Bloß nicht schwindelig werden

Ein philosophischer Rundgang durch das Natur-Mensch-Verhältnis
Von Andreas Hüllinghorst
|    Ausgabe vom 2. August 2019
„… eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.“
„… eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.“

Der Mensch lebt in der Natur und kommt niemals, nicht einmal in kühnsten Phantasien, aus ihr heraus. Wir waren, sind und bleiben Naturwesen. Und zwar so sehr, dass wir als Materialisten, die von der Natur ausgehen, denken müssen: Die Natur hat den Menschen geschaffen; er ist nichts anderes als eine Existenzweise der Natur. Bevor es Menschen gab, konnte sich Natur nur evolutionär entwickeln, seit der Existenz ihres Eigenprodukts Mensch entwickelt Natur sich auch durch Arbeit. In dieser kann das Naturwesen Mensch ausschließlich Natur mit umgeformten Naturmitteln nach Naturgesetzen zu neuen Naturprodukten umwandeln.
In diesem Veränderungsvorgang erscheint aus der Sicht der Natur die Natur als aktiv und der Mensch als passiv. Aber tatsächlich ist derselbe Vorgang zugleich einer, worin der Mensch auch aktiv ist. Denn was von seiten der Natur als notwendiger Prozess gedacht werden muss, ist eine Aktivität des Menschen, sodass wir ebenso denken müssen: Der Mensch schafft sich in der Arbeit selbst.
„Arbeit fängt an mit der Verfertigung von Werkzeugen“, schrieb Friedrich Engels (Marx-Engels-Werke, Band 20, Seite 499). Den Menschen vom Arbeitsmittel her zu verstehen, scheint aus marxistischer Sicht für dessen Handeln, für sein Selbstbewusstsein und für sein gesellschaftliches Zusammenleben konstitutiv zu sein. Ein Arbeitsmittel legt fest, wie Menschen zu arbeiten haben, denn es bietet einen Rahmen für bestimmte Tätigkeiten. Auch das Bewusstsein wird durch das Mittel geprägt, denn der Mensch reflektiert sein eigenes Tun. Und schließlich ist die Gesellschaft eine Formation von Lebewesen, die auf dem Arbeitsmittel basiert: „Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmaschine eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten“, schrieb Karl Marx 1847 in „Das Elend der Philosophie“.
Doch hier tut sich ein Widerspruch im Denken auf: Sollte das Arbeitsmittel alles Menschliche begründen, dürfte nichts vom menschlichen Bewusstsein und nichts aus der Gesellschaft darin enthalten sein, also von alldem nichts, was es begründen soll. Aber es liegt in ihm ein Zweck. Dieser entspringt im Bewusstsein und nimmt die spätere Tat vorweg. In Gedanken wird vorbereitet, was man tun und haben muss, um an ein selbst bestimmtes Ziel zu gelangen. Der Mensch setzt sich einen Zweck und weiß von der Zweckmäßigkeit seiner Arbeitsmittel, des umzuarbeitenden Rohstoffs und der die Menschen zusammenführenden Arbeitsweise, um sein Ziel zu erlangen. Er hat also Bewusstsein und, weil er weiß, dass er es selbst machen muss, auch Selbstbewusstsein.
Ist also Bewusstsein das Maß für das Verhältnis von Natur und Mensch? Wie entsteht überhaupt Bewusstsein? Hierzu ist mit Engels in eine Zeit noch vor dem Werkzeuggebrauch zurückzugehen, in der sich der werdende Mensch (Hominide) seine Nahrungsmittel noch unmittelbar mit der Hand besorgt. Das Naturwesen Hominide wirkt auf einen anderen Naturgegenstand ein, der dabei auch auf den Hominiden einwirkt. Diesen doppelseiten Vorgang A → B, B → A erfährt der Hominide an seiner Hand. Sie wird über viele Jahrhundertausende zum Ausdruck dieses Verhältnisses. Und was die Hand erfasst, das erfasst auch das Bewusstsein. In der Reflexion dieses doppelseitigen Verhältnisses wird sich der werdende Mensch bewusst, dass er selbst dieses alles macht, und setzt einen Zweck: Durch diese und jene Griffe meiner Hände kann ich meine Bedürfnisse nach Aneignung dieses bestimmten Naturgegenstandes befriedigen. Von dieser zweiten Reflexion scheint sich nun der Weg zum Produktionsmittel zu bahnen. Der Hominide, durch immer neue Erfahrungen stets sicherer, fordert statt mit bloßen Händen mit Erweiterungen seiner Hände zu arbeiten, um seine Bedürfnisse realisieren zu können. Sind das anfangs naturbelassene Stöcke, Steine und Knochen, können dieselben auch zweckgerichtet verbessert werden, bis schließlich Arbeitsmittel daraus entstehen. Der Übergang zum Arbeiten und damit in die Geschichte ist gemacht.
