Barrikaden in der Bogside

Vor 50 Jahren zog das britische Militär im Norden Irlands ein und die „Troubles“ begannen
Von Colm Laighneach
|    Ausgabe vom 16. August 2019
Das zum 25. Jahrestag der „Battle of the Bogside“ enthüllte Wandbild in Derry zeigt den 13-jährigen Paddy Coyle während der Kämpfe mit der Polizei. (Foto: [url=https://www.flickr.com/photos/jimmyharris/2259476182/in/photostream/]Jimmy Harris[/url])
Das zum 25. Jahrestag der „Battle of the Bogside“ enthüllte Wandbild in Derry zeigt den 13-jährigen Paddy Coyle während der Kämpfe mit der Polizei. (Foto: Jimmy Harris / Lizenz: CC BY 2.0)

Während der Gestank von CS-Gas über einem katholischem Ghetto in einer kleinen irischen Stadt noch in der Luft hing, gingen die Bilder der drei Tage und Nächte dauernden Schlacht zwischen Anwohnern und Polizei bereits um die Welt. Die „Battle of the Bogside“ im August 1969 machte die Welt auf den anachronistischen und sektiererisch-rassistischen Charakter von „Nordirland“ aufmerksam und offenbarte den barbarischen Charakter der britischen imperialen Politik in Irland.
Zum ersten Mal seit der Teilung Irlands wurde die Armee des britischen Empire ins Blickfeld gerückt und als wichtigster Garant der britischen Interessen der herrschenden Klasse in Irland entlarvt. Der heldenhafte Widerstand der Frauen, Männer und Kinder der Bogside, einem Viertel außerhalb der alten Mauern von Derry, war Teil eines Wiedererwachens, das von Reform zur Revolution und zurück zur Reform in einem Zyklus von Ereignissen führte, die heute euphemistisch als die „Troubles“ (Schwierigkeiten) bekannt sind.
Britanniens Rolle in Irland bestand immer darin, die personellen und materiellen Ressourcen des Landes zu zerstören und sektiererische/rassistische Methoden als bevorzugte Kontrollmechanismen zu verwenden. Unionistische und loyalistische Protestanten (eine Minderheit in Irland) wurden eingestellt und mit kleineren Privilegien belohnt, als Gegenleistung für ihre Treue zum Empire. Diesen Privilegien stand die Unterdrückung der illoyalen Massen (in diesem Fall der Katholiken) gegenüber – durch Verweigerung der politischen Macht, der Beschäftigung, anständigen Wohnraums und durch gewaltsame Einschüchterung.

Karneval der Reaktion
Die Revolution von 1916, der Osteraufstand, etwas mehr als fünfzig Jahre vor der Schlacht in der Bogside, hatte zum Ziel gehabt, den Einfluss des britischen Imperialismus zu brechen, der eine „Minderheit von der Mehrheit getrennt“ hatte (so die Proklamation der Irischen Republik), indem sie eine Republik gründete, in der die Religions- und Bürgerfreiheiten verankert waren. Zu diesem Zweck erhob sich Irland und führte von 1919 bis 1921 einen Guerillakrieg gegen die Macht des britischen Empires, der die britische Herrschaft über ganz Irland unmöglich machte.
Der Imperialismus war diesem Widerstand jedoch zuvorgekommen und machte Pläne für die Fortsetzung seiner Kontrolle und Herrschaft. Irland wurde so gespalten, dass eine künstliche pro-imperiale unionistische Mehrheit im Nordosten mit sechs Bezirken geschaffen wurde. In den übrigen 26 Bezirken wurde eine zutiefst konservative und anti-republikanische Regierung eingesetzt.
Die Teilung Irlands 1921 und die folgende Konterrevolution, die die fortschrittlichen Kräfte besiegte, führten zur Gründung eines reaktionären Gebildes im Norden, die zu einem „Karneval der Reaktion“ führen sollte, wie der marxistischen Visionär und Gründungsvater der Irischen Republik, James Connolly, vorausgesagt hatt.
Dieser Karneval der Reaktion zeigte sich nicht nur in der Verweigerung der nationalen Demokratie durch die Schaffung einer künstlichen Mehrheit in sechs Bezirken, sondern auch in der Diskriminierung der Katholiken auf allen Ebenen des Kleinstaats.
Die unionistische Mehrheit glaubte, dass es ihre Pflicht und ihr heiliges Erbe sei, als Gefängniswärter für die verdächtige und illoyale katholische Minderheit zu fungieren. Die Sicherheitskräfte des Staates sahen es als ihre Aufgabe an, ihre Nachbarn zu demütigen und zu schikanieren. Der erste Premierminister des Staates im Norden erklärte „Nordirland“ zu einem protestantischen Staat für ein protestantisches Volk, dessen Belohnung es sei, über seine katholischen Nachbarn zu regieren.

