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Überkapazitäten

Lars Mörking über Krankenhausschließungen
|    Ausgabe vom 19. Juli 2019

Die Veröffentlichung einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ist immer ein mediales Ereignis. Mit der Studie „Zukunftsfähige Krankenhausversorgung“ hat sich die neoliberale Denkfabrik allerdings selbst übertroffen. Kaum ein Medium, das nicht berichtete, dass die Anzahl der Krankenhäuser in Deutschland von 1400 auf 600 sinken sollte – zugunsten der Qualität natürlich. Sekundiert wurde dies von der ARD, die gleich am Montagabend zur besten Sendezeit einen Film von Meike Hemschemeier ausstrahlte: „Die Story im Ersten: Krankenhäuser schließen – Leben retten?“.
Bertelsmann-Studie und Film argumentieren, dass kleine Krankenhäuser keine gute Versorgung bieten, weil sie weder die erforderliche Ausstattung noch die Erfahrung dafür haben. Die genannten Beispiele dazu sind gut gewählt. Im Film ist es ein Patient, der an Bauchspeicheldrüsenkrebs leidet. Dieser wird häufig zu spät erkannt und weist deshalb eine hohe Mortalitätsrate auf, auch die Entfernung des Tumors ist eine heikle Angelegenheit. Und ja, vielleicht sollte eine solche OP nicht in einem Haus durchgeführt werden, das mit derlei Eingriffen keine Erfahrung hat. Nur, was hat das mit der Aussage des Films zu tun, dass durch die Schließung von Krankenhäusern Leben gerettet werden könnten?
In der Studie werden Herzinfarkte und Schlaganfälle vorgebracht. Schlechte Ausstattung und Mangel an Fachpersonal führten dazu, dass Patienten in kleinen Häusern nicht sofort und richtig untersucht und behandelt werden könnten. Die neoliberale Lösung kann und darf selbstverständlich nicht sein, dass die Krankenhäuser besser ausgestattet werden – sie sind ja dank eines desaströsen Systems der Krankenhausfinanzierung bereits defizitär.
Dass die Reduzierung der Zahl der Krankenhäuser auf unter die Hälfte eventuell Versorgungsprobleme mit sich bringen könnte, scheint den Auftrags-Wissenschaftlern von Bertelsmann bewusst zu sein. Deshalb haben sie ihre Erkenntnisse um die Feststellung erweitert, dass in Deutschland sowieso zu viele Menschen ins Krankenhaus gehen.
Es ist bekannt, dass die Bertelsmann-Stiftung mit „wissenschaftlichen“ Erkenntnissen Lobby-Politik betreibt. Dennoch sei hier kurz darauf verwiesen, dass Brigitte Mohn, die beim Bertelsmann-Konzern eine wichtige Rolle einnimmt, sowohl im Vorstand der gleichnamigen Stiftung wie auch im Aufsichtsrat der Rhön-Klinikum AG sitzt, die von der Schließung kleiner Krankenhäuser wohl deutlich profitieren würde. Dass die Bertelsmann-Stiftung ihre Lobbyarbeit auch bei öffentlich-rechtlichen passgenau unterzubringen vermag, zeigt auch das Beispiel der Filmemacherin Hemschemeier. Sie arbeitet beim „science media center“, das wissenschaftliche Inhalte für Journalisten aufbereitet – gefördert von der Bertelsmann-Stiftung.
Wenn jetzt noch Gesundheitsminister Spahn mit einem entsprechenden (Kompromiss-)Vorschlag à la „so schlimm wird es schon nicht werden“ ins Sommerloch platzt, dann können wir der Lobbyarbeit aus dem Hause Bertelsmann nur bescheinigen, dass sie höchst effizient ist. Dafür braucht es dann auch keine Studie, um das zu belegen.


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Leserbrief zu Artikel »Überkapazitäten«, UZ vom 19. Juli 2019





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