Aus der Sicht des Selbstbewusstseins ist es selbst das bestimmende Moment im Verhältnis von Natur und Mensch. Was das Bewusstsein denkt, das wird auf bestimmte Weise auch Realität. Es bestimmt Arbeitsmittel und Zusammenarbeit. Doch das Arbeitsmittel ist mehr als das, was das individuelle Bewusstsein in das Arbeitsmittel hineinlegen könnte. Indem die Reflexion des doppelseitigen Verhältnisses nach außen in das Arbeitsmittel verlagert wird, entsteht etwas, was das individuelle Bewusstsein nicht erzeugen kann, nämlich Allgemeinheit. Das Arbeitsmittel hat nicht nur einen Zweck durch seinen Einsatz das individuelle Bedürfnisse des einen Menschen zu befriedigen, vielmehr können alle Gesellschaftsmitglieder es für ihre gleichartigen Zwecke benutzen. Insofern ist es allgemein.
Wie aber kommt Allgemeinheit in es? Es müsste aus Sicht des Selbstbewusstseins aus dem Selbstbewusstsein kommen (daher aller Idealismus). Nach den bisherigen Überlegungen sind es aber immer nur Individuen, die arbeiten und dabei Erfahrungen machen und Selbstbewusstsein haben. Insofern kann auch das Bewusstsein nicht dem Natur-Mensch-Verhältnis zum Grunde liegen. Also auch hier wieder ein logischer Widerspruch.
Auf der Suche nach der Allgemeinheit des gedachten Zwecks und der gesellschaftlichen Bestimmtheit des Arbeitsmittels stoßen wir auf die Gattung. Um einen Zweck zu denken, um den Sinn des eigenen, individuellen Tuns begreifen zu können, kommt die Gesellschaft ins Spiel. Der Mensch ist gegenständlich tätig. Das heißt nicht nur, dass er mit Gegenständen (Arbeitsmitteln) Naturgegenstände bearbeitet, sondern dieser Arbeitsvorgang, dieses doppelseitige Verhältnis zweier Naturgegenstände (Mensch und Arbeitsgegenstand) wird in der Arbeit selbst zum Gegenstand! Dies kann nicht durch das gerade tätige Individuum geschehen, sondern durch ein oder mehrere weitere Individuen, die außerhalb der Arbeitssituation des Einen stehen, aber diese Situation erfassen und darüber mit dem tätigen Mitmenschen sprechen. Erst durch die Anderen kann sich dieses Individuum seines Tuns und seines Selbst darin bewusst werden. Das Selbstbewusstsein ist also kein rein ideeller Akt im Denken, sondern ein gesellschaftlicher Kommunikationsakt und damit materiell. Es wird das natürliche doppelte Verhältnis gesellschaftlich reflektiert.
Also ist die Gesellschaft, die das Verhältnis von Natur und Mensch gründet? Zumal es erst das Selbstbewusstsein ermöglicht und damit Zwecksetzungen und damit Arbeitsmittel. Auch dies ist nur von einem Aspekt des Verhältnisses von Natur und Mensch, also von der Arbeit aus gedacht. Denn die Gesellschaft formiert sich um die Arbeitsmittel. Spätestens ab der Zeit, ab der das Herstellen von ihnen zur notwendigen Existenzabsicherung geworden ist, organisiert das Arbeitsmittel das Zusammenleben der damaligen Hordenmitglieder. Arbeitsmittel sind die geronnene Erfahrung und das geronnene Selbstbewusstsein.
Also ist dann doch der ganze Arbeitsprozess ein naturnotwendiger Zusammenhang? Nein! Durch das Selbstbewusstsein als Reflexion (!) des Arbeitsvorgangs werden Zwecke gesetzt. Die Natur erscheint im Selbstbewusstsein nur perspektivisch aus der Sicht der Menschen einer geschichtlichen Phase – und daher erscheint die Natur so, wie sie menschengerecht verändert werden soll. Insofern bestimmt der Mensch die Umwandlung der Natur nach seinen Bedürfnissen. Insofern kommt bedingte Freiheit ins Spiel. Bedingte, weil das Selbstbewusstsein sich in Widersprüche verfängt (weil das Natur-Mensch-Verhältnis widersprüchlich ist), die es korrigieren muss. Die Korrektur ist ideologischer und politischer Klassenkampf. Das Kapital kennt in Theorie und Praxis die Natur nur als Feindin und Ausbeutungsgegenstand – und wie sich heute zeigt, selbst dann noch, wenn die menschlichen Lebensgrundlagen zerstört werden. Die Arbeiterklasse hingegen befreit sich von ihren beiden Herren: vom Kapital, indem sie es revolutionär aufhebt, und von der Natur, indem sie den kapitalistischen Gegensatz auflöst und in Einheit mit, weil in ihr existiert. „Fridays for Future“ zum Beispiel ist aus dieser Sicht insofern zu unterstützen, als man den Klassencharakter des Klimakampfs aus der dort spontan sich zeigenden Empörung entwickelt. Dort nicht zu handeln, wäre ein Versagen im Klassenkampf.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Bloß nicht schwindelig werden«, UZ vom 2. August 2019





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.