Kultursplitter

|    Ausgabe vom 16. August 2019

Botschafter deutscher Literatur
Zuletzt las man selten seine Buchbesprechungen in der UZ, seine Annotationen zu neuen Arbeiten im „Internationalen Referateorgan Germanistik“ oder zu kulturellen Ereignissen: Krankheiten und das Alter zwangen ihn zu größeren Pausen. Geboren am 22. April 1929 in Breslau-Lissa war er 1946, nach einer Zimmermannslehre, der jüngste Neulehrer Thüringens. Nach dem Studium machte er seine Geburtslandschaft zu einem seiner Themen: Er schrieb seine Doktorarbeit über den Schlesier Gerhart Hauptmann und widmete auch dessen Bruder Carl Hauptmann große Aufmerksamkeit. In seinen Aufsätzen, in Buchbeiträgen (so in „Dichter-Häuser in Thüringen“, 1996) und Essays war die Welterfahrung zu finden, die er sich lebenslang erworben hatte: Ob als Lehrer im russischen Tambow oder bei der Weiterbildung polnischer Deutschlehrer, im vietnamesischen Hanoi und im indischen Hyderabad. Er war Lehrer, Wissenschaftler, Botschafter der deutschen Literatur und seines Landes, das ihn in die Welt schickte und das es nicht mehr gab, als er und seine Frau 13 Jahre später, 1992, nach Eisenach zurückkehrten. In Vietnam wurde er ausgezeichnet mit dem „Orden der Freundschaft“. Der marxistischen Haltung blieben er und seine Frau Lucia, ohne die er nicht zu denken war, treu. Kaum bekannt ist der Dichter Bernhard Igel: Sein Band „Im Säuseln unserer Birke“, als Privatdruck erschienen, wies seine Liebe zur Natur aus, die er auch fast bis zuletzt in einem gepflegten Garten mit dem Blick auf die Wartburg lebte. Sein Gedicht „Ausblick“ schließt mit den Zeilen: „Luthers Patmos,/sein Eremos mons,/Walters und Wolfgangs/freundliches Domizil:/die Wartburg“. Nun musste er sich von ihr trennen; uns bleibt, ihm für seine Liebe zur Literatur, sein Hilfe für alle Bildungsbeflissenen – bis ins hohe Alter betreute er Germanisten in Kuba – zu danken und sich seiner zu erinnern. Dr. Bernhard Igel ist am 19. Juli, wenige Monate nach seinem 90. Geburtstag, gestorben.

Rüdiger Bernhardt

Radikale Empathie
Am 5. August ist Toni Morrison in einem New Yorker Krankenhaus gestorben. Sie wurde 88 Jahre alt. Sie ist eine der wenigen Schriftstellerinnen, die den Literaturnobelpreis bekamen, sie ist auch die erste und einzige Afroamerikanerin, der die Auszeichnung zugesprochen wurde. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, von früh an mit Rassismus und Diskriminierung konfrontiert, wurde ihre Waffe das literarische Schreiben. Im Laufe ihres artistischen Lebens schrieb sie 11 Romane, viele Kurzgeschichten und war über viele Jahre Universitätslehrerin in Princeton (New Jersey). Morrison ging mit ihrem Schreiben auf eine gewisse Distanz zu Vorläufern wie James Baldwin und Richard Wright, deren Werke sie als Ausdruck der „Konfrontation zwischen dem weißen und dem schwarzen Mann“ verstand. Sie wollte Figuren schaffen, die nicht gegenüber einer weißen Leserschaft gerechtfertigt oder erklärt werden mussten, wollte – zuallererst, wenn auch nicht exklusiv – ein afroamerikanisches Publikum ansprechen. Würde das Werk der Literaturnobelpreisträgerin in diesem Sinne beherzigt, so müsste das amerikanische Staatssiegel auf seiner Kehrseite fortan nicht mehr eine Pyramide, sondern einen Baum zeigen – den Baum aus Blut und Wunden, der sich aus den eiternden Peitschenstriemen auf dem Rücken der flüchtigen Sklavin Sethe bildet. Das weiße Amerika könnte dann nicht mehr „im Dunkeln spielen“, so nennt Morrison im gleichnamigen Essayband den Umgang der Nation mit den Nachtseiten ihrer ferneren und jüngeren Vergangenheit, sondern hätte sich der historischen Verantwortung gegenüber den nichtweißen Mitbürgern zu stellen. Toni Morrisons Schaffen wäre nicht genügend gewürdigt, ohne einen Hinweis auf die Besonderheiten ihrer Sprache. Sie schrieb ungemein präzise, selten verlief sich ein Text in einer schwelgerischen Phrase, sie kam geschmeidig auf den Punkt. Es ist eine fühlbar weibliche Sprache, die jedoch nie dazu einlädt, sich bequem auszuruhen.

Herbert Becker


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