Befreiend, nicht bedrückend

Von Hanfried Brenner, per E-Mail
|    Ausgabe vom 9. August 2019

Gegen zwei Aussagen in diesem Beitrag zu Picassos berühmtem Wandbild „Guernica“ möchte ich Widerspruch einlegen. Zunächst heißt es zu dem Werk: „Es wurde ein erdrückendes Szenario in Schwarz, Grau und Weiß, das das Bombardement auf Guernica durch die Flieger der Legion Condor zum Thema hat.“
Dem ist meiner Meinung nach entgegenzuhalten, dass ungeachtet des in der Tat bedrückenden Themas die Kennzeichnung des Bildes als „erdrückendes Szenario“ diesem absolut nicht gerecht wird. Handelt es sich dabei doch nicht etwa um eine Dokumentation des barbarischen Verbrechens und grausamen Geschehens von Guernica, auch wenn Picasso dieses in seinem Bild explizit thematisiert. Vielmehr hat Picasso mit einer genialen bildkünstlerischen Gestaltung seiner Emphatie mit den Opfern des Massakers und seiner Wut und Empörung über das Verbrechen in unvergleichlicher Weise Ausdruck verliehen. Damit ist das Werk eine leidenschaftliche Anklage gegen die faschistischen Mörder. Fraglos ist es ein Gemälde von höchstem künstlerischen Rang, mithin von faszinierender Schönheit. Insofern ist seine Wirkung keineswegs bedrückend. Sie kann durchaus als befreiend empfunden werden.
Zum Zweiten halte ich die Deutung für verfehlt, die in der folgenden Aussage gegeben wird: „Das hervorgehobene Pferd drückt das Leid aus, das durch die Brutalität des Stieres ausgelöst wird.“
Die Darstellung des Stiers und des Stierkampfs findet sich in Picassos Malerei und in seinem grafischen Werk immer wieder. Sie ist bedeutender Teil der persönlichen Ikonographie dieses Künstlers, die in ihren mannigfachen Gestaltungen stets ambivalent und vielschichtig zum Vorschein kommt. Davon abgesehen kann der Stier eher als Metapher für urtümliche Kraft und Vitalität gesehen werden als für Brutalität. Und so ist er wohl auch von Picasso konnotiert und gestaltet worden. Wenn hier von Brutalität die Rede sein kann, so doch wohl von der Brutalität der rituellen Abschlachtung dieses Tiers in der Stierkampfarena. Die beiden Tiermotive Pferd und Stier aus dem überaus komplexen Zusammenhang des Bildganzen herauszulösen und ihnen die moralisch konträren Funktionen einer inhaltlichen Botschaft zuzuweisen, ist einfach zu vordergründig und verstellt eine adäquate Rezeption dieses grandiosen Werkes.


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