„Diese wahnsinnige Lust nach Wahrheit“

Zum Tod des Schriftstellers Werner Heiduczek
Von Rüdiger Bernhardt
|    Ausgabe vom 9. August 2019
Werner Bräunig, Dr. Jochen Schäfers, Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes, Werner Heiduczek (mitte) im Kreis von Kollegen, Sommer 1968 (Foto: Wolfgang Kluge/Bundesarchiv/Bild 183-G0705-0017-001)
Werner Bräunig, Dr. Jochen Schäfers, Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes, Werner Heiduczek (mitte) im Kreis von Kollegen, Sommer 1968 (Foto: Wolfgang Kluge/Bundesarchiv/Bild 183-G0705-0017-001)

Die Besonderheit seines Schreibens war die „wahnsinnige Lust nach Wahrheit“, von der er in seinem Roman „Tod am Meer“ sprach, die seine Werke prägte, die ihn aber auch quälte und manchmal exhibitionistische Züge bekam. Dann machte er sich oder seinen Gestalten, die oft als Alter Ego wirkten, Vorwürfe: „Du wirst schuldig werden, an Menschen, die dir vertrauten.“
Werner Heiduczek, ein erfolgreicher Schriftsteller der DDR und integrer Charakter, ist am 28. Juli 2019 nach einem Schlaganfall verstorben. Geboren wurde er in einer katholischen Bergarbeiterfamilie am 26. November 1926 im damaligen Hindenburg in Oberschlesien. Mit seinem Tod musste man nach der schweren Erkrankung im hohen Alter rechnen. Erschreckend jedoch waren die Unwahrheiten und Halbwahrheiten, die mehrere Journalisten und Reporter unisono verkündeten, die selbst beim Tod keinen Respekt vor der Wahrheit des Autors hatten: Glaubt man den Nachrufen, schrieb er im Grunde nur ein Werk, den Roman „Tod am Meer“ (1977), der allerdings – so der MDR in der Nachricht von seinem Tod – verboten worden sei. Auch was sonst in den Nachrufen – meist abscheuliches Geschwätz – an Zitaten aus Rezensionen und aus der Literaturkritik der damaligen Zeit geboten wurde, erweckte den Anschein, als hätte es nur parteipolitische Verrisse über ihn gegeben. Das Gegenteil ist der Fall: Heiduczek wurde als Autor gelobt, ausgezeichnet, gefördert; in seiner Autobiografie hat man den Eindruck, dass er bedauerte, nicht öfter kritisiert worden zu sein, weil das die Reputation im Lande stets erhöht habe. Ihn mit Christa Wolf einerseits auf eine Stufe zu stellen ist unangemessen, ihn in die gleiche Reihe mit Erich Loest aufzunehmen, der als schlichter Unterhaltungsschriftsteller weit weniger Bedeutung hatte, ebenso. Es wäre schon gut, wenn die Journalisten von heute das Material von damals wenigstens kursorisch zur Kenntnis nähmen.
Heiduczeks Leben wurde wesentlich bestimmt vom Erlebnis des Krieges, von den Zerstörungen, die der deutsche Faschismus anrichtete, vom Verlust der Heimat und vom Aufbauwillen in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR: Diesen Willen besaß auch er; nach kurzer Zeit als Neulehrer studierte er in Halle und Potsdam Pädagogik, wurde erneut Lehrer, Schulrat, vieles mehr und war schließlich am Fremdsprachengymnasium im bulgarischen Burgas tätig, dann am Herder-Institut Leipzig. Heiduczek war immer als Lehrer im weitesten Sinne tätig, auch wenn er diesen Beruf oft verdammte, aus vielen Gründen und auch, weil er ihn vom Schreiben abhielt. Vieles davon ging in den überaus erfolgreichen Roman „Abschied von den Engeln“ (1968) ein, ein Roman der Marulas, die in beiden deutschen Staaten lebten. Heiduczek war darin Thomas Marula, ein Lehrer, der wie andere literarische Gestalten jener Zeit bezeichnenderweise den Namen des „ungläubigen“ Thomas trug.
Zwar trug sich der Schriftsteller kurzzeitig mit dem Gedanken, in den Westen zu gehen, einmal, als es 1977 um seine Novelle „Verfehlung“, Auseinandersetzungen gab, sie erschien erst 1986. Doch erkannte er, dass das „Literaturdiktat westlicher Medien“ unerbittlicher war als die Diskussion über seine Werke in der DDR und so entschied er sich unmissverständlich für die DDR: „Sie war seine literarische Heimat“, so schrieb er über H. in seiner Autobiografie „Die Schatten meiner Toten“ (2005).
