Angst und Schrecken

NATO-Luftangriff auf eine serbische Kleinstadt vor 20 Jahren
Von Thomas Brenner
|    Ausgabe vom 19. Juli 2019
Jasmina Zivkovic am Varvariner Brücken-Mahnmal, Mai 2007. Ihr Vater starb, als er versuchte, Opfer des Angrifffs zu retten. (Foto: Gabriele Senft)
Jasmina Zivkovic am Varvariner Brücken-Mahnmal, Mai 2007. Ihr Vater starb, als er versuchte, Opfer des Angrifffs zu retten. (Foto: Gabriele Senft)

Die zerstörte Brücke am 31. Mai 1999

Die zerstörte Brücke am 31. Mai 1999

( Goran Celicanin)

Vor etwas mehr als 20 Jahren beteiligten sich zum ersten Mal seit 1945 deutsche Soldaten an einem Angriffskrieg. Die Teilnahme der bundesdeutschen Luftwaffe an einem Luftkrieg der NATO, angeführt durch die USA, gegen das zerfallende Jugoslawien wurde mit einer Lüge des damaligen Verteidigungsministers Scharping begründet, die jugoslawische Regierung plane eine gigantische ethnische Säuberung in von Kosovo-Albanern bewohnten Gebieten. Der Angriffsgrund wurde weder vor dem Krieg noch danach bewiesen, führte aber dazu, dass große Teile nicht nur der militärischen, sondern vor allem der zivilen Infrastruktur Jugoslawiens zerstört wurde. Als die großen Ziele in den großen Städten ausgingen und die Regierung in Belgrad sich noch immer nicht dem NATO-Diktat beugen wollte, ging es an die kleinen Ziele in den kleinen Städten. Militärisch durch nichts begründet, weil fernab von Militäreinrichtungen, muss man von Terrorangriffen sprechen. Ein solcher traf die Kleinstadt Vavarin in Serbien am 30. Mai 1999. Bei bester Sicht und ohne Vorwarnung wurde die Brücke über den Fluss Morava bombadiert. Die vorherige Luftaufklärung geschah durch die Bundeswehr mit ihren Tornado-Jets.
Der Angriff fand an einem Pfingstsonntag mit Markt und kirchlichem Umzug statt. Zehn Menschen wurden ermordet und zahlreiche weitere schwer verletzt. Dieses Kriegsverbrechen der NATO ist ungesühnt. Opfer und Angehörige zogen bis zum Bundesverfassungsgericht, damit die Welt nicht vergesse, was geschah. Wie Hohn wirken die Richtersprüche, dass nur ihr weggebombter Staat hätte gegen die Bundesrepublik klagen können – die Menschen selbst aber nicht.
Die Berliner Fotografin Gabriele Senft besuchte mit Friedensfreunden den kleinen Ort und hat den Menschen von Varvarin, nach vielen weiteren Besuchen mit vielen in Freundschaft verbunden, ein Denkmal gesetzt. „Target. Die Brücke von Varvarin: Dokumentation eines NATO-Kriegsverbrechens und seiner Folgen“ heißt ihr 2014 im Verlag Wiljo Heinen erschienenes Buch, in dem Anwälte wie Kläger mit ihren erschütternden Augenzeugenberichten zu Wort kommen. Zum 20. Jahrestag der Ereignisse wurde ihr Buch nun auch in Serbien verlegt.
Neben vielen anderen Publikationen ist „Target“ wohl eine der wichtigsten von Gabriele Senft. Angefangen als Fotojournalistin hat sie 1971 mit einem Volontariat bei der DDR-Bildagentur ADN-Zentralbild. Demnächst feiert sie ihren 70. Geburtstag. Grund genug, ihr Werk zu würdigen. Ihre Bilder sind oft in unserer Zeitung zu sehen. Die UZ-Redaktion wünscht ihr noch viele produktive Jahre.


