Mord? Egal!

US-Navy-Mörder verlässt Gerichtssaal als freier Mann
Von Melina Deymann
|    Ausgabe vom 12. Juli 2019

Der wegen Kriegsverbrechen vor einem US-Militärgericht angeklagte Edward Gallagher ist am 2. Juli in fast allen Punkten freigesprochen worden. Lediglich für das Posieren mit der Leiche eines von ihm getöteten Jugendlichen sprach die Jury ihn schuldig. Da dafür eine Höchststrafe von nicht mehr als vier Monaten zu erwarten ist und Gallagher eine 9-monatige Untersuchungshaft hinter sich hat, verließ der den Gerichtssaal faktisch als freier Mann.
Laut Anklage hatte Gallagher, Offizier bei den „Navy Seals“, einer Elitetruppe der US Armee, bei einem Einsatz im Irak 2017 nicht nur mit der Leiche des Jugendlichen für Fotos posiert, sondern den verletzten, auf dem Boden liegenden Jugendlichen mit einem Jagdmesser getötet haben, indem er ihm mehrmals in den Hals stach. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Teenager, von dem vermutet wurde, dass er dem „Islamischen Staat“ angehörte, in einem Lazaret der US-Navy in der Nähe von Mossul.
Des Weiteren soll Gallagher mit Raketen auf Wohnhäuser, mit einem Maschinengewehr auf bewohnte Viertel und mit einem Scharfschützengewehr auf Zivilisten geschossen haben. Bei Letzterem soll er einen älteren Mann und ein Schulmädchen ermordet haben. Gallagher selbst rühmt sich damit, in einem Zeitraum von 80 Tagen 240 Menschen getötet zu haben.
Laut dem britischen „Morning Star“ argumentierte die Verteidigung, Gallagher wäre von anderen Soldaten, die ihn loswerden wollten, in eine Falle gelockt worden, konkrete Beweise würden fehlen. Die Anklage legte jedoch unter anderem von Gallagher gesendete WhatsApp-Nachrichten vor, in denen unter anderem ein Foto von ihm enthalten ist, wie er mit einem Messer in der Hand den Kopf des toten Kindes am Haar hochhält. Danach verschickte er noch die Textnachricht: „Hab‘ ihn mit meinem Jagdmesser erwischt!“
Die Jury, die in dem Prozess vor dem Militärgericht in San Diego aus fünf Marines und zwei Matrosen bestand, die zum größten Teil ebenfalls im Irak oder in Afghanistan im Kriegseinsatz waren, hielt das nicht für Beweise für einen Mord.
Zumal ein Arzt der Navy Seals im Prozess überraschend aussagte, er habe das Kind aus Barmherzigkeit getötet.
Die „New York Times“ veröffentlichte Teile eines internen Untersuchungsberichts der US-Navy zu Edward Gallagher. Darin hieß es unter anderem, dass Gallagher als Einsatzleiter des Alpha Platoons, ein Jahr lang systematisch von seinen unmittelbaren Vorgesetzten gedeckt worden sei. Dass seine Kameraden ein Jahr gebraucht hätten, um die Vorfälle zu melden, sei eine Folge davon.
Bereits vor Prozessende hatte US-Präsident Donald Trump angekündigt, Gallagher begnadigen zu wollen, falls er verurteilt würde. Trump hatte Gallagher während des Prozesses mehrmals öffentlich seine Unterstützung zugesichert und sich zum Beispiel in die Haftbedingungen eingemischt. So verkündete er zum Beispiel am 30. März auf Twitter, Gallagher werde „zu Ehren seines früheren Dienstes für unser Land … bald in eine weniger restriktive Haftanstalt verlegt, während er auf seinen Tag vor Gericht wartet“.
Nach der Urteilsverkündung twitterte Trump: „Herzlichen Glückwunsch an Navy Seal Eddie Gallagher, seine wunderbare Frau Andrea und seine ganze Familie. Ihr habt viel zusammen durchgemacht. Schön, dass ich helfen konnte!“
Das Nachrichtenportal „Inkl“ kommentierte das Urteil mit: „Das ist kein Justizirrtum. Das ist amerikanische Gerechtigkeit: Kugeln für Zivilisten, Entlastung für die staatlich gebilligten Mörder.“


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