Apartheid in Irland
Die Stadt Derry verkörperte 1968 diese Praxis der irischen Apartheid. Obwohl es in der Stadt eine irisch-nationalistische Mehrheit von mehr als zwei zu eins gab, wurde die Kontrolle der politischen, zivilen und sicherheitspolitischen Funktionen von Unionisten dominiert, die ihre Macht nutzten, um Katholiken unverhohlen von allen Aspekten der Gesellschaft auszuschließen. Katholiken wurden als die trägen, faulen und unwerten Armen angesehen, die der moralischen Stärke beraubt waren und nicht mehr erlöst werden konnten, die im Inneren gefesselt und nur als Lumpenproletariat nützlich waren. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Klassen des Unionismus betrachteten ihre Arbeiterbrüder mit paternalistischer Gunst, akzeptierten diese Schirmherrschaft als Teil ihres loyalen Erbes und sahen sie nicht als Unterdrückung an. Überwacht und aufrecht erhalten wurden die starren Klassenstrukturen, Ordnung und soziale Harmonie durch die anti-katholische Organisation „The Loyal Orange Institution“, besser bekannt als Oranier-Orden.
Die irisch-nationalistische Bevölkerung in Derry blieb, bei allen Beschwerden, angesichts der scheinbaren Allmacht des Staates passiv – wie auch andere Gebiete der sechs Bezirke im Norden Irlands. Der bewaffnete Kampf, das übliche Mittel zur Veränderung in Irland, hatte in jüngster Zeit keine Unterstützung in der Bevölkerung mehr gefunden und die katholische Bevölkerung schien dazu bestimmt zu sein, in ihrem Ghetto unter und über den Mauern ihrer eigenen Stadt zu schmachten, verdammt durch ihre eigene Passivität.

