Krankheit als Geschäft

Teil II: Weitere Akteure im Gesundheitsmarkt
Von Richard Corell und Stephan Müller
|    Ausgabe vom 23. August 2019

Im zweiten Teil der UZ-Serie zum Gesundheitswesen beschäftigen sich die Ökonomen Richard Corell und Stephan Müller mit der pharmazeutischen Industrie, Fragen der Finanzierung und der Rolle des Staates.


Die Praxis verlässt der Patient meist mit einem Rezept, das er in der Apotheke einlöst. Die Apotheken werden beliefert von einem stark monopolistisch strukturierten Großhandel. Gesundheitsminister Spahn versucht derzeit, „den Apotheker“ vor der „Internetapotheke“  zu „schützen“. Es soll europaweit verboten werden, den deutschen Apotheker zu unterbieten. Die bürgerlichen Zeitungen unken schon, es werde ihm ergehen wie Dobrindt/Scheuer mit der Maut.
Pillen und Brillen
Die Krankenhausapotheke führt neben den üblichen Tabletten, die der Patient auch daheim nimmt, noch Antibiotika, Chemotherapeutika, Narkosemittel, Infusionen etc.
Die Apotheken beziehen ihre Produkte letztlich von der pharmazeutischen Industrie. Hier dominieren Monopole wie Roche und Novartis (Schweiz), Pfizer (USA), Johnson und Johnson (USA), Bayer (gerade in Prozesse vor US-Gerichten wegen des mutmaßlichen Krankmachers Glyphosat verwickelt), Sanofi Aventis (Frankreich), oder Glaxo Smithkline (GB). Die Beträge, die in diese Taschen fließen, sind nicht unerheblich. In den Krankenhäusern machen sie etwa 15 Prozent der Kosten aus, im ambulanten Bereich zahlten im Jahr 2018 die Kassen 38,67 Milliarden für Arzneimittel und damit fast so viel wie für die ärztliche Behandlung (39,42 Milliarden).
Heil- und Hilfsmittel wie Brillen, Hörgeräte, Orthopädietechnik werden von darauf spezialisierten Firmen hergestellt. Dass auch hier recht gut verdient wird, zeigte sich beispielsweise 2015, als Siemens seine weltweit führende Hörgerätesparte für über zwei Milliarden Euro an den schwedischen Investor EQT verkaufte. Die jetzt Sign­ia genannte Gruppe hatte Anfang 2015 bereits den dänischen Konkurrenten Widex übernommen. Signia steht in monopolistischer Konkurrenz zur führenden Schweizer Phonak-Gruppe, die sich durch die Übernahme der Resound-Gruppe verstärkt hatte. Vertrieben werden die Produkte über Läden und Ladenketten wie Kind, die insbesondere durch das Engagement beim Fußballverein Hannover 96 bekannt geworden ist. Der Markt für Brillengläser wird dominiert von der französischen Essilor-Luxottica-Gruppe; ganz vorne mischt auch Zeiss kräftig mit.
Rolle des Staates
Er soll „den Rahmen setzen“, so die Ausbildung von Ärzten und sonstigem medizinischen Personal organisieren und regeln. In manchen Ländern geht die Regulierung weit über die Zulassung (bei uns der berüchtigte Numerus clausus) und Ausbildungsordnungen hinaus. So werden bei verstaatlichten Gesundheitssystemen wie  in Großbritannien Ärzte und Schwestern direkt vom Staat eingestellt und bezahlt (National Health Service).
Bei uns wird ein Großteil der ambulanten und stationären Leistungen über die 1883 von Bismarck zur Befriedung der Arbeiterschaft dekretierte Krankenversicherung (KV) abgerechnet. Wie das zu geschehen hat, war von 1911 bis 1975 in der Reichsversicherungsordnung (RVO) geregelt. Danach wurde die RVO ins Sozialgesetzbuch (SGB) überführt.
Wer soll zahlen?
Die Diskussionen um die KV flackern immer wieder auf. Stichworte: Trennung gesetzliche und private Kassen, Bürgerversicherung, wer zahlt wie viel ein (Beamte, Selbstständige), auf welche Einkommen werden Beiträge erhoben (Mieteinnahmen, Kapitalerträge), Beitragsbemessungsgrenzen, Leistungsumfang der KV, Zuzahlungen und Eigenbeteiligung. Immerhin ist über ein Viertel der Versicherten (vor allem Selbstständige, Beamte) bei privaten KVen, unter denen einer der weltgrößten Versicherungskonzerne, die „Allianz“, einen vorderen Platz belegt.
Was die Kliniken betrifft, gibt es den angesprochenen Krankenhausbedarfsplan und die naive Vermutung, wir würden Steuern bezahlen, um Schulen und Kliniken zu bauen und zu betreiben.
Seit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz 1972 werden (theoretisch) alle Kosten, die durch die Behandlung von Patienten entstehen (Betriebskosten), durch die Krankenkassen getragen, die Investitionskosten durch die Bundesländer (duale Finanzierung).
Die genannten Bereiche müssten zur weiteren Untersuchung noch besser gegliedert und eingeordnet werden. In Studien bürgerlicher Institute wird die Klarheit allerdings der klassenbedingten Profitsicht geopfert. So werden die Produktions- und Dienstleistungsbereiche der Gesundheitsversorgung, die Gewinne erwirtschaften, der Industrie zugeordnet, die kostenträchtigen Belange wie Krankenversorgung dem Gesundheitswesen. Unterschieden wird hier zwischen erstem und zweitem Gesundheitsmarkt, der Gipfel der „ganzheitlichen“ Betrachtung ist dann das „Zwiebelmodell“ mit Kernbereich, Vorleistungs- und Zulieferbereich.


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Leserbrief zu Artikel »Krankheit als Geschäft«, UZ vom 23. August 2019





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