wie passt das zusammen?

Kutlu Yurtseven: Ich finde es gut, dass sich Frau Reker positioniert hat gegen diese „widerwärtige Aktion“. Aber das heißt nicht, dass sie beim Mahnmal richtig handelt. Ganz im Gegenteil! Die Stadt Köln wusste von Anfang an, dass die Anwohner der Keupstraße das Mahnmal haben wollen. Der Investor wusste es auch, als er das Grundstück kaufte. So von oben herab zu sagen, das ist ein Privatinvestor, da können wir nichts machen, ist ein falsches Spiel. Es ist unverschämt, wie sich Frau Reker verhält. Sie schlägt ständig andere Orte vor und das ist untragbar. Das Mahnmal gehört auf die Keupstraße!

UZ: Es gab einen offenen Brief von Kölner Kulturschaffenden an die Oberbürgermeisterin. In diesem wird ihr vorgeworfen, ihr Handeln sei ein „Kniefall vor den Investoren“. Wie siehst du das?

Kutlu Yurtseven: Dafür gibt es keine andere Beschreibung. Man hat mal wieder das Geld über die Menschlichkeit gestellt. Der Mensch zählt heute nichts mehr, sondern es geht nur um Profite.
Die Menschen aus der Keupstraße verlangen nichts Abstruses oder völlig Unverschämtes. Sie verlangen das, was ihnen versprochen wurde und auch zusteht. Es wird so getan, als ob alle Opferfamilien eine Extrawurst haben wollen. Nein, es ist das Mindeste nach den Anschlägen, nach den rassistischen Ermittlungen und Medienberichten, nach einem Prozess, der enttäuschend war. Jedes Mal, wenn es darauf ankam, gab es wieder einen Schlag ins Gesicht der Betroffenen – auf der Keupstraße, aber auch bei den Familien der Mordopfer. Das ist einfach unerträglich.


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