Zur Türkei, zur Türkei

Als Mansfelder Bergleute in die Türkei auswandern wollten
Von Paul Sielaff
|    Ausgabe vom 16. August 2019

Die Situation in der Türkei und die sommerlichen Urlaubsreisen in die Türkei sind Dauerthemen. Da fällt mir eine Geschichte ein, die Jahrhunderte zurückliegt, die aber ebenfalls in einen Sommer fällt und zwar im frühen 17. Jahrhundert. Zu verdanken haben wir die Erinnerung an die damaligen Vorgänge dem Schriftsteller Otto Gotsche.
Es war wohl ein „kühner Plan“, den die Mansfelder Bergleute damals heimlich fassten, dennoch erfuhren ihre Frauen im Dorf noch am selben Tag davon. „Der Beschluss war beängstigend; die jungen Burschen legten fest, sich am Morgen nach der kürzesten Nacht des Jahres zu versammeln und auszuwandern“, schreibt Otto Gotsche in dem Buch „Mein Dorf“. „Nach der Türkei, ins Morgenland. Ohne Widerspruch stimmten auch Schieferhäuer, Lohnknechte, Hölfahrer, viele ältere Berggesellen und Hüttenleute zu.“ Der Grund, die Heimat zu verlassen, war naheliegend: „Der Zwang, der Druck und der Hunger riefen nur neue Abwehrakte hervor, brachten neue Gewalttaten, Drohungen und Gegendrohungen“, berichtet der Schriftsteller. „Und die Untertanen, die Bergknechte, die Lohnknechte, die Knappen, alle, die immer mehr zu rechtlosen Halbsklaven heruntergedrückt wurden? Sie lehnten sich gegen die Obertanen auf …“ So sank die Zahl der Bergleute in Mansfeld von 1015 im Jahr 1597 auf 512 im Jahr 1605. Im benachbarten Eisleben verringerte sich die Zahl von 900 im Jahr 1589 auf 430 im Jahr 1605.
Heutzutage schwärmen viele Menschen vom Mansfelder Land, der Heimat Martin Luthers und seiner Vorfahren. Lutherstätten gibt es viele, und sie alle werden gerne besucht. Doch geprägt wurde der Landstrich, der im heutigen südlichen Sachsen-Anhalt liegt, vom Schieferbergbau. Ein bergmännisches Fachbuch aus dem Jahre 1881 lässt einiges von der Untertagearbeit der „Treckejungen“ ahnen. An dieser Menschenschinderei etwas zu ändern sahen die Grubenherren keinen Grund. Als „Krumbhälse“ wurden die Bergleute verachtet, die wegen ihrer schweren Arbeit über die Jahre körperlichen Schaden nahmen.
Da kam damals ein „Balsamträger“ gerade recht, der das Mansfelder Land durchwanderte. Er berichtete den „Krumbhälsen“ von der Türkei und welch „großartiges Herrenleben die Bergleute“ dort führten. Ein hoher Verdienst ermögliche ein wahrhaft fürstliches Leben. Doch warum ausgerechnet die Türkei? Otto Gotsche gibt die Antwort: „In jener Zeit stürmten die Janitscharenhorden der türkischen Sultane über den Balkan hinaus bis nach Ungarn, nach Siebenbürgen, die Donau herauf, bis nach Wien … Die Türkei, die Türkei – das war im Schwange…“ Nur zu gerne glaubten die Menschen in ihrer Not also den Berichten des „Balsamträgers“.
Nun trafen sich die „Krumbhälse“ in jener kürzesten Sommernacht morgens um 4 Uhr vor einer Schenke, die in der Neuzeit immer noch den Namen Türkeischenke führte. Allein – sie blieben. Schuld war, wenn wir es so nennen wollen, ein dicker buckliger Bergmann, der plötzlich auf einer Weide am Gasthof saß. Er redete den „Krumbhälsen“ ihr Vorhaben aus. Sie sollten doch an die Familien und ihre Heimat denken. Nicht nur das Elend blieb ihnen somit erhalten, auch der Spott kam später noch hinzu. Der Mansfelder Chronist Giebelhausen berichtete in Gedichtform über „Die Türkei-Schenke in Wolferode“. Die „Krumbhälse“ hätten sich nicht mehr vor dem Strebe quälen wollen, behauptete er, ein jeder wollte den Herren spielen. „Kurz, dazumal gab es so wie heute/Auch schon viel und faule Leute.“
Jahrhunderte vergingen. „Wir haben die Mächtigen verjagt und ihre Macht zertrümmert, auf den Schächten rings um mein Dorf setzen die einfachen Leute ihre Zeichen, wurde die Arbeiterklasse zur herrschenden Klasse.“ So endet das Buch „Mein Dorf“, das 1982 erschien. Doch die Geschichte, wie wir wissen, ging und geht weiter.


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Leserbrief zu Artikel »Zur Türkei, zur Türkei«, UZ vom 16. August 2019





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