Sehr interessant

Dortmund schlägt Bayern im Suppenkapp
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 9. August 2019
Karls Saisonvorbereitung: Füße hoch mit Blick aufs Westfalenstadion (Foto: Karl Rehnagel)
Karls Saisonvorbereitung: Füße hoch mit Blick aufs Westfalenstadion (Foto: Karl Rehnagel)

Ich radelte gegen alle guten Vorsätze nach gefühlt Monaten mal wieder in meine Stammkneipe zum Fußball schauen. Keine Ahnung, was mich erwartet, die schöne M. hat mit mir gebrochen und seit Wochen nicht geredet, nachdem ich Kritik an ihr geäußert hatte. Geht aber auch nicht, so etwas. Der Empfang war dann nicht gehässig, aber kühler als Wodka in Eisgläsern und ich wäre wohl auch nicht weniger euphorisch begrüßt worden, wenn ich eine Topfblume oder ein Sack halbmehliger Kartoffeln gewesen wäre. Tja. Eigentlich wollte ich mir diese Karnevalsveranstaltung, den „Suppenkapp“, wie er hier genannt wird, auch gar nicht ansehen. Allerdings wollte ich schon mal all die neuen Wundereinkäufe in Schwarz und Gelb begucken. Davon spielte außer Nico Schulz nun aber überhaupt keiner und der von Bayern nach Dortmund zurückgeholte Hummels hatte seine beste Szene, als er in der VIP Lounge eine Currywurst bestellte, wie der „Spiegel“ am nächsten Tag zu berichten wusste. Sehr interessant.
Das Spiel selbst war erstaunlich gut, Dortmund hatte dabei gefühlt zwei andere Neuzugänge: Raphael Guerreiro spielte fantastisch und Julian Weigl, eigentlich eine Schlaftablette erster Kajüte, rannte und verteilte Bälle, als wäre er Klein-Messi. Die Bayern, oder Bauern, wie der Dortmunder sagt, spielten gefällig, aber irgendwie träge. Einzig Joshua Kimmich schien wirklich gewinnen zu wollen, was er in der zweiten Halbzeit deutlich zeigte, als er völlig überdreht Jason Sancho volle Pulle auf den Fuß trat, und zwar außerhalb des Spielfeldes und auch noch ganz ohne Ball. Dazu gab es eigentlich keine zwei Meinungen, eine glatte rote Karte, aber der Schiedsrichter schien im Gedanken bei Kartoffelsalat mit Knackern in Omas Schrebergarten zu sein oder hatte schlicht Angst vor Ulli Hoeneß‘ roter Birne. Er zeigte jedenfalls ein waschlappenweiches Gelb. Absurd.
Insgesamt gab es schöne Torszenen auf beiden Seiten und ganze zwei Tore für die Borussia. In beiden Fällen, so schien es zumindest von meinem Platz aus, hatte die lebende Bahnschranke Boateng den entscheidenden Fehler gemacht. Selbiger dürfte in den kommenden Monaten wohl kaum noch für die Bayern auflaufen, ist er doch körperlich wie gedanklich auf der Höhe einer gemeinen Malayischen Turmdeckelschnecke (Wie ich am nächsten Tag las, war es wohl beide Male Thiago mit dem Fehler. Was an meinem Urteil über Boateng aber absolut überhaupt nichts ändert). So gewannen wir ein recht hübsches Spielchen, wobei ich mich mehrfach fragte, wer im Außenbereich der Kneipe gratis Kokain ausgegeben hatte. Eine beträchtliche Anzahl junger Männer um uns herum überdrehte vollkommen, grölte, schrie, spuckte und pöbelte, als würde das Wohl des Universums, zumindest aber der kokainische Gratisausschank vom Ergebnis dieser als Fußballspiel verkleideten Werbeveranstaltung abhängen. Selten so viel Vollverblödung auf so engem Raum erlebt. Wirklich schaurig, das.
U., der Mann ohne Zähne, torkelte mit einem genuschelten „Bis morgen“ von dannen und die schöne M. entschwand mit einem gequältem „Tüss“, das ziemlich genau zweite Wort, das sie heute an mich richtete. Ja nun. Gartenbro A., der junge J. und ich tranken noch unbekümmert in Ruhe unser letztes Bier, fachsimpelten über Mario Götze, den kleinen dicken Jungen, der seinen Vertrag nicht verlängern möchte, weil er statt zehn Millionen im Jahr „nur noch“ acht bekommen soll, die Friday-for-future-Kids, die A. und ich nachmittags besucht hatten, und auch noch warmen Jägermeister, Letzteres völlig ohne erkennbaren Zusammenhang. Auf dem Weg nach Hause fragte ich mich einmal mehr, was mich eigentlich in diese Spelunke lockt, kam aber nicht auf eine angemessene Antwort und legte meinen verrauchten Körper wacker aufs Kissen, bevor mir möglicherweise doch noch etwas einfiel. War alles in allem dann ja doch: sehr interessant.


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Leserbrief zu Artikel »Sehr interessant«, UZ vom 9. August 2019





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