„Unser Schmerz ist Ihr Schmerz“

Aus dem Buch „Target – Die Brücke von Vavarin“

„Unser Schmerz ist Ihr Schmerz, Sie sind Teil unseres Schicksals geworden, Verzeihung!“, sagte Gordana Stankovic aus Varvarin mir in diesem März – und dass der Frühling seit fünfzehn Jahren die schlimmste Jahreszeit für sie sei, da sich ein ungeheurer Druck aufbaue, denn es naht wieder und wieder jener schicksalsschwere Tag. Ihre Tochter Milica wird in diesem Mai 18 Jahre alt. Gordana kann sich nicht gemeinsam mit ihrem Mann Vojkan an dem wunderbaren Mädchen erfreuen. Er ist vor 15 Jahren an der Brücke von Varvarin ermordet worden.
Seit dem 24. März gibt es an vielen Orten in Serbien und im Kosovo Gedenkstunden, die an die schlimmen Ereignisse während der 78 Tage andauernden NATO‑Bombardierungen 1999 erinnern. Zum Auftakt dieser Trauer- und Gedenkfeiern Serbiens war ihr Bundespräsident Thomislav Nikolic in die Kleinstadt Varvarin gekommen. Er ehrte damit das Handeln betroffener Varvariner NATO-Kriegsopfer, deren Mut, durch einen Prozess, Gerechtigkeit einzufordern.
„Krieg ist die höchste Form des Terrors“ waren meine einleitenden Worte zur Buchdokumentation 2002 „Die Brücke von Varvarin“ überschrieben. Das ist nach wie vor meine tiefste Überzeugung. Und ebenso steht für mich außer Frage, dass das Töten der Zivilisten an der Varvariner Brücke kein unvermeidbarer „Kollateralschaden“ in einer kriegerischen Auseinandersetzung war, sondern ein absichtliches, bewusst herbeigeführtes Kriegsverbrechen. Damit sollte Angst und Schrecken unter der serbischen Bevölkerung verbreitet werden, wie es die USA-Militärdoktrin „Shock and Awe“ vorsieht.
„Krieg ist die höchste Form des Terrors“ – diese Aussage hat sich seitdem mehrfach in schrecklichem Maße bestätigt.
Ich selbst stand am 24. März 2014, dem Jahrestag des Beginns des NATO-Angriffskrieges auf dem Platz, welcher seit April 1999 maßgeblich mein Leben beeinflusst hat, wo wir „Mütter gegen den Krieg“, mit Bussen eines „Friedenskonvois“ aus Deutschland angereist, am Morgen nach der Zerstörung des staatlichen Rundfunk- und Fernsehsenders RTS uns fassungslos mit Belgradern im Tašmajdanpark zusammenfanden, wenige Meter neben dem zerstörten Gebäude, in dem sechzehn getötete Mitarbeiter des Senders noch unter den Trümmern lagen.
Wir begegneten dort Menschen, die sich demonstrativ selbstbewusst und beeindruckend den Button mit dem „Target“-Zeichen an die Brust geheftet hatten – eine der Belgraderinnen hatte mehrere dieser Zielscheiben angeheftet, auch symbolisch für ihre Kinder –, als lebende menschliche Ziele den NATO-Aggressoren trotzend. Auch an den öffentlichen Gebäuden waren diese anklagenden Symbole angebracht.
Unter den Versammelten war eine serbische Deutschprofessorin und eine Studentin, die eigentlich in Deutschland lebte, aber es dort nicht ausgehalten hatte, während ihre Landsleute bombardiert wurden. Wir weinten, sangen, erzählten und umarmten einander.
1999 in Belgrad begriff ich, dass es meine Aufgabe ist, von den Menschen dort zu berichten. …
Meine Fotoausstellung „Die Brücke von Varvarin“ wurde seit Sommer 2001 in Kultureinrichtungen, Schulen, Landtagen, Kirchen und öffentlichen Plätzen an verschiedenen Orten in Deutschland, Österreich und Tschechien gezeigt …
Und es gab und gibt bis heute Aktionen der direkten Solidarität mit den Varvarinern …

Gabriele Senft, Mai 2014

Zivadinka Jovanovic am Grab ihres Sohnes Milan Savic am 30. Mai 2012

Zivadinka Jovanovic am Grab ihres Sohnes Milan Savic am 30. Mai 2012

( Gabriele Senft)

Bozidar Dimitrijevic im April 2001.Er wurde bei Rettungsversuchen nach der ersten Bombadierung  durch den zweiten Angriff schwer verletzt, verlor die Finger der linken Hand und erlitt schwere Verbrennungen

Bozidar Dimitrijevic im April 2001.Er wurde bei Rettungsversuchen nach der ersten Bombadierung durch den zweiten Angriff schwer verletzt, verlor die Finger der linken Hand und erlitt schwere Verbrennungen

( Gabriele Senft)

Sonntagsmarkt in Varvarin

Sonntagsmarkt in Varvarin

( Gabriele Senft)

Sonntagsmarkt in Varvarin

Sonntagsmarkt in Varvarin

( Gabriele Senft)

„Weder in der Stadt selbst, noch in ihrer unmittelbaren Umgebung befanden sich jemals irgendwelchen militärischen Einrichtungen. Die nächstgelegene Kaserne der jugoslawischen Armee ist 22 Kilometer entfernt. Die Stadt blieb während der gesamten Zeit der Bürgerkriege in Jugoslawien von Kriegshandlungen, Truppenstationierungen, Militärtransporten und ebenso von der Herstellung kriegswichtiger Güter verschont. Das galt auch für die Zeit der Luftoperationen der NATO 1999. Varvarin galt bis zum 30. Mai 1999 unter der jugoslawischen Zivilbevölkerung als vor Kriegshandlungen sicherer Ort, deshalb waren auch Bewohner von Belgrad wegen der dortigen Bombardierungen durch die NATO nach Varvarin umgesiedelt …“
(Zitiert nach der Klageschrift, die am 24. Dezember 2001 beim Landgericht Berlin eingereicht wurde.)


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Leserbrief zu Artikel »Angst und Schrecken«, UZ vom 19. Juli 2019





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