Sein Verhältnis zu seinem Land war nicht von Liebe geprägt, aber von Hoffnung. Er akzeptierte das Land, dessen Widersprüche er wahrnahm, reflektierte und aufdeckte. Oft geschah das in Gegensatzpaaren: Kant und Marx, Sartre und Schopenhauer. Diesem Prinzip ist er treu geblieben. Dabei entstand ein umfangreiches Werk, das zwei Auffälligkeiten besitzt: Einmal ist ein großer Teil seiner Bücher für Kinder gedacht und hat dieses Publikum auch gefunden; für diesen Teil seines Werkes, so „Der kleine hässliche Vogel“ 1973, und auch für seine Mythenbearbeitungen, so „Die seltsamen Abenteuer des Parzival“ 1974, sah er eine Zukunft voraus. Zum anderen war ein zentrales Thema seines Schaffens die Bildung, die Schule und die Lehrer.
Er hatte den steinigen Weg vom Soldaten der Wehrmacht über die Gefangenschaft bei US-Armee und Roter Armee bewältigt, trat 1946 in die SPD ein. Der Roman „Tod am Meer“ (ausgeliefert 1978 in 10000 Exemplaren) wurde von politischen Dogmatikern heftig angegriffen, die sich hinter einem Einspruch des sowjetischen Botschafters Abrassimow gegen die Darstellung der sowjetischen Soldaten im Roman verschanzten. Dennoch erschien auch die eigentlich zurückgezogene zweite, auf 15000 Exemplare erhöhte Auflage. Als Heiduczek spürte, dass er von westdeutscher Seite „politisch genutzt“ (Heiduczek) werden sollte, lehnte er eine Veröffentlichung in der Bundesrepublik ab; der Roman erschien in der Schweiz. 1988 kam die 3. Auflage in der DDR, „noch vor der Wende in kurzer Folge die vierte und die fünfte“ (Heiduczek). Der Roman erschien in den achtziger Jahren auch in Polen, Anlass für den Schriftsteller, seine Heimatstadt (heute: Zabrze) wiederzusehen. So viel zu einem „verbotenen“ Buch.
Die Werke des Schriftstellers wurden intensiv diskutiert und fanden eine große Leserschaft. Ein Grund dafür war nicht zuletzt die Verknüpfung mit zahlreichen literarischen Bezugspersonen von Georg Büchner bis Rilke, von Rimbaud bis Nietzsche, Strindberg und Ibsen. Ein Pendant zu Fontanes „Schach von Wuthenow“ findet sich in der Beziehung der Figur des Jablonskis zu Mutter und Tochter Zeidler in „Tod am Meer“. In einem Übersichtsartikel im „Sonntag“, der kulturpolitisch wichtigsten Wochenzeitung der DDR, wurde 1987 festgestellt, dass Heiduczek einer „unserer bedeutenden Erzähler“ sei, „der mit „Abschied von den Engeln“ bis „Tod am Meer“ immerhin Wichtiges und Unersetzliches zu unserer Selbstverständigung beitrug“ (Rulo Melchert).
Heiduczek konstruierte in seinen Werken kaum außergewöhnliche Konflikte; die Handlungen waren eher einfach, zeitgemäß, überschaubar und einleuchtend. Was die Texte auszeichnete, war „schonungslose Offenheit“, wie Leser immer wieder feststellten. Er rekapitulierte seine eigene Biografie in seinen Romanen mit sonst unbekannter Rücksichtslosigkeit, in seiner Autobiografie bis in intimste Bereiche wie wechselnde Beziehungen, Abtreibungen, Verhältnisse und Beziehungen von Freunden und Bekannten. Seine Romane und Erzählungen berichten von zahlreichen Verlusten in Liebe und Freundschaft; seine Hauptgestalten suchen zumeist nach Schuld bei sich – so besonders in „Tod am Meer“.
Der scheinbar unvollendet gebliebene Bericht des Lehrers Jablonski endet mit seinem Bekenntnis „Die Kunst ist unmenschlich“ – ein Satz, der bei einem richtigen Abschluss gestrichen worden wäre, so der Herausgeber –, eben weil Jablonski beim Überdenken des Lebens meint, zu viel Schuld gefunden zu haben. Aber Heiduczeks gesamtes literarisches Schaffen stand im Dienst des Menschlichen.


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Leserbrief zu Artikel »„Diese wahnsinnige Lust nach Wahrheit“«, UZ vom 9. August 2019





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