Erwachender Widerstand
Doch bereits 1963 – inspiriert vom Erfolg des US-amerikanischen Bürgerrechtsaktivismus und in Anerkennung der Notwendigkeit, Vertrauen und Bewusstsein zu wecken – gründeten Aktivisten eine breite Front, die „Northern Irish Civil Rights Association“ (NICRA), bestehend aus Kommunisten, Republikanern, Verfassungsnationalisten, Gewerkschaftern und Studenten.
Für die Progressiveren war die Strategie, grundlegende reformistische Forderungen in dem sicheren Wissen zu stellen, dass der Staat sie nicht erfüllen konnte oder wollte und damit seinen teuflischen Charakter offenbaren würde. Die konservativeren Elemente sahen jedoch das Streben nach gleichen Bürgerrechten als Selbstzweck.
Diese Koalition startete eine Kampagne des zivilen Widerstands und des friedlichen Protestes.
Am 5. Oktober 1968 organisierten Bürgerrechtler eine Demonstration durch das Zentrum von Derry. Der Marsch wurde verboten. Als die Demonstranten, darunter auch Abgeordnete des Parlaments, sich diesem Verbot widersetzten, ging die Polizei mit Schlagstöcken auf sie los. Die Aktionen der Polizei wurden im Fernsehen übertragen und verursachten in ganz Irland, insbesondere bei den Nationalisten im Norden, große Wut. Am nächsten Tag demonstrierten 4 000 Menschen in Solidarität mit den Demonstranten auf dem Guildhall Square im Zentrum von Derry. Dieser Marsch verlief friedlich, ebenso wie eine weitere Demonstration mit bis zu 15 000 Menschen am 16. November. Es sollte der Beginn einer Eskalation von zivilen Unruhen werden.
Im Januar 1969 organisierte die linke Studentengruppe „People‘s Democracy“ einen „Bewusstseins-Marsch“ von Belfast nach Derry. Der Marsch wurde brutal von sich nicht im Dienst befindenden Beamten der Ulster Special Constabulary (einer militärischen Reserveeinheit der Polizei, auch bekannt als B-Specials) und ulsterloyalistischen Paramilitärs fünf Meilen außerhalb von Derry angegriffen. Als die Demonstranten am 5. Januar in Derry ankamen, brachen Kämpfe zwischen ihren Anhängern und der Polizei aus. Als Reaktion darauf brach die Polizei in Häuser in der katholischen Bogside ein und überfiel deren Bewohner. Danach wurden Barrikaden in der Bogside errichtet und Patrouillen organisiert, um die Polizei fernzuhalten. Ein Wandbild wurde geschaffen und verkündete: „You are now entering Free Derry“ (Sie betreten jetzt das freie Derry).

Kalkulierte Beleidigung
Am 19. April kam es zu Zusammenstößen zwischen NICRA-Demonstranten, Loyalisten und der Polizei in der Bogside-Gegend. Polizeibeamte brachen in das Haus von Samuel Devenny (42) ein, einem Katholiken, der nicht am Aufstand beteiligt war, und verprügelten ihn und seine jugendlichen Töchter schwer. Devenny starb am 17. Juli an seinen Verletzungen.
Am 12. Juli, dem Tag, an dem Protestanten in Ulster den Sieg des protestantischen Königs Wilhelm von Oranien über den katholischen König James feiern und vor allem durch katholische Viertel marschieren, gab es weitere Unruhen in Derry, im nahegelegenen Dungiven und in Belfast. Während der Zusammenstöße in Dungiven wurde der katholische Zivilist Francis McCloskey (67) von Polizisten mit Schlagstöcken geschlagen – er erlag am nächsten Tag seinen Verletzungen. Aus Angst vor weiteren Angriffen gründeten die Bewohner die „Derry Citizens Defence Association“ (Vereinigung zur Verrteidigung der Bürger von Derry, DCDA). Die Mitglieder der DCDA waren zunächst Aktivisten des „Republican Club“ (und wahrscheinlich der IRA), aber sie wurden von vielen anderen linken Aktivisten und Menschen aus der Gegend unterstützt. Sie lagerten vor dem „Apprentice Boys of Derry March“ (Marsch des Oranierordens“) am 12. August Material für Barrikaden und Raketen ein.
Die jährliche Apprentice-Boys-Marsch am zweiten Samstag im August erinnert an einen protestantischen Sieg und gilt als Feier der unionistischen Herrschaft. Der Marsch ist für viele Katholiken eine Provokation. Eamonn McCann, ein Organisator der neuen Bewegung, schrieb, der Marsch werde „als kalkulierte Beleidigung der Katholiken in Derry angesehen“.

Pennys, Steine, Tränengas
Im Laufe des Marsches hatten einige Loyalisten Pennys von der Spitze der Mauern über der Bogside auf die Katholiken unten geworfen – als Anspielung auf deren Armut und ihren Platz in der Gesellschaft. Jugendliche aus der Bogside reagierten mit dem Schießen von Murmeln. Als die Parade den Rand der Bogside passierte, schleuderten die Katholiken Steine und Nägel, was zu einer heftigen Konfrontation führte. Während die Polizei mit den Randalierern in der William Street kämpfte, ermutigten Beamte an der Rossville-Street-Barrikade Protestanten, Steine über die Barrikade hinweg auf die Katholiken zu werfen. Die Polizei versuchte, die Barrikade zur Verteidigung der Bogside zu demontieren. Das Ergebnis war eine Lücke, die es protestantischen Zivilisten ermöglichte, durch die Barrikade zu kommen, was die katholischen Bewohner davon überzeugte, dass ihre Häuser angegriffen würden. Jugendliche reagierte mit dem Werfen von Brandflaschen und hielt den Vormarsch der Polizei auf. Die DCDA koordinierte den Widerstand und überwachte die Herstellung und Lieferung von Brandflaschen sowie die Positionierung von Barrikaden. Sie gründeten auch „Radio Free Derry“.
Die Polizei reagierte auf diese Situation, indem sie das Gebiet mit CS-Gas einnebelte. Insgesamt 1 091 Kartuschen mit jeweils 12,5 Gramm und 14 Kartuschen mit 50 Gramm CS-Gas wurden in dem dicht besiedelten Wohngebiet freigesetzt.
Am 13. August hielt der Premierminister des Staates im Süden Irlands, Jack Lynch, eine Fernsehrede über die Ereignisse in Derry, in der er sagte, dass er „nicht zusehen könne, wie unschuldige Menschen verletzt und vielleicht noch Schlimmeres würden“.
Am 14. August waren die Auseinandersetzungen in der Bogside an einem kritischen Punkt angelangt. Fast die gesamte Gemeinde dort war zu diesem Zeitpunkt mobilisiert worden. Die Polizei begann Schusswaffen einzusetzen. Zwei Aufständische wurden in der Great James Street angeschossen. Die B-Specials, die quasi-militärische und tief sektiererische Reserve der Polizei, wurden einberufen und nach Derry geschickt, was bei den Bogsidern die Angst vor einem Massaker auslöste.

Nur der Anfang
Am Nachmittag des 14. Juni unternahm der nordirische Premierminister James Chichester-Clark den beispiellosen Schritt, den britischen Premierminister Harold Wilson aufzufordern, Truppen nach Derry zu schicken. Bald darauf wurde die britische Armee eingesetzt, mit dem Befehl, die Polizei und die Bogsider zu trennen, aber nicht zu versuchen, die Barrikaden zu durchbrechen und die Bogside selbst zu betreten.
Dies war die erste direkte Intervention der Londoner Regierung in Irland seit der Teilung. Die britischen Truppen wurden von den Bewohnern der Bogside zunächst als neutrale Kraft gegenüber der Polizei und insbesondere den B-Specials begrüßt. Nur eine Handvoll Aktivisten in der Bogside, insbesondere die Parlamentsabgeordnete Bernadette Devlin, lehnte den Einsatz britischer Truppen ab. Diese gute Beziehung hielt jedoch nicht lange – die „Troubles“ eskalierten.
Bei den Ausschreitungen in Derry wurden über 1 000 Menschen verletzt, aber niemand getötet. Ein Aufruf der Northern Ireland Civil Rights Association, die Ressourcen der Polizei zu erhöhen, um den Bogsidern zu helfen, führte zu Ausschreitungen in Belfast und anderswo, bei denen neun Menschen starben. In derselben Nacht (am 14.) verbrannte ein loyalistischer Mob alle von Katholiken bewohnten Häuser in der Bombay Street in Belfast. Über 1 800 Menschen (meist Katholiken) wurden aus ihren Häusern in Belfast vertrieben.
Als die Bewohner des Bogside ihren Sieg über die verhasste Polizei feierten, merkten nur wenige, dass ihre Probleme gerade erst begonnen hatten.

Unser Autor ist Mitglied des Parteivorstandes der Kommunistischen Partei Irlands
und ehemaliger republikanischer politischer Gefangener.

Aus dem Englischen von Melina Deymann


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Leserbrief zu Artikel »Barrikaden in der Bogside«, UZ vom 16. August